Verkehrssicherheit:

eCall – Wenn das Auto den Notruf wählt

26.04.2018

Seit kurzem muss jedes neue Automodell den automatischen Notruf „eCall“ an Bord haben. Doch ganz reibungslos läuft es noch nicht.

Noch immer verlieren jeden Tag europaweit rund 75 Menschen ihr Leben infolge von Verkehrsunfällen. Entscheidend ist oft, wie schnell Hilfe organisiert werden kann. Rechtzeitig abgesetzte Notrufe könnten immerhin bis zu zehn Prozent der Todesfälle vermeiden; davon geht die Europäische Kommission aus und hat schon 2011 beschlossen, dass zukünftig alle Neuwagen einen automatischen Notruf an Bord haben müssen. Zwar verzögerte sich der sogenannte eCall mehrfach, doch seit dem 1. April müssen ihn alle neu entwickelten Fahrzeuge an Bord haben.

Kritik von Datenschützern und Herstellern

Grund für die Verzögerung waren zwei Gruppen, die lange Kritik am eCall übten: einerseits die Autobauer, andererseits die Datenschützer. Die Hersteller fürchteten die Mehrkosten. Wohl auch, weil sie diese nicht an die Käufer weitergeben dürfen. Datenschützer kritisierten dagegen einen anderen Punkt: Denn für den automatischen Notruf ist eine Sim-Karte notwendig. Fest verbaut, lässt sich darüber theoretisch jedes Auto jederzeit orten.

eCall als schlafendes System

Auf diese Kritik hat die Europäische Kommission reagiert und entsprechend genau definiert, welche Daten erfasst und in einem Datenpaket übermittelt werden dürfen: Dazu zählen nur Fahrzeugtyp, Motor-Art, Unfallzeitpunkt, Fahrzeugposition und Anzahl der Insassen. Informationen über den Fahrzeughalter, das Nummernschild oder die Unfallgeschwindigkeit werden dagegen für den eCall weder erfasst noch übertragen. Außerdem ist der eCall als „schlafendes System“ vorgesehen, das Daten nur im Notfall sendet. Einige Datenschützer ließen sich dadurch besänftigen, andere sehen in ihm weiter ein Einfallstor für Hacker und die Gefahr der totalen Überwachung.

Zusatzdienste verursachen Zusatzkosten

Die Hersteller dagegen versuchen nun aus der Vorschrift Profit zu schlagen. Denn die Gesetzgebung verbietet nicht, Mikrofon, Lautsprecher oder andere für den eCall notwendige Mobilfunk-Komponenten für andere Zwecke zu nutzen. Viele Hersteller bieten deshalb nun sogenannte Mehrwertdienste an – zum Beispiel einen Concierge-Service, der Hotelbuchungen übernimmt, Routenempfehlungen ausspricht oder auch den nächsten Werkstatttermin vereinbart. In der Regel sind diese Zusatzdienste zunächst kostenlos, verwandeln sich später jedoch in ein teures und kostenpflichtiges Abomodell. Wer dann nicht zahlen möchte, kann den eCall zwar weiter nutzen, auf die Extras muss er aber verzichten. In der Praxis zeigt sich allerdings, dass das System für viele Hersteller noch Neuland ist.

In unserem Test hakt es noch

Denn für eine Stichprobe haben wir sowohl den eCall getestet als auch verschiedene Stecker, mit denen sich ein automatischer Notruf nachrüsten lässt. Gehakt hat es dabei überall: Zwar funktionierte der eigentliche Notruf bei Mercedes und Citroën problemlos. Doch beide Male wurde unser Anruf zunächst ins eigene Call-Center geleitet, wo die Mitarbeiter schwer zu verstehen waren. Mit einem manuellen Notruf wären wir vermutlich schneller gewesen.

Die beiden Nachrüstlösungen waren vor allem im Handling kompliziert: Für den Unfallmeldestecker wird beispielsweise ein spezieller Versicherungsvertrag und eine App benötigt. Doch nicht alle Versicherer bieten den Stecker überhaupt an. Weiterer Nachteil: Das Handy muss jederzeit geladen und gekoppelt sein und darf bei einem Unfall nicht kaputtgehen. Auch die Nachrüstlösung von Pace benötigt ein gekoppeltes Handy sowie eine installierte App. Dann sollen beide Stecker einen Unfall über entsprechende Sensoren erkennen und einen Notruf absetzen. Simulieren lässt sich das jedoch nicht. Der Pace-App fehlt auch die Möglichkeit, selbst den Notruf zu wählen.

eCall als bequeme Variante, Nachrüstung meist nur über Stecker möglich

Unser kurzer Test zeigt: Der vom Werk verbaute eCall ist die bequemere Lösung: Das System ist bereits an Bord, muss nicht gekoppelt und kann auch nicht vergessen werden. Der Notruf-Knopf findet sich außerdem immer an der gleichen Stelle, auch wenn das Auto auf dem Dach liegt. Wer die Nachrüstmöglichkeiten nutzen möchte, sollte sich dagegen informieren, welche Daten zu welchem Zweck erfasst werden, ob zusätzliche Kosten entstehen und ob diese den Preis rechtfertigen. Denn aus Nächstenliebe macht das niemand, Daten gelten vielmehr als das neue Gold. Wer beispielsweise früh von einer Panne erfährt, kann in die Pannen-Abwicklung eingreifen und zu seinen Werkstätten routen. Günstiger wird das für den Autofahrer in der Regel nicht.

Doch egal ob eCall ab Werk oder nachgerüstete Lösung: Genauso wichtig wie der schnelle Notruf ist die Erste Hilfe am Unglücksort. Und da besteht offensichtlich Nachholbedarf: In Deutschland sterben jedes Jahr über 300 Menschen, weil am Unfallort keiner Erste Hilfe leistete. Wie Sie sich bei einem Unfall richtig verhalten lesen Sie unter: www.ace.de/unfall