Club-Aktion:

Arbeitsweg – Pendler testen Alternativen

29.03.2017

Muss es immer mit dem Auto ins Büro gehen? Fünf ACE-­Mitglieder haben Alternativen für ihren Arbeitsweg getestet.

Gefühlt war in Stuttgart den ganzen Winter über Feinstaubalarm. Die Diskussion, wie mit den anhaltend schlechten Luftwerten umzugehen ist, hat – bedingt durch die stabilen Hochdruckgebiete der vergangenen Monate – an Schärfe gewonnen. Von Fahrverboten ist die Rede, auch wenn noch niemand genau weiß, wie diese aussehen sollen. Doch Mobilität ist – nicht nur – für Arbeitnehmer ein Muss. Wie also in die Innenstadt kommen, wenn es mit dem Auto zeitweise nicht mehr möglich ist?

Der ACE hat mit seinem Projekt „Gute Wege“ ACE-Mitglieder aus Stuttgart und der Region gesucht, die bereit waren, Mobilität jenseits des eigenen Autos einmal auszuprobieren. Nach einer ausgiebigen Mobilitätsberatung ging es für das Gute-Wege-Team nicht nur an die Organisation von Tickets für den Nahverkehr, auch ein Faltrad und ein S-Pedelec wurden Testpersonen zur Verfügung gestellt. Denn oft müssen Pendler erst zu einer Haltestelle kommen, wer die U-Bahn direkt vor der Haustür hat, kann einfacher umsteigen und braucht normalerweise keine Mobiltätsberatung.

Um das Ergebnis etwas vorwegzunehmen: Möglich wäre der Umstieg für alle. Tatsächlich steigt aber nur eine Pendlerin endgültig um – für alle anderen geht es erst mal weiter wie bisher.

Mit dem Faltrad in der Bahn

Situation: Peter Knöll pendelt jeden Tag 60 Kilometer mit dem Auto oder seinem Elektro-Mountainbike. Bei Feinstaubalarm fährt er mit den Öffentlichen (zum halben Preis), die Verbindung mit zweimaligem Umsteigen zwischen Bus und S-Bahn ist aber nicht wirklich optimal, denn der Bus hat oft Verspätung. Morgens fährt der Lehrer mit dem Auto – wenn es gut läuft – in 45 Minuten, die Rückfahrt kann bis zu zwei Stunden dauern. Diesel-Fahrverbote würden ihn betreffen, sein Ford Focus erfüllt nur die Abgasnorm Euro 5.

Alternative: Peter Knöll fährt mit der S-Bahn von Plochingen nach Stuttgart, verzichtet aber auf die Busfahrten. Für die 2,5 Kilometer von zu Hause zum Bahnhof und vom Bahnhof zur Schule bekommt er ein Faltrad. Das ermöglicht ihm die erwünschte Bewegung, macht ihn aber auch unabhängig vom unzuverlässigen Bus. Falträder sind leicht und lassen sich kompakt zusammenklappen, sie dürfen in Bussen und Bahnen mitgenommen werden. Normale Räder sind während der Hauptverkehrszeiten nicht erlaubt.

Kosten: Mit dem Auto zur Schule kostet 2280 Euro im Jahr, dazu kommen 150 Euro Parkgebühren. Für ein Jobticket werden 1255 Euro fällig, gute Falträder gibt es ab 700 Euro. Bei Kosten von 20 Cent pro Kilometer ist auch ein Einzelticket (5,20) etwas günstiger als das Auto (sechs Euro).

Fazit: Das Faltrad ist praktisch, aber keineswegs mit einem normalen Rad zu vergleichen. „Wenn ich eines hätte, würde ich es benutzen“, sagt Knöll. Anschaffen will sich der passionierte Radler aber keines – das Faltrad wäre bei ihm nur ein Drittrad. „Ich bleibe bei meinem Mobilitätsmix. Vielleicht nutze ich aber öfter mal den ÖPNV statt dem Auto – den fand ich bisher immer zu teuer.“

Problemlose Kombination von Bus und Bahn

Situation: Sieben Kilometer einfache Fahrt hat Alexander Rieger von Fellbach ins Büro nach Stuttgart, da er morgens um halb sieben anfängt sind die Straßen leer und er braucht mit seinem Chevrolet Captiva Diesel nur eine knappe Viertelstunde, bei der Arbeit steht ihm ein kostenloser Parkplatz zur Verfügung. Wegen der Feinstaubproblematik hat er aber „ein schlechtes Gewissen“.

Alternative: Alexander Rieger hat mehrere Möglichkeiten, um mit Bus und S-Bahn oder Bus und U-Bahn zur Arbeit zu kommen. Am Anfang und Ende steht aber immer auch ein kleiner Spaziergang.

Kosten: Mit dem Auto kostet ihn der tägliche Arbeitsweg 759 Euro im Jahr, ein Jobticket gäbe es für 591 Euro.

Fazit: 168 Euro Ersparnis wären bei einem Umstieg drin, der Preis dafür ist Alexander Rieger aber zu hoch. Denn er müsste jeden Morgen 20 Minuten früher aufstehen. „Wäre mein Arbeitsplatz aber nur etwas weiter in der Innenstadt, würde das vom Verkehr her schon ganz anders aussehen“, sagt Rieger. „Der Test hat sich aber gelohnt, kommen die Fahrverbote, habe ich Alternativen. Aber bis dahin fahre ich mit dem Auto.“

Der Umstieg ist gelungen

Situation: Barbara Schäfer „kommt ohne Auto nirgends hin“, wie sie sagt. Zwar wohnt sie eigentlich sehr zentral am Rand der Stuttgarter Innenstadt, aber es ist ein guter Kilometer bis zur U-Bahn – steil bergauf. An Radfahren oder Laufen ist nicht zu denken, da sie auch ihre Tochter morgens zur Bahn mitnimmt, die den schweren Ranzen dabeihat.

Alternative: Rund um die U-Bahn-Haltestelle gibt es genügend kostenfreie Parkplätze, wo Barbara Schäfer ihr Fahrzeug abstellen kann, um dann mit der Bahn weiterzufahren. Eine andere Alternative wäre – vor allem, wenn es zu Fahrverboten kommt – mit einem Elektroroller zur Haltestelle zu fahren. Auch auf einem Roller könnte ihre Tochter problemlos mitfahren. Mit diesem könnte sie außerdem – wenn sie 16 wird – unabhängig mobil sein.

Kosten: Mit dem Auto zehn Kilometer ins Büro zu pendeln, ist teuer. Zu den 836 Euro Autokosten kommen noch 450 Euro Parkgebühren pro Jahr hinzu. Die Kombination Auto und ÖPNV ist deutlich billiger: Für die Kurzstrecke zur U-Bahn summieren sich die Kosten auf 211 Euro pro Jahr, das Jahresticket für die Bahn gibt es für 848 Euro. Ein Elektroroller würde etwa 2000 Euro kosten, die Kosten für die Pendelstrecke zur U-Bahn lägen damit bei 88 Euro.

Fazit: „Ich steige um“, erzählt Barbara Schäfer freudestrahlend nach dem zweiwöchigen Test. Alles habe super geklappt und sie komme „entspannt und ausgeruht ins Büro“. An der U-Bahn gab es immer einen Parkplatz, länger als vier Minuten hat sie nie auf die Bahn gewartet. Kein Wunder, hat sie doch gleich drei zur Auswahl. Auch einen Sitzplatz hat Schäfer immer gefunden, statt im Stau zu stehen gab es dann „mein Handy-spiel in der Bahn“. Vor allem die Unabhängigkeit hat ihr gefallen, sie konnte nach der Arbeit noch bummeln und irgendwo einsteigen, statt zurück zum Auto zu gehen. „Man ist mit der Bahn wesentlich freier“, sagt sie. Von der jährlichen Einsparung wird aber – so fürchtet Barbara Schäfer – nicht viel übrig bleiben: „Ich werde nach der Arbeit wohl öfter mal gemütlich shoppen gehen.“

Mit 45 km/h auf zwei Rädern unterwegs

Situation: 21 Kilometer quer durch den Stuttgarter Talkessel muss Manfred Heller, am liebsten fährt er mit dem Rennrad. Für jeden Tag ist das aber auch keine Lösung, mit dem Auto oder dem ÖPNV ist er über eine Stunde unterwegs. Die U-Bahn braucht rund 50 Minuten und ist chronisch überfüllt, hinzu kommen Busfahrt und Fußweg.

Alternative: Für den geübten Radfahrer gibt es ein S-Pedelec, mit dem Geschwindigkeiten bis 45 km/h möglich sind.

Kosten: Mit dem Auto hätte Manfred Heller Kosten von rund 2000 Euro pro Jahr, der ÖPNV kostet 763 Euro. Ein S-Pedelec gibt es für rund 3000 Euro, dazu kommen Wartungskosten von rund 200 Euro jährlich, die Versicherung mit 50 Euro sowie Stromkosten von rund 25 Euro.

Fazit: Für Manfred Heller, der „stillsitzen in der Bahn furchtbar“ findet, ist das S-Pedelec eine „super Sache“. Gibt er richtig Gas, ist er etwa 20 Minuten früher bei der Arbeit, im Tourenmodus kann er sich das Duschen bei der Arbeit sparen, weil „man auch am Berg nicht ins Schwitzen kommt“. Kaufen will er sich aber kein neues S-Pedelec, weil „ich schon mehrere Fahrräder im Keller stehen habe und ja auch nicht mehr so lange arbeiten muss“.

Der ÖPNV ist für das Auto keine Alternative

Situation: Anette Häcker pendelt von Kernen im Remstal in die Stuttgarter Innenstadt, zweimal in der Woche holt sie ihre Tochter von der Schule ab. Über kurz oder lang benötigt die „überzeugte Autofahrerin“, wie sie von sich selbst sagt, nicht nur wegen der drohenden Fahrverbote eine Alternative zum Auto – bei ihrer Arbeitsstelle wird es demnächst wohl auch ein Parkraummanagement geben. Das heißt, Parken für Nicht-Anwohner wird sehr teuer.

Alternative: Allein der Umstieg auf den ÖPNV ist in dem kleinen Ort nicht möglich, aber Park&Ride könnte machbar sein. Fünf Kilometer sind es zur nächsten S-Bahn-Haltestelle, von dort geht es mit der S-Bahn zum Stuttgarter Hauptbahnhof und weiter mit der U-Bahn ins Büro. Auch Anette Häckers Tochter kann mit dieser S-Bahn zur Schule fahren.

Kosten: Das Pendeln mit dem Auto kostet 1694 Euro im Jahr, zum Park&Ride-Platz wären es 484 Euro, das Jobticket kommt auf 1069 Euro – eine kleine Ersparnis wäre also drin.

Fazit: „Solange es irgendwie möglich ist, werde ich mit dem Auto fahren“, davon ist Anette Häcker nach dem zweiwöchigen Test überzeugt. Es habe zwar alles überraschend gut geklappt, „mich aber auch unheimlich gestresst“. Denn manchmal gab es ein paar hundert Meter vor dem Parkplatz einen Stau – hätte sie die S-Bahn verpasst, hätte sie 20 Minuten warten müssen und das ganze Zeitmanagement hätte nicht mehr funktioniert. Auch war der Parkplatz schon morgens um sieben relativ gut gefüllt. „Wer eine S-Bahn später fährt, kann sein Auto nicht mehr abstellen“, ist sich Anette Häcker sicher. Auch die Fahrt in der vollen S-Bahn brachte keine Entspannung, „ganz schlimm war der Umstieg am Hauptbahnhof – es war rappelvoll und man ist teilweise nicht durchgekommen“. Mittags fährt ihre S-Bahn sogar nur im Halbstundentakt, deshalb „bin ich jeden Tag zur U-Bahn gerannt, um den Jüngsten pünktlich abzuholen“. Der „positive Effekt der Gleitzeit war weg“. Außerdem hatten sich die Fahrtzeiten von etwa 30 auf 50 Minuten deutlich erhöht. Insgesamt waren die zwei Wochen für Häcker „besser als befürchtet, aber eben auch keine wirkliche Alternative“. Sollte es nächsten Winter wirklich Fahrverbote geben, glaubt Anette Häcker nicht, dass das funktionieren würde. „Der Park&Ride-Platz und die Bahnen sind jetzt schon bis zum Anschlag voll.“

Mehr über das ACE-Projekt finden Sie bei „Gute Wege“.

ACE-Info

So berechnen sich die Autokosten: Da das Auto ja nicht abgeschafft wird, werden nur die variablen Kosten (Sprit, Verschleiß, Wartung) herangezogen. Je nach Größe des Wagens, Benziner oder Diesel, Kurz- oder Langstrecke, werden zwischen 19 und 25 Cent pro Kilometer angesetzt. Ein Pendler fährt im Schnitt an 220 Tagen im Jahr zur Arbeit, ein Lehrer an 190 Tagen.