Verkehrssicherheit:

Fahren unter Schmerzen

25.02.2019

Verkehrsteilnehmer, die krank am Steuer sitzen, unterschätzen, wie gefährlich sie für sich und andere sein können. Schmerzen beeinflussen Wahrnehmung und Reaktion, die Fahrtüchtigkeit nimmt rapide ab.

„Plötzlich flimmerte es vor meinen Augen. Ich musste stark blinzeln, sah so etwas wie weiße Risse. Dann ein Flirren. Ganze Sehfelder fehlten auf einmal. Ich bin sofort rechts ran und musste die Augen schließen. Das Tageslicht hat das alles noch verstärkt.“ Christiane W. aus dem Ostalbkreis ist beim Autofahren schon oft von fiesen Vorboten einer Migräneattacke überrascht worden. Schnell gefolgt vom ersten Schmerz. Meist baut sich eine Migräne über Stunden auf. Oft wird sie von einer Aura mit Symptomen wie Lichtempfindlichkeit, Sehstörungen und Schwindel begleitet. „Dann die Attacke – ein stechender Kopfschmerz, ein Hämmern in den Schläfen“, erklärt Christiane W., „ein regelrechter Knock-out.“

Mit Schmerzen am Steuer gefährdet man sich selbst und andere

Nach dem ersten Abklingen der Schmerzen schaffte es die 58-jährige Bürokauffrau noch rechtzeitig nach Hause. „Ich wusste, dass es noch viel schlimmer werden wird.“ Ihre Geistesgegenwart ließ sie rechtzeitig reagieren. Wäre sie weitergefahren, hätte es gefährlich werden können – für sie und alle anderen auf der Straße. Eine richtige Reaktion wie ihre ist nicht immer selbstverständlich. Das Fahren unter Schmerzen, unabhängig davon, welche Krankheit oder Verletzung diese verursachen, wird von vielen Verkehrsteilnehmern als Gefahrenquelle unterschätzt oder sogar ganz verdrängt. Schmerzen sind heimtückisch und auch nicht immer gleich stark. Wer ein Fahrzeug bewegt, muss schnell reagieren, wenn sie akut auftreten. Sonst steigt das Unfallrisiko. Denn tritt eine Schmerzattacke auf, ist es vorbei mit der Aufmerksamkeit und Konzentration des Fahrers. Christiane W. handelte richtig – sie entfernte sich mit ihrem Ford Galaxy aus dem Gefahrenbereich.

Schmerzen können unterschiedliche Ursachen und Ausprägungen haben

Akute und starke Schmerzattacken können zum Beispiel von Nervenverletzungen oder Nervenleiden verursacht werden, von den seltenen vorkommenden Phantomschmerzen oder von häufig auftretenden, scheinbar trivialen Dingen wie Bauchkrämpfen. Menschen, die unter chronischen Schmerzen leiden, schätzen ihre körperliche Verfassung der Erfahrung nach besser ein. Sie kämpfen aber unter Umständen mit lang anhaltenden Schmerzsituationen, die sie dauerhaft in den Griff bekommen müssen. Häufig sind das auch Personen, die unter muskuloskelettalen Schmerzen leiden, also Schmerzen am Muskel- und Bewegungsapparat, wie zum Beispiel Rückenschmerzen. Hier kann die Intensität des Schmerzes variieren und die Fahrtüchtigkeit beeinflussen.

Nicht nur Kopfschmerzen sind auch Kopfsache

Vor allem, wenn der Faktor Psyche dazukommt, können Schmerzen sich gefährlich schnell in ihrer Wirkung „verselbstständigen“. Dass „der Kopf“ dabei eine entscheidende Rolle spielt, hatten Schmerzforscher der Technischen Universität München bereits 2015 in einer Patienten-Studie herausgefunden. Der Schmerz bahnt sich seinen Weg vom Rezeptor an der Schmerzstelle über die Nerven ins Rückenmark und dann weiter in die Schaltzentrale des menschlichen Körpers, in das Gehirn. Hier manipuliert dann auch die Psyche: Wenn der Schmerz lange anhält, sorgt sie dafür, dass er stärker wahrgenommen wird, als er tatsächlich ist.

Ein Sachverhalt, der sich böse auf die Fahrtauglichkeit auswirkt. Problematisch ist es vor allem für Berufskraftfahrer und Außendienstler, die den ganzen Tag unterwegs sein müssen und schon vom Zeitdruck unter Stress gesetzt sind. Sie gehen an ihre körperlichen und mentalen Grenzen, weil sie Termine einhalten müssen und eigentlich permanent unter Druck stehen. Sei es, weil sie im kilometerlangen Stau auf der Autobahn oder im Stadtverkehr stehen und nicht schnell genug vorwärtskommen.

Das Risiko wird häufig unterschätzt

Chronisch Kranke, die unregelmäßigen, starken Schmerzen ausgesetzt sind, müssen eigentlich jederzeit mit Attacken rechnen. Dennoch scheinen viele von ihnen überrascht zu werden und spielen ihre Situation hinterm Steuer schnell mal herunter – ein gefährliches Spiel mit Gesundheit und Sicherheit. „Subjektiv neigt man eher dazu zu sagen, es wird schon gehen“, stellt Dr. Renate Zunft fest, „da neigen viele Fahrzeugführer zu einer Selbstüberschätzung.“ Die Ärztin ist Vorsitzende des Ausschusses Verkehrsmedizin des Deutschen Verkehrssicherheitsrats (DVR). Sie koordiniert Aktivitäten, die sich mit den Auswirkungen von Krankheiten und Medikamenten auf die Verkehrssicherheit beschäftigen. „Der Schmerz stört letztendlich Konzentrationsfähigkeit und Bewegungsfreiheit“ – und das führt dann dazu, dass Fahren unter Schmerzen zu einem ernsthaften Sicherheitsrisiko wird. Schmerzpatienten und generell Menschen, die krank am Steuer sitzen, sollten deshalb auch bei – am besten noch vor – dem Autofahren ihr Fahrkönnen infrage stellen.

Betroffene sollten ihre Fahreignung kritisch hinterfragen und sich ärztlichen Rat holen

Renate Zunft empfiehlt den Betroffenen, eigene Fahrfehler sehr selbstkritisch zu hinterfragen. Beinaheunfälle, die man gemacht hat, zu protokollieren und vor allem auch die eigenen Schwächen beim Fahren gegenüber sich selbst einzugestehen. „Nicht immer ist der andere oder der Zufall schuld“, erklärt die Medizinerin und führt aus: „Autofahrer sollen deswegen die Hinweise ihrer Beifahrer sehr ernst nehmen, wenn sie nicht in der Lage sind, ihre eigene Fahrtüchtigkeit richtig einzuschätzen.“ In der Regel sollten kranke Menschen und Schmerzpatienten, die sich bezüglich ihrer Fahrtüchtigkeit oder permanenten Fahrtauglichkeit nicht sicher sind, einen Arzt aufsuchen. „Es ist wichtig, seinen Arzt ganz bewusst darauf anzusprechen“, rät Renate Zunft. Denn er wird in den seltensten Fällen von sich aus das Thema in Angriff nehmen. Entweder aus Zeitmangel oder weil er sein gutes Verhältnis zum Patienten nicht aufs Spiel setzen will.

„Zu Risiken und Nebenwirkungen ...“: Was bei Medikamenten zu beachten ist

Für kranke Menschen, vor allem für chronische Schmerzpatienten, ist natürlich zunächst der schnelle Griff zu Schmerzmitteln eine verlockende Alternative zu einem zeitaufwendigen Arztbesuch. Die Mittelchen versprechen schließlich eine wirkungsvolle erste Hilfe beim Lindern der Schmerzen. Besonders wenn Operationen und Krankenhausaufenthalte noch nicht so lange zurückliegen, ist der schnelle Griff zur Schmerztablette eine naheliegende Option. Das kann gefährlich werden, denn so wechselhaft wie Schmerzen auftreten können, so unterschiedlich kann auch der Körper auf Schmerzmittel reagieren. Und manchmal stimmt die Dosierung nicht. Besonders, wenn der Patient hier selbst an den Stellschrauben dreht. Und nicht längst jedes Mittel ist in seiner Wirkung auf die Fahrtauglichkeit unbedenklich.

Die Dosis macht das Gift

Wie sich ein Schmerzmittel letztendlich auf die Fahrtüchtigkeit auswirkt, liegt an mehreren Faktoren: Wie krank ist man an diesem Tag wirklich? Wie sieht die persönliche Leistungskurve aus? Obwohl meist die starken Schmerzmittel die Fahreignung beeinträchtigen, ist ebenso bei unbedenklichen Medikamenten Vorsicht angesagt. Auch hier heißt es besser aufpassen, sonst überrascht einen nach der ausgleichenden Wirkung ein „Tief“.

Die Ärztin weiß: „Bei einem Medikament, das keine negativen Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit hat, kann man davon ausgehen, dass es in der Zeit, in der es wirkt, diese verbessert, dann aber mit Abnahme des Wirkspiegels sie wieder einschränkt.“ Gefährlich wird es auch, wenn medikamentöse Therapien erst begonnen haben und erst abgewogen werden muss, welche Dosis die passende ist. „In der Einstellungsphase von Medikamenten ist man grundsätzlich nicht fahrgeeignet“, warnt Renate Zunft und rät zum Abwarten, bis sich ein Gleichgewicht eingestellt hat. Das kann locker zwei bis drei Wochen dauern. Bevor man sich wieder ans Steuer setzt, sollte man auf jeden Fall seinen Arzt konsultieren, um hier auf Nummer sicher zu gehen.

Besondere Vorsicht ist bei der Einnahme von Cannabis als Schmerzmittel geboten

Vor allem für Kraftfahrer, die medizinisches, vom Arzt verschriebenes Cannabis als Schmerzmittel verwenden, gilt äußerste Vorsicht. Durch die schnell einsetzende, starke Wirkung nach dem Einnehmen können Wahrnehmung und Reaktion schnell nachlassen. Die Verkehrstauglichkeit ist somit passé. Cannabis kann zwar den Schmerz unterdrücken und ein Fahren erst wieder ermöglichen – in Deutschland ist das bedingt erlaubt –, aber der Grad hin zur Fahruntüchtigkeit ist schmal. Wer hier trotzdem Auto fährt und gefahrentechnisch auffällig wird, riskiert es, sich strafbar zu machen. „Hier ist zwingend eine lange Karenzzeit einzuhalten und ebenfalls vorher der Arzt zu konsultieren“, rät Dr. Zunft. „Auf jeden Fall sollte man eine Fahreignungsprüfung machen, das ist bei jeder chronischen Krankheit sinnvoll.“

Übrigens: Auch der TÜV Süd empfiehlt Fitness-Checks, die helfen, sich ein Bild von der eigenen Leistungsfähigkeit zu machen.

Interview: Drei Fragen an Prof. Dr. med Petzke, Geschäftsfeldleiter Schmerzmedizin an der Universitätsmedizin Göttingen

ACE LENKRAD: Was sind chronische Schmerzen?

 Frank Petzke: Darunter verstehen wir fast immer eine Kombination aus körperlichen und psychologischen Faktoren, die unterschiedlich zusammenspielen. In vielen Fällen gibt es ein auslösendes körperliches Problem, etwa eine Wirbelsäulengeschichte. Dann kommen individuelle psychosoziale Faktoren hinzu, die eine Chronifizierung von Schmerzen begünstigen. Etwa Stress oder Mobbing am Arbeitsplatz, eine belastende Lebenssituation. Oder wenn sich jemand überlastet fühlt oder Angst hat. Das können aber auch persönliche Eigenheiten sein. Etwa, wenn jemand Perfektionist ist. Der kann dann nicht entspannen.

ACE LENKRAD: Wie kommt man aus der Schmerzfalle?

 Frank Petzke: Chronische Schmerzpatienten kennen das Szenario, das ein Schmerz immer stärker werden kann, ganz genau. Sie müssen ein Gefühl für ihre Schmerzen entwickeln und eine Strategie, wie sie vernünftig damit

umgehen. Der Hausarzt hilft dabei.

ACE LENKRAD: Wie sieht so eine Strategie für Verkehrsteilnehmer aus?

 Frank Petzke: Sie müssen sich zunächst fragen, wie viel und lange sie fahren können und ob sie häufig Pausen machen. Und die dann auch nutzen. Sei es für Dehnübungen, die Einnahme eines Medikamentes oder einfach zum Abschalten. Schmerzpatienten, die einen beruflichen Unfall hatten, bekommen über die Berufsgenossenschaften auch gezieltes Fahrertraining, wenn das notwendig ist.