Reportage:

Euro-Trucker – Ausbildung mit Sprachkurs

01.10.2016

Lkw-Fahrer sind gefragte Fachkräfte, mit denen wir täglich unsere Straßen teilen. Damit den Beruf auch Menschen mit Migrationshintergrund erlernen können, werden sie speziell geschult. Ein Besuch bei der Straßenverkehrsgenossenschaft in Hamburg.

Es macht leise "sipp", als die Fahrerkarte im Schlitz über der Lkw-Frontscheibe verschwindet. Fahrschüler Muharrem Koci hat sie eingeschoben. Der junge Mann mit türkischen Wurzeln macht gerade seine Ausbildung zum Euro-Trucker. Er ist Vater von drei Kindern und lebt seit 2010 in Deutschland. Bisher in der Gastronomie tätig, erhofft er sich von dem neuen Beruf als Lkw-Fahrer ein besseres Leben.


An diesem Donnerstag, Anfang August, steht seine siebte Fahrstunde an. Die Verantwortung, was das Überprüfen des dreiachsigen Lkw angeht, liegt von Anfang an bei den Schülern. Und so dreht der 26-jährige Muharrem vor der Fahrt seine Runde um den 26-Tonner. Gerd Behrens ist zufrieden mit seinem Schüler. "Die Kontrolle sind wichtige 15 bis 20 Minuten. Leider bekommen die Fahrer in der Praxis diese Zeit nicht immer vergütet", bedauert der Fahrschulleiter.

Für Quereinsteiger ist die beschleunigte Grundqualifikation attraktiv

 

Gemeinsam mit der Straßenverkehrsgenossenschaft (SVG) hat er im Jahr 2008 die Fahrschule in Hamburg gegründet und bildet seitdem Berufskraftfahrer aus. Um als "Euro-Trucker" arbeiten zu können, ist neben dem Lkw- und dem Anhängerführerschein auch ein Gefahrgutschein, ein Ladungssicherungsausweis sowie eine Gabelstaplerausbildung notwendig. Die reguläre Berufsausbildung dauert drei Jahre. "Für Quereinsteiger ab 21 Jahren ist aber die beschleunigte Grundqualifikation deutlich attraktiver. Innerhalb von sechs Monaten ist die gleiche Berufsqualifizierung erreicht und im Zugang zu Arbeitsstellen gibt es keine nennenswerten Unterschiede", erklärt Behrens.


Die Kosten für die beschleunigte Ausbildung belaufen sich auf rund 15.000 Euro, mit Gehaltsaussichten von knapp 2000 Euro brutto im Monat. Wird die Ausbildung privat finanziert, kann das steuerlich abgesetzt werden. Meist kommen die Schüler allerdings über die Firmen direkt oder werden durch das Arbeitsamt mit einem Bildungsgutschein gefördert.

Bedarf an Fahrern ist groß

 

Der Bedarf an Fachkräften im Güterverkehr ist sehr groß. Deutschlandweit werden jährlich rund 30.000 neue Fahrer gesucht. "Der Markt ist hungrig, das geeignete Klientel schrumpft und schrumpft hingegen", berichtet Gerd Behrens. In der Konsequenz suchte sich die Fahrschule einen weiteren Kooperationspartner. Der Bildungsdienstleister Berlitz bietet sechswöchige Deutschkurse für Migranten, speziell als Vorbereitung für die Ausbildung zum "Euro-Trucker", an.


"So können auch ausländische Mitbürger ausgebildet werden. Bei ihnen helfen wir einfach mit den nötigen Fachbegriffen für die Straße nach", erläutert Rainer Ziegeler von Berlitz und fügt noch hinzu: "Wir bereiten die Teilnehmer vor allem auf die IHK-Prüfung vor, denn die können sie nur in deutscher Sprache ablegen." Neben den schriftlichen Kompetenzen ist aber auch die situationsgerechte mündliche Kommunikation für den Alltag Teil der Ausbildung.

Kombination von Fahr- und Sprachschule gibt Migranten eine Chance

 

Die Kooperation von Fahrschule und Sprachausbildung begann zunächst als Pilotprojekt. Durch den bisherigen Erfolg soll die übergreifende Ausbildung in Zukunft zusätzlich in Stuttgart und Koblenz angeboten werden. Sie bildet auch eine Chance für Flüchtlinge. So berichtet Fahrschulleiter Behrens von einer 17-köpfigen Gruppe, die sich Anfang des Monats vorstellte, Fahrvorführungen und einen Eignungstest absolvierte. Das Ergebnis: vier der Flüchtlinge sind geeignet die beschleunigte Ausbildung zu beginnen, sieben brauchen zuvor noch einen Intensiv-Deutschkurs, denn das festgelegte Sprachmindestniveau zum Verfolgen einer Fachausbildung (B1) liegt bei ihnen noch nicht ausreichend vor.


Auch Muharrem Koci hat vor Beginn seiner praktischen Ausbildung den sechswöchigen Deutschkurs absolviert und nun Respekt vor seiner IHK-Prüfung Ende August. "Sie ist schon schwierig. Selbst die Deutschen verstehen manche Worte nicht. Ich habe aber trotzdem ein gutes Gefühl. Zu Hause übe ich fleißig", zeigt er sich hoffnungsvoll, während er den Fahrschul-Lkw startet. "Na, dann können wir ja los", ermutigt Fahrlehrer Behrens und schon setzt sich der erst zwei Monate alte Lkw mit Zwölfgang-Automatik leicht ruckelnd in Bewegung. "Zu Beginn hatte ich ein bisschen Angst, denn die hohe Sitzposition ist sehr ungewohnt", gibt Koci zu. "Aber schon nach der ersten Stunde überwog der Spaß", ergänzt er lächelnd und zirkelt das riesige Fahrzeug mit Bedacht durch eine enge Gasse. Sieben Spiegel bieten ihm dafür den nötigen Durchblick.

Nach der Prüfung stehen noch sechs Wochen Praktikum an

 

"Gib ruhig ein bisschen Gas", fordert Gerd Behrens ihn nach dem Engpass auf. Fröhlich stimmt er plattdeutsche Lieder an, während sein Schüler ihn über die alte Hamburger Elbbrücke fährt. Doch die Stimmung wird jäh getrübt, denn ein anderer Trucker ignoriert eine rote Ampel. "Da versucht man immer gewissenhaft auszubilden und nach einem halben Jahr im Job sind sie oft schon so versaut. Der Termindruck ist einfach zu groß", erklärt Gerd Behrens.
Auch Muharrem ist sich der Problematik bewusst. "Stress und Zeitdruck, da passieren Unfälle", sagt er nachdenklich. Er hofft, später im Unternehmen seines Schwiegervaters arbeiten zu können und somit dem Druck der Branche nicht so sehr ausgesetzt zu sein. Bis dahin hat er jedoch noch einige Fahrstunden und ein sechswöchiges Praktikum vor sich. Den wichtigsten Tipp bekommt er schon jetzt von seinem Lehrer: "Fahren Sie in jeder Sekunde mit Respekt!"