Reportage:

Erste Hilfe Kurs – Helfen lernen

26.04.2017

Hand aufs Herz: Wie lange liegt bei Ihnen der letzte Besuch eines Erste-Hilfe-Kurses zurück? Wüssten Sie, was im Notfall zu tun ist?

Samstagmorgen in einer deutschen Kleinstadt. Knapp 15 Männer und Frauen jeder Altersklasse stehen vor der örtlichen Zentrale eines Hilfsdienstes. Statt Wochenendeinkauf und Fahrt ins Grüne ist die Teilnahme an einem Erste-Hilfe-Kurs angesagt.

Sascha kann seine Unruhe nur schlecht verbergen, als er in die Runde blickt: Sein letzter Kurs liegt mehr als 20 Jahre zurück. Ob er die stabile Seitenlage noch beherrscht? Blamieren will er sich nicht, doch nachdem ein Kollege auf dem Weg zur Arbeit verunglückt ist, fragt er sich, ob er selbst bei einem Unfall helfen könnte. Sascha ist kein Einzelfall. Schon in der Vorstellungsrunde berichten Teilnehmer von Situationen, in denen sie sich hilflos gefühlt haben: Als Zeugen bei Verkehrs- oder Betriebsunfällen, aber auch in der plötzlichen Konfrontation mit verletzen Freunden oder Familienangehörigen. Helfen will man ja, man weiß nur nicht so genau, wie.

Etwa 2,4 Millionen Menschen absolvieren jedes Jahr einen Erste-Hilfe-Kurs beim Deutschen Roten Kreuz (DRK), der Johanniter-Unfall-Hilfe (JUH), beim Arbeiter-Samariter-Bund (ASB), Malteser Hilfsdienst (MHD) oder der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft (DLRG). Gut zwei Drittel da-von sind Führerscheinaspiranten, ohne Erste-Hilfe-Kenntnisse ist die Zulassung zur Fahrprüfung nicht möglich. „Wir merken schon seit einigen Jahren, dass die Erste Hilfe ernster genommen wird und sich immer mehr Teilnehmer für unsere Kurse interessieren“, stellt Michael Sonntag, Referent Notfallausbildung beim Arbeiter-Samariter-Bund, fest.

Mehr Teilnehmer bei den Erste-Hilfe-Kursen

Alle großen Hilfsorganisationen haben sich in der Bundesarbeitsgemeinschaft Erste Hilfe zusammengeschlossen, in der die Inhalte abgestimmt werden. Darüber hinaus gibt die DGUV-Leitlinie 304–001 insgesamt 18 Ausbildungsschwerpunkte vor, die im Rahmen des Seminars behandelt werden sollen. So werden das Absetzen des Notrufs ebenso wie Maßnahmen zur psychischen Betreuung und des Wärmeerhalts als Fallbeispiel durchgenommen, außerdem die Maßnahmen zur Schockbekämpfung.

Die Rettung aus dem Gefahrenbereich, aber auch der Einsatz eines Defilibrators zur Wiederbelebung werden vom Ausbilder demonstriert. Bei allen Punkten, in denen schon mal Unsicherheit aufkommen kann, ist der Ausbilder zur Stelle und demonstriert die Vorgehensweise: Ob das Entfernen von Fremdkörpern aus den Atemwegen oder das Abnehmen eines Motorradhelmes – allein gelassen wird man hier nicht. Mit zunehmendem Spaß an der Sache werden eigenhändig Verbände angelegt und Wunden versorgt. Die Wiederbelebung mit Beatmung und Herzdruckmassage wird jedoch an einem Modell und nicht am lebenden Objekt geübt. Ausgiebig erklärt und geübt wird auch die stabile Seitenlage, wie Sascha beruhigt feststellt. Schnell stellt sich heraus, dass Übung nicht nur Meister macht, sondern auch das Vertrauen wachsen lässt, im Notfall etwas Sinnvolles tun zu können.

Im Erste-Hilfe-Kurs wird für den Notfall traniert

Die Höchstteilnehmerzahl liegt bei 20 Teilnehmern – eine Vorgabe der Qualitätssicherungsstelle Erste Hilfe bei der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung. In der Praxis kann man von zehn bis 15 Teilnehmern ausgehen. Eine Anmeldung ist sinnvoll, aber nicht zwingend erforderlich. Wer auf die Teilnahmebescheinigung angewiesen ist, sollte rechtzeitig Kontakt mit dem Veranstalter aufnehmen. Ansprechpartner sind die lokalen Vertretungen der Hilfsorganisationen. Wer sich vorher über Inhalte und Termine informieren will, kann dies über die Internetpräsenzen der Anbieter tun.

Doch welcher Kurs eignet sich für wen? Auf einen bereits absolvierten Grundkurs kann binnen zwei Jahren mit einem Fortbildungskurs aufgebaut werden. Liegt der Basiskurs aber bereits länger zurück, stellt sich die Frage, ob die damals erlernten Inhalte immer noch beherrscht werden. Im Zweifel ist es sinnvoller, den Grundkurs noch einmal zu machen. „In neun Unterrichtsstunden trainieren die Teilnehmer alles für den Notfall. Dieses Wissen ist so aufbereitet, dass es auch in allen anderen Lebenslagen angewandt werden kann“, betont Ralf Sick, Bereichsleiter für Bildung, Erziehung und Ehrenamt der Johanniter-Unfall-Hilfe.

Erste-Hilfe-Kurse, die von den Berufsgenossenschaften angeboten werden, stellen übrigens eine gute Alternative zu Führerscheinkursen dar. Die Inhalte sind standardisiert und werden gegenseitig anerkannt. Es werden auch Situationen aufgegriffen, die speziell auf den Straßenverkehr abzielen. Hanno Thomas, Medizinreferent bei der DLRG: „Hierzu zählen das Absichern einer Unfallstelle, das Retten aus dem Pkw und auch der Umgang mit Warndreieck und Verbandkasten, die Helmabnahme beim bewusstlosen Motorradfahrer und natürlich als Basismaßnahme das Absetzen des Notrufs.“

Schwerpunkt jedes Kurses ist, die Handlungskompetenz des Einzelnen zu stärken. Der Inhalt des Verbandkastens und seine richtige Anwendung gehören natürlich dazu. „Auch wenn die meisten lebensrettenden Handgriffe ohne Hilfsmittel auskommen, wird selbstverständlich im Bereich der weiteren Erste-Hilfe-Maßnahmen mit den Materialien aus dem Erste-Hilfe-Kasten in den Kursen gearbeitet“, erklärt Dieter Schlüter, Pressesprecher des Malteser Hilfsdienstes. Immerhin geht es um den Abbau von Hemmschwellen und die Vermittlung von Sicherheit auch bei alltäglichen Verletzungen. Seitdem die Stundenzahl für Erste-Hilfe-Kurse reduziert wurde, lassen diese sich als Tagesseminar absolvieren. Die Kosten werden von den jeweiligen Anbietern festgelegt und liegen zwischen 30 und 40 Euro. Dabei weisen sie regionale Unterschiede auf. Begründet werden die unterschiedlichen Preise mit der unterschiedlichen Auslastung der Kurse.

Verbandkasten muss im Auto dabei sein

Der Paragraf 35h der StVZO schreibt das Mitführen von Erste-Hilfe-Material im Auto vor. Wer keinen Verbandkasten mitführt, riskiert bei einer Verkehrskontrolle ein Verwarnungsgeld von fünf Euro und bei der Hauptuntersuchung einen geringen Mangel.

Seit Januar 2014 dürfen im Handel nur noch Kfz-Verbandtaschen nach der neuen DIN 13164 verkauft werden. Der Inhalt ist gegenüber der Vorgängernorm leicht abgeändert, neu hinzugekommen sind zum Beispiel Feuchttücher, mit denen sich der Helfer nach seinem Einsatz reinigen kann. Alte Verbandsets dürfen allerdings noch bis zum Erreichen des Haltbarkeitsdatums weiter benutzt werden. Betriebsverbandkästen nach DIN 13157 ersetzen wegen der unterschiedlichen Bestückung nicht das Auto-Set. Für Motorräder gilt die Pflicht zwar nicht, dennoch bietet der Fachhandel kleinformatige Sets an, die auch unter der Sitzbank Platz finden.

Einfach nur das mittlerweile auch bei der Hauptuntersuchung vorzuweisende Erste-Hilfe-Set im Wagen zu haben, reicht allerdings nicht aus. Man sollte sich auch mit den Inhalten vertraut gemacht haben. Hilfreich ist dabei die stets beigelegte Broschüre zur Handhabung. Sterile Bestandteile haben eine begrenzte Haltbarkeit, die je nach Set-Preis zwischen fünf und 20 Jahren liegt. Selbst hier em­pfiehlt sich die Kontrolle zwischendurch, weil etwa Pflaster mit der Zeit ihre Haftfähigkeit einbüßen. Im Zweifelsfall sollte man das Set erneuern, was zu Preisen zwischen acht und 20 Euro verschmerzbar sein dürfte.

Unfälle passieren überall. Im Straßenverkehr, im Betrieb, die größte Anzahl von Unfällen geschieht im Haushalt. Wer will schon hilflos danebenstehen, wenn ein Kollege, ein Freund, ein Familienmitglied dringend der Erstversorgung bedarf. Wer denkt, er kann nicht helfen, irrt. Auch, wenn sich bereits andere Ersthelfer um die Verletzten kümmern. Nicht nur die Unfallstelle muss abgesichert werden. „Selbst Unfallbeteiligte, die scheinbar unverletzt wirken, benötigen dennoch oft Zuwendung, Trost oder einfach jemanden, der ihnen in diesem Schockmoment zuhört und zur Seite steht“, spricht Stefan Osche, Sachgebietsleiter Erste Hilfe beim Deutschen Roten Kreuz, aus Erfahrung.

Unterlassene Hilfeleistung wird bestraft, Fehler nicht. Wer zu einem Unfall, ob auf der Straße, im Betrieb oder im Haushalt, dazukommt, kann nichts falsch machen, außer nichts zu tun. Übrigens gibt es auch Kostenersatz für während der Hilfe beschmutzte oder zerstörte Kleidung.

Sascha geht mit einem guten Gefühl aus dem eben absolvierten Kurs. Nicht nur, weil die stabile Seitenlage wieder präsent ist. Wichtiger, so sagt er, ist, dass das „Gefühl der Ohnmacht und Hilflosigkeit nicht mehr lähmt. Im Notfall helfen zu können, ist ein gutes Gefühl“.

So funktioniert die Herzdruckmassage

Wenn keine Atmung festzustellen ist, als Erstes einen Notruf absetzen – später ist keine Zeit mehr dafür. Knien Sie neben dem Betroffenen und legen Sie die Hände wie oben abgebildet auf die Mitte des Brustkorbs. Drücken Sie mit gestreckten Armen 30 Mal den Brustkorb tief ein. Die Frequenz sollte bei 100 bis 120 Mal pro Minute liegen. Dann beatmen Sie zweimal durch Mund oder Nase, bevor Sie mit der Massage weitermachen.