Ratgeber:

Citroën – Von der 2 CV Kasten-Ente zum Berlingo

03.08.2018

Die Kunst des Kastenwagenbaus beherrschen viele Hersteller. Aber nur Citroën verstand es von Anfang, an die kleinen Fourgonnette charismatisch so aufzuladen, dass sie Kult wurden für Firmen wie für Familien. Eine überraschende Geschichte, die mit der legendären Ente begann und heute vom Berlingo weitererzählt wird.

Paris im Hochsommer 1951. Rechtzeitig vor den großen Ferien kam ein skurriler kleiner Kastenwagen in Fahrt, der für Generationen von Studenten Fernweh verkörpern sollte und die Welt der leichten Laster für immer veränderte. Als Limousine mit Faltdach watschelte der weich gefederte Citroën 2 CV bereits seit 1948 über die französischen Straßen, jetzt folgte die Ente mit Nutzwert, 2 CV AU oder AK genannt. Die hinteren Flügeltüren des Mini-Lasters im Wellblechdesign gaben über zwei Kubikmeter Ladefläche frei: genug Raum für alles, was Landwirte, Handwerker oder Bäcker transportieren wollten. Auch junge Familien und Studenten erlagen bald dem unwiderstehlichen Charme der primitiv ausgestatteten Kasten-Ente, die konkurrenzlos preiswert war und als erster Mini-Lieferwagen Pkw-Fahrkomfort mit Frontantrieb kombinierte.

Vom spartanischen Transporter bis zum komfortablen Hochdachkombi

Die Lust auf diese Laster belebte Citroën durch immer neue fröhlich-freche Varianten. Auf die spartanisch gehaltenen frühen 2 CV folgten leistungsstärkere Fourgonnettes, die unter dem Label „Reise-Ente“ sogar serienmäßige Globetrotter-Talente entfalteten. Erst im Jahr 1977 überließ die Kasten-Ente der Acadiane das Feld, die das Enten-Herz mit dem New Look der Dyane kombinierte. Bis 1984 der Citroën C15 die Herzen der Handwerker eroberte. Sachlich gestaltet punktete der C15 aber weniger bei Privatkäufern, für die 1996 eine neue Sternstunde schlug: Der Berlingo begründete die Ära der Hochdachkombis. Und noch einmal übernahmen die Gallier die Aufgabe des Avantgardisten. War der Citroen 2 CV der erste millionenfach verkaufte französische Mini-Camionette, beweist der Berlingo seit mittlerweile drei Generation, dass frugale Kastenwagen auch gut besetzt sind in den Rollen des charmanten Concept Cars und des begehrenswerten Lifestyle-Vehikels für Freizeitsportler. Eine Vielseitigkeit, die der Van bereits mit seinem Namen indizieren soll, denn Berlingo leitet sich ab von „Berline“, dem französischen Wort für Limousine.

Die „Ente“ als Spiegel der Zeitgeschichte

Ein Blick in den Rückspiegel zeigt übrigens: Die kleinen Citroën Kastenwagen und Frankreich, das ist eine nahezu parallel verlaufende Geschichte. Im Sommer 1951 wurden die Schatten des Zweiten Weltkriegs kürzer, der Vertrag zur Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) stand für eine zukunftsweisende wirtschaftliche Zusammenarbeit der ehemaligen „Erbfeinde“ Frankreich und Deutschland und die Menschen sehnten sich nach Wohlstand, verkörpert durch Attribute wie das erste eigene Auto. Bezahlbar sollte es sein und nicht nur Familien in die Ferien fahren, sondern auch Wein, Baguette oder Kartoffeln komfortabel und sicher in die hintersten Winkel der weitläufigen, noch landwirtschaftlich geprägten Vierten Französischen Republik befördern. Ein Anforderungsprofil, das perfekt auf den preiswerten Citroën 2 CV zugeschnitten war – zumal mit großem Kofferaufbau. Besser als die Rivalen Renault 4 CV und Juvquatre oder der Simca 5 stellte der geräumige Citroën 2 CV die Bauern und Handwerker auf die Pkw-Räder, bevor sich die Ente mit Flügeltüren auch noch zum Familienkombi und Reisemobil mauserte. Völlig entspannt bei Tempo 65 und mit genügsamsten Verbrauchswerten sanft schwingend über Landstraßen streifen und an idyllischen Plätzen eine Picknickpause einlegen – das 2-CV-Gestühl ließ sich leicht ins Freie befördern – damit begründete der kleine Citroën eine neue Fahrkultur für Lieferwagen.

In Deutschland konnte sich der 2 CV erst Ende der 1960er Jahre durchsetzen

Tatsächlich setzte die Ente damals als erster Kastenwagen auf die Kombination Fahrwerkskomfort und Frontantrieb, während sich andere Kleinstlaster weiterhin aufs karge Transportieren konzentrierten. Demokratisierung des Komforts für Bauern und Betriebe nannten Journalisten scherzhaft diese Eigenschaften des 2 CV, der damit das Citroën-Flaggschiff Traction Avant 15 CV zitierte, in dem seit 1951 der französische Präsident Vincent Auriol chauffiert wurde. Nach Deutschland kam die Kasten-Ente in nennenswerter Stückzahl übrigens erst in der 1959 unter Präsident Charles de Gaulle begründeten Fünften Französischen Republik. Was weniger an den nun noch enger werdenden deutsch-französischen Beziehungen lag als an den anfangs zu geringen Produktionskapazitäten für den schnatternden Zwei-Zylinder-Boxer, der seinen Käufern sechs Jahre Lieferzeit auferlegte. Hinzu kam: Das Konzept des Citroën war den Deutschen lange Zeit zu avantgardistisch. Erst ab Ende der 1960er Jahre begeisterte der 2 CV mit und ohne Kasten jugendliche Protestler, cordsamtgekleidete Professoren, Individualisten und junge Familien auch jenseits des Rheins derart, dass schließlich sogar die frühen Öko-Aktivisten im genügsamen 2 CV Camionette oder der 1978 lancierten Nachfolgerin Acadiane Möbel aus ökologischen Materialien oder Bio-Wein transportierten. Abgeleitet von der Dyane – einer Ente im Haute-Couture-Kleid – konnte es die mindestens 15 kW/21 PS starke Acadiane auf Autobahnen sogar mit Lkw aufnehmen. Und ihr kleines Entenherz war wie im 2 CV gut für gigantische Laufleistungen von bis zu 300.000 Kilometern.

Die flotten Kleinlaster C15 waren 22 Jahre auf dem Markt

Richtig flott wurden die kleinen Citroën für große Aufgaben unter dem Kürzel C15. Dahinter verbarg sich ein 1984 eingeführter Laster, der bis zur B-Säule dem kompakten Bestseller Citroën Visa entsprach und echte Pkw-Fahrleistungen versprach. Dies übrigens erstmals auch mit Dieselmotor, denn mit effizienten Selbstzündern sagte die Grande Nation damals nicht nur den rekordverdächtig gestiegenen Benzinpreisen den Kampf an, auch die Emissionen sollten so gesenkt werden. Funktional gestaltet wie der Wettbewerb von Ford, Opel oder VW blieb der Citroën C15 beachtliche 22 Jahre in Produktion, ohne aber den Kultstatus seiner zwei visionären Vorgänger zu erreichen.

Der Berlingo begeistert durch viel Platz und originelle Sondermodelle

Die Kasten-Ente ist tot, es lebe der Berlingo hieß es deshalb 1996. Wie sein legendärer Urahn 2 CV sollte der Berlingo mit seinem einfachen und praktischen Konzept auch Menschen ansprechen, die zum Auto eine eher pragmatische Attitüde kultivieren. Bewusster Minimalismus durch unverkleidete Blechflächen kündete im ersten modernen Hochdachkombi einerseits von Bescheidenheit, ohne billig zu wirken. Ein fast konkurrenzlos großes Raumangebot zeigte andererseits, dass üppiger Platz für die Familie und Freizeitgepäck wahrer Luxus sein kann. Für die Kreativität der Modellreihe standen dagegen von Beginn an Concept Cars und Sondermodelle wie der skurrile Berlingo Superbulle, das sonnige Coupé de Plage als Pick-up oder der Berlingo Grand Large. Nicht zu vergessen die antriebstechnische Pionierarbeit des Berlingo durch Batterie-Versionen, mit denen er an den C 15 Électrique von 1991 anknüpfte. Es war ein Auftakt nach Maß für den vielseitigen Citroën, der im Peugeot Partner ein Parallelmodell fand. Heute, als mehrfacher Produktionsmillionär und in mittlerweile dritter Generation teilt sich der Citroën Berlingo auch mit dem Opel Combo die Gene, dennoch bleibt er das Original der Baureihe. Nur die Faszination der Ente erreicht der Berlingo nicht, dafür ist der neue Franzose zu solide. Denn nichts schweißt Kultautos besser zusammen als rostige Erinnerungen, meint die Schrauberszene.

Chronik

1948: Auf dem Pariser Salon wird der Citroën 2 CV der Öffentlichkeit und dem französischen Staatspräsidenten Vincent Auriol vorgestellt. Das ungewöhnliche Konzept des Autos polarisiert und erfordert von Presse und Publikum einige Gewöhnung, wird dann aber ein Millionenerfolg.

1950: Auf dem Pariser Salon feiert die Lieferwagen-Version (Fourgonnette bzw. Camionnette genannt) des Citroën 2 CV Weltpremiere. Dieser 2 CV ist der weltweit erste Kastenwagen seiner Klasse mit Frontantrieb.

1951: Im März Produktionsstart für Citroën 2 CV AU, 2 CV AK und 2 CV AZU als Kastenwagen mit Wellblechkoffer und luftgekühltem Zweizylinder-Boxer-Motor, in größeren Stückzahlen wird der Transporter im Sommer ausgeliefert. Fahrersitz serienmäßig, Beifahrersitze optional. Konkurrent zum größeren und kostspieligeren Panhard Kombi und zum Renault Juvaquatre.

1953: Hauben und Türen werden gepresst statt zusammengeschweißt.

1954: Auf 425 cm³ Hubraum vergrößerter Zweizylinder-Boxer-Benziner mit jetzt 12 PS statt 9 PS Leistung.

1959: Ab Sommer 1959 gibt es den Citroën 2 CV AZUL Camionette in der Version „Week-End“ als Freizeit- und Ferienauto mit 250 Kilogramm Nutzlast, später folgten Wohnmobilausstattungen.

1961: Als Camionette mit 340 bis 510 Kilogramm Nutzlast wird der 2 CV beworben für den Einsatz als Transporter, Möbelwagen, Blumenhandel- und Konditoreifahrzeug sowie Freizeitauto.

1963: Der Citroën 2 CV AK 350 erhält den 0,6-Liter-Zweizylinder, der bereits im Ami 6 eingesetzt wird.

1966: Citroën beginnt eine Kooperation mit Saipac im Iran. Ziel ist u. a. ab 1968 die Produktion des Kastenwagens AK-Dyane auf Basis des Typs Citroën 602 (der iranischen Version der Dyane).

1967: Als „2 CV AZU und AK Kleinlieferwagen“ mit hinteren Seitenfenstern

1970: Der Citroën 2 CV AKS 400 verfügt über mehr Nutzlast und 21 PS Leistung und erreicht damit eine Reise-Vmax von 85 km/h.

1977: Vorstellung des Kleintransporters Citroën Acadiane als Nachfolger des 2 CV Fourgonnette. Ein Jahr später deutscher Marktstart der Acadiane. Deren Name setzt sich zusammen aus „AK“ (Kürzel für Kleintransporter) und „Dyane“, denn das Modell liefert die Basis für die Nutzfahrzeugversion. Die Nutzlast der Acadiane beträgt ca. 500 Kilogramm. Standard sind zwei Sitzplätze für Fahrer und Beifahrer, optional gibt es die Acadiane Mixte auch mit einer hinteren Sitzbank und hinteren Schiebfenstern. Vorn verfügt die Acadiane auch über Kurbelfenster statt der für die Dyane typischen Schiebefenster.

1978: Im März Produktionsende für den 2 CV Kastenwagen nach 1.246.335 Einheiten. Marktstart des Kompakt-Pkw Citroën Visa, der sechs Jahre später die Basis liefert für den Citroën C15.

1984: Im Oktober Vorstellung des Kleintransporters Citroën C15 in den Versionen C15 E (Benziner) und C15 D (Diesel) mit 570 Kilogramm Nutzlast als designierter Nachfolger der Acadiane. Der C15 basiert auf dem bis 1988 gebauten fünftürigen Kleinwagen Citroën Visa und adaptiert dessen Frontdesign und Fahrerkabine bis zur B-Säule. Zwei Motoren stehen zur Wahl, ein 1,1-Liter-Vierzylinder-Benziner und ein 1,8-Liter-Vierzylinder-Diesel, letzterer erreicht damals erstaunlich flotte 133 km/h. Die Produktion erfolgt in Vigo/Spanien und Mangualde/Portugal. Die Nutzlast des C15 beträgt 600 oder 765 Kilogramm, das Ladevolumen bis zu 2660 Liter.

1986: Die Acadiane wird in einer LPG-Version (Autogas) lieferbar.

1987: Nach 253.393 Einheiten beendet Citroën im Juli die Produktion der Acadiane.

1991: Vom Citroën C15 wird bis 1993 eine elektrifizierte Kleinserie gebaut.

1996: Vorstellung des Citroën Berlingo im Juli als erster französischer Kastenwagen mit integriertem Laderaum (ohne Trennung zur Fahrgastzelle) und im September in der Variante Multispace als erster Hochdachkombi und Freizeitfahrzeug moderner Prägung. Der Name Berlingo leitet sich vom französischen Wort Berlingot ab, einer kleinen Berline (Limousine). Schwestermodell wird der Peugeot Partner. Der Berlingo ist designierter Nachfolger des C15, der allerdings vorläufig weiterproduziert wird. Auf dem Pariser Salon debütieren drei spektakuläre Concepts auf Basis des Berlingo, nämlich Berline Bulle, Grand Large und Coupé de Plage.

1997: Mit Berlingo Multispace 1,9-Liter-Diesel wird im August und September das Langstreckenrennen Paris-Samarkand-Moskau ausgetragen, an dem 137 Teams teilnehmen. Citroën Berlingo Electrique geht in Serie, dies in einer Stückzahl von 1749 Einheiten.

2002: Auf dem Pariser Salon debütiert ein gründlich überarbeiteter Berlingo.

2006: Nach 1.181.471 Einheiten und fast 22 Jahren endet die Fertigung des Citroen C15 im spanischen Vigo. Von den letzten drei gebauten Fahrzeugen erhält eines die Stadtverwaltung von Vigo, eines das Citroën-Museum in Aulnay und eines das Werk Vigo.

2008: Citroën lanciert die zweite Generation des Berlingo. Neu sind eine aufklappbare Heckscheibe und ein zweiter Beifahrersitz für die erste Reihe.

2009: Der Berlingo ist mit „Grip Control“ lieferbar, einer elektronischen Traktionshilfe.

2010: Der Berlingo erster Generation verabschiedet sich aus Deutschland und Europa, wird aber auf anderen Märkten bis heute angeboten.

2012: Citroën feiert die Auslieferung des 2,5 millionsten Berlingo. Kumuliert mit dem Peugeot Partner wurden bereits 4,7 Millionen Einheiten der Hochdachkombis produziert.

2013: Ein elektrifizierter Berlingo ergänzt das Produktportfolio.

2018: Auf dem Genfer Salon debütiert im März 2018 die dritte Generation des Berlingo, der im September auch in Deutschland in den Handel kommt. Produziert wurde bzw. wird der Berlingo bisher in Frankreich (Poissy), Argentinien (Villa Bosch), Marokko (Casablanca), Spanien (Vigo), Türkei (Karsan) und Uruguay (Barra de Carrasco).