Club-Aktion:

Verkehrssicherheit – Miteinander statt Gegeneinander

26.04.2018

Die diesjährige Clubaktion des ACE richtet sich gleichermaßen an Rad- und Autofahrer. Denn zu einem guten Miteinander auf der Straße ist Rücksichtnahme von allen Verkehrsteilnehmern gefragt.

Ein sonniger Dienstagmorgen in Kamp-Lintfort am Niederrhein. An einer großen Kreuzung mitten in dem knapp 40.000-Einwohner-Städtchen treffen sich kurz nach sieben Uhr die Vorstandsmitglieder des ACE-Kreises Niederrhein. Der Kreisvorsitzende Jörg Starke sowie die Vorstandsmitglieder Anne Kramer und Uwe Planz wollen hier einmal ganz genau beobachten, wie es die Auto- und Radfahrer mit den Verkehrsvorschriften halten. Unterstützung erhalten sie dabei vom SPD-Landtagsabgeordneten und ACE-Mitglied René Schneider.

Ehrenamtliche des ACE schauen auf Rad- und Autofahrer

Jeweils zwei ACE-ler haben die Auto- beziehungsweise Radfahrer im Blick. Achten die Autofahrer auch die Vorfahrt der Radler? Setzen sie den Blinker? Sind sie durchs Smartphone abgelenkt? Und wie sieht es mit dem Schulterblick aus? Auch bei den Radfahrern wird auf die Ablenkung durch das Smartphone geachtet, außerdem wird geschaut, ob sie die Straße anstelle des Radwegs benutzen und ob sie per Handzeichen den Autofahrern signalisieren, dass sie abbiegen wollen. Zusätzlich wird dokumentiert, wie viele Radfahrer einen schützenden Helm tragen.

14. Jahresaktion zur Verkehrssicherheit

Die Aktion „Fahr mit Herz“ ist bereits die 14. Jahresaktion zur Verkehrssicherheit, die die Ehrenamtlichen der ACE-Kreise durchführen. In den vergangenen Jahren wurde unter anderem auf Ladungssicherung geachtet, Blinkmuffel wurden gezählt, Schulwege unter die Lupe genommen und das Verhalten der Autofahrer an Bushaltestellen beobachtet. Im vergangenen Jahr stand die Clubaktion unter dem Motto „Finger weg“. In ganz Deutschland waren die ACE-Ehrenamtlichen dem „Smombie“ auf der Spur, dem Fußgänger, der während des Gehens auf sein Handy starrt. Dabei fiel auf, dass sich nicht nur Fußgänger, sondern auch viele Fahrradfahrer vom Smartphone ablenken ließen. So war die Idee geboren, dieses Jahr die Radler mit in den Fokus zu rücken und zu schauen, wie gut Auto- und Radfahrer im Verkehr aufeinander achten.

Immer mehr Fahrradfahrer unterwegs

Denn während Autofahrer in den vergangenen Jahren in vielen Städten weitgehend allein auf der Straße waren, so nimmt doch der Radverkehr seit einigen Jahren wieder kontinuierlich zu. Und seit es Pedelecs auf dem Markt gibt, wird Radfahren zunehmend auch für Menschen, die vorher nicht auf zwei Rädern unterwegs waren, interessant. Ältere Menschen haben die Vorzüge der Elektrounterstützung ebenso zu schätzen gelernt wie Pendler, für die Pedelecs eine echte Alternative zum Auto geworden sind. Längere Distanzen sind möglich, man kommt nicht so ins Schwitzen wie bei einem normalen Fahrrad und tut trotzdem etwas für seine Gesundheit.

Dass immer mehr Radfahrer unterwegs sind, ist keine rein subjektive Beobachtung. Nach Zahlen des Sinus-Instituts, die im Fahrrad-Monitor Deutschland 2017 veröffentlicht wurden, ist die Beliebtheit des Fahrrads als Verkehrsmittel in den vergangenen vier Jahren um 13 Prozent gestiegen. Im Freizeitbereich lag der Anstieg bei sechs Prozent. Mehr als jeder dritte Deutsche, 34 Prozent, nutzen das Fahrrad regelmäßig als Verkehrsmittel, 21 Prozent mehrmals die Woche, 13 Prozent sogar täglich. Hauptgründe für die Fahrradnutzung sind Umwelt (56 Prozent), Gesundheit (51 Prozent) und Kosten (47 Prozent).

Pedelecs werden immer beliebter

Vor allem die Pedelecs sind der Motor des neuen Fahrradbooms. Wurden 2011 noch 330.000 Elektroräder in Deutschland gekauft, so waren es 2017 schon rund 680.000 Stück – Tendenz weiter steigend. Die 82,7 Millionen Einwohner Deutschlands besitzen insgesamt 73 Millionen Fahrräder, davon sind rund drei Millionen Elektrofahrräder. Der Anteil der Räder mit Hilfsmotor am Fahrrad-Absatz in Deutschland ist von fünf Prozent im Jahr 2010 auf 15 Prozent in 2016 angestiegen.

So positiv die Zunahme des Fahrradverkehrs auch ist, so gibt es doch auch Schattenseiten. Unfallforscher sind in Sorge. So sagt ein Sprecher des Deutschen Verkehrssicherheitsrates – wo auch der ACE Mitglied ist – dass die positive Unfallentwicklung im Straßenverkehr seit 2010 keine Entsprechung bei den Radunfällen fände. Jeden Tag stirbt mindestens ein Fahrradfahrer, alle sieben Minuten wird ein Radler verletzt. In absoluten Zahlen sind das für das Jahr 2016 81.274 verletzte Fahrradfahrer (einschließlich Pedelecs) und 393 tödliche Unfälle mit dem Fahrrad, 62 davon mit einem Pedelec. Laut der Unfallforschung der Versicherer war bei 63 Prozent der Fahrradunfälle ein Pkw beteiligt.

Politik soll Infrastruktur für Radfahrer anpassen

Kein Wunder, dass auch die Erwartungen an die Politik steigen, bei der Verkehrsinfrastruktur dem wachsenden Fahrradanteil Rechnung zu tragen. Laut Fahrrad-Monitor Deutschland wünschen sich 63 Prozent, dass mehr Radwege gebaut werden, 55 Prozent wollen sichere Abstellanlagen und 44 Prozent mehr Fahrradstraßen. Und auch der ACE hat bereits Forderungen an die Verkehrsplaner formuliert. So sollen gefährliche Kreuzungen unbedingt baulich entschärft und Fahrradwege ausgebaut werden. Außerdem sollte generell mehr Platz für schwächere Verkehrsteilnehmer, also Radfahrer und Fußgänger, vorgesehen werden. Konkret ist damit beispielsweise gemeint, dass die Aufstellflächen auf Mittelinseln für Fußgänger und Radler verbreitert werden.

Autofahrer ohne Schulterblick, Radfahrer ohne Helm

Mit der diesjährigen deutschlandweiten Clubaktion sollen jetzt belastbare Zahlen gesammelt werden, um vor Ort gefährliche Kreuzungen zu identifizieren und damit die Politik zum Handeln aufzufordern. Am Beispiel Kamp-Lintfort zeigt sich, dass ein gutes Drittel der Autofahrer den Schulterblick vergessen hat, obwohl zur absoluten Rushhour kurz vor Schulbeginn um acht ein Radfahrer nach dem anderen mit teilweise hohem Tempo auf dem Radweg über die Straße fährt. Auf die Aufmerksamkeit der Radler können die Autofahrer dabei nur bedingt zählen – rund zehn Prozent sind durch ihr Smartphone abgelenkt. Dass ein Crash vermutlich böse Folgen hätte, zeigt ein anderes Detail: Nur etwa sieben Prozent der beobachteten Radfahrer trugen einen schützenden Helm.

Für René Schneider ist es ein „Wunder, dass hier noch nichts passiert ist“. Ein Kreisverkehr wurde bereits abgelehnt, jetzt ist eine Ampellösung im Gespräch. Der Landtagsabgeordnete hofft, dass die Zahlen, die er mit den ACE-Ehrenamtlichen ermittelt hat, dazu beitragen, die Dringlichkeit zu unterstreichen, wenn in den nächsten Wochen die Planungen für diese Kreuzung konkretisiert werden.