Mobilität:

Fahrschule – Pädagogische Kompetenz

01.01.2016

Hohe Durchfallquoten zeigen an, dass an den Fahrschulen etwas im Argen liegt. Jetzt soll eine Reform der Fahrlehrerausbildung Besserung bringen. Aber noch wird um die Eckpunkte heftig gestritten und diskutiert.

Bessere Fahrlehrer braucht das Land. Darüber sind sich Fahrlehrerverbände, Verkehrsministerium und Wissenschaftler einig. Den Fahrlehrern soll vor allem mehr pädagogische Kompetenz vermittelt werden. Das ist unbedingt notwendig, denn derzeit sind aufgeschlossene junge – und vor allem weibliche – Fahrlehrer absolute Mangelware.

Dabei retten gute Fahrlehrer Leben. Noch immer haben junge Fahrer im Alter von 18 bis 24 Jahren das mit Abstand höchste Unfallrisiko. Allein im Jahr 2014 verunglückten in Deutschland insgesamt 67.241 junge Männer und Frauen dieser Altersgruppe im Straßenverkehr, 496 wurden getötet. 

Günstiger und wertvoller: Führerschein mit 17

Wer den Führerschein mit 17 macht, fährt später deutlich sicherer. Das zeigen unabhängig voneinander Studien der Justus-Liebig-Universität aus Gießen und der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) aus Bergisch Gladbach. Der Grund: Bis zum 18. Lebensjahr darf der Jugendliche nur in Begleitung eines Erwachsenen fahren. Und zwar eines Erwachsenen, der mindestens 30 Jahre alt ist, seit fünf Jahren den Führerschein und nicht mehr als einen Punkt in Flensburg hat. Außerdem darf die Begleitperson nicht mehr als 0,5 Promille Alkohol haben – das schließt also den Kumpel, der erst seit kurzem den Führerschein hat, aus und auch die Eltern dürfen sich nicht in volltrunkenem Zustand chauffieren  lassen.

Das begleitete Fahren wirkt sich positiv auf die Fahrsicherheit aus. Die Unfallzahlen sinken laut Uni Gießen um fast 29 Prozent. Der ACE ist schon seit langem ein energischer Streiter für den frühen Führerschein (BF17). Mit Erfolg. Denn mittlerweile entfällt rund die Hälfte aller Prüfungen auf den BF17.

Was bisher aber weitgehend unbekannt ist: Wer den Führerschein BF17 macht, fällt auch deutlich weniger häufig durch die Prüfung. Die Fahranfänger sparen somit Zeit und Geld. Eine aktuelle Auswertung auf Basis der Zahlen des Kraftfahrtbundesamtes zeigt, dass die Unterschiede gravierend sind. Das gilt sowohl für die theoretische als auch für die praktische Prüfung (schauen Sie hierzu die Tabelle unter Weiterführende Informationen an). So bestanden 2014 auf Anhieb über 311.000 Schüler die BF17-Praxisprüfung. Damit waren fast 76 Prozent erfolgreich. Ganz anders sieht es bei allen aus, die herkömmlich ab 18 den Führerschein erwerben. Hier bestanden nur rund 65 Prozent der Älteren ihre praktische Prüfung. Die Durchfallquote ist mit knapp 35 Prozent seit 2010 um 2,4 Prozent schlechter geworden. Noch mehr reguläre Führerscheinprüflinge fallen zudem in der Theorie durch. Hier patzen beim ersten Mal 36 Prozent. 

BF17: Mehr Motivation – besseres Elternhaus

Wie kommt es bei gleichen Fahrlehrern zu solchen Unterschieden? Die Wissenschaft ist noch sprachlos. "Die letzte große Befragung zeigte diesen Befund nicht", stellt Iris Schneidermann von der BASt fest. Klüger sind hier schon die Praktiker. "Die ganz Jungen haben Freude am Führerscheinerwerb, sie hängen sich viel mehr rein", sagt Gerhard von Bressensdorf, Vorsitzender der Bundesvereinigung der Fahrlehrerverbände (BVF) aus Berlin. Zudem ist wohl vor allem der Einfluss der Eltern entscheidend. "Beim Führerschein mit 17 haben die Eltern ein besonderes Sicherheitsbedürfnis. Zudem funktioniert hier das Elternhaus gut", stellt Kurt Bartels, erster Vorsitzender des Fahrlehrerverbandes Nordrhein aus Köln, fest. Außerdem würde der BF17 überwiegend auf dem Land gemacht. "Hier gibt es Ecken, da liegt der Anteil des Führerscheins mit 17 bei 80 Prozent", so der Fahrlehrer. Die Führerscheinaspiranten in der Stadt seien älter – oft zwischen 20 bis 25 Jahre.  

Bessergestellte im Vorteil

Und gerade diejenigen, für die das begleitete Fahren am Nötigsten sei, würden gar nicht erreicht. Das seien oft stark hedonistisch – also auf Spaß – programmierte Gruppen. Gleichzeitig würden sich manche Frauen mit Migrationshintergrund vor allem in der Prüfung schwertun. "Ihnen fehlt die Standfestigkeit", glaubt Bartels. Zudem sei das Prüfungsumfeld schwieriger geworden. "Fahren sie einmal in einer Stadt wie Köln 45 Minuten fehlerfrei. Das ist schon eine Leistung", so Bartels. Nach Einschätzung des BVG-Chefs von Bressensdorf hätten ältere Anfänger zudem das Problem, dass sie oft mit einer Doppelbelastung aus Beruf, Ausbildung oder Abiturprüfung kämpfen müssten. Somit sei eine optimale Vorbereitung auf die Prüfung  viel schwieriger. Gleichzeitig gibt von Bressensdorf zu, dass Kinder Bessergestellter öfter den Führerschein mit 17 machen. Somit spiegeln die Unterschiede bei den Durchfallquoten auch soziale Probleme wider.  

Rolle der Fahrlehrer

Den Vorwurf, dass für hohe Durchfallquoten möglicherweise auch schlecht ausgebildete Fahrlehrer mitverantwortlich sein könnten, weist zumindest Robert Klein, Vorsitzender des Interessenverbands Deutscher Fahrlehrer (IDF) aus Günzburg, weit von sich. So würde die steigende Zahl der Fahranfänger mit Migrationshintergrund eine "zusätzliche Herausforderung für das Qualitätsmanagement" der Fahrschulen darstellen. "Unsere Gesellschaft ist mehr und mehr geprägt durch eine zunehmende Kluft in den Bildungsverläufen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen", so Klein in einem 2015 veröffentlichten IDF-Positionspapier. Er kommt zum Schluss, dass trotz problematischer Veränderungen  im Ausbildungsumfeld eine "stabile" Durchfallquote zeige, dass in den letzten Jahrzehnten eine kontinuierliche Steigerung der Ausbildungsqualität stattgefunden hat.

Die Realität sieht wohl anders aus: Im Netz hagelt es Beschwerden über Fahrlehrer. Die Schüler bemängeln Desinteresse und verbale Attacken. Kostprobe: "Wenn ich eine Kleinigkeit vergesse wie beispielsweise den Schulterblick oder auf ein Schild nicht achte, wird mein Fahrlehrer richtig laut, er schreit mich an", beschwert sich Peter in gutefrage.net. Und im Mein-Kummerkasten heißt es: "Mein Fahrlehrer ist sehr hysterisch und schreit mich wegen jeder Kleinigkeit an. Ich fühle mich unter Druck gesetzt." Schlimme Erfahrungen machte eine Fahrschülerin in Stralsund. "Wenn ich nicht geblinkt habe, wurde mir auf die Hand geschlagen."

Solche "Erziehungsmethoden" sind eine grobe Verletzung der Berufspflichten, wie aus einem Urteil des Verwaltungsgerichts Stuttgart gegen einen 63-jährigen Fahrlehrer hervorgeht (8 K 2956/11). Doch viele Fahrschüler wehren sich nicht, da sie Nachteile befürchten. 

Ab 2017: Bessere Lehrer

Künftig sollen Fahrlehrer nun deutlich stärker zu Pädagogen ausgebildet werden, wie aus einem Gutachten für die BASt hervorgeht (siehe Kasten), das von fünf Wissenschaftlern verschiedener Fachrichtungen erstellt wurde. Der Anteil von pädagogischen und psychologischen Lerninhalten soll von 30 auf über 50 Prozent erhöht werden.

Außerdem sieht das Gutachten vor, Hauptschülern den Zugang zum Fahrlehrerberuf zu verwehren. Dieser Punkt wird heftig kritisiert. "Der Fahrlehrerberuf sollte als Weiterbildungsqualifikation für alle offen bleiben", fordert  von Bressensdorf. Angst hat der BVF zudem davor, dass angehende Fahrlehrer ab 2017 von der Ausbildung überfordert werden. "Wir wollen, dass die Fahrlehrer genügend Zeit bekommen, sich auf die Fachprüfung vorzubereiten, und fordern eine Ausbildungszeit von 16 Monaten."

Einig sind sich BVF und BASt-Gutachter darin, dass es vor dem Start in die Ausbildung einen Eignungstest geben soll, der frühzeitig die Spreu vom Weizen trennt. „Spaß am Autofahren reicht  für den Fahrlehrerberuf nicht aus“, so von Bressensdorf.  

Männer dominieren

Insgesamt kommen auf die Branche schwere Zeiten zu. Denn längst ist der Berufsstand hoffnungslos überaltert. So sind über 18 Prozent der rund 46.000 Fahrlehrer in Deutschland über 65 Jahre und nur 24 Prozent unter 44 Jahre. Wichtig wäre es, endlich Frauen in den Beruf zu bekommen. Denn er ist immer noch eine reine Männerdomäne. Derzeit gibt es nur rund neun Prozent weibliche Fahrlehrer. Möglich, dass dann die Ansprache insgesamt freundlicher wird. So gibt es im Netz auch Dialoge, die Hoffnung wecken, wie das Portal Fahrschule.de zeigt: Fahrlehrer: "Oh, unser Blinker scheint kaputt zu sein." Fahrschüler: "Aber er ging doch eben noch?" Lehrer: "Na ja, dann kannst du ihn ja ruhig mal wieder benutzen, oder?"

 

ACE-Informationen

Das neue Fahrlehrer-Ausbildungsrecht soll im Januar 2017 in Kraft treten. Ende Januar 2016 werden die Experten beim Verkehrsgerichtstag in Goslar über die momentan vorliegenden Vorschläge diskutieren, der Gesetzesentwurf soll im Frühjahr vorliegen.


Die bisher bekannten Eckpunkte sehen wie folgt aus:

  • Mittlerer Bildungsabschluss ist Voraussetzung; Hauptschüler können nicht mehr Fahrlehrer werden.
  • Fahrpraktische Prüfung vor Beginn der Ausbildung wird Pflicht.
    Acht Monate Theorie mit Kurzpraktikum; Abschluss mit befristeter Fahrlehrererlaubnis.
  • Ab dem 9. bis 12. Monat Lehrpraktikum in Fahrschule.
    Nach Lehrproben mit Theorie und Praxis unbefristet Fahrlehrererlaubnis.
  • Fachliches Wissen – 450 Stunden/49,45 Prozent.
  • Pädagogisch-psychologisches Wissen – 460 Stunden/50,55 Prozent.
  • Mindestalter-Senkung auf 21 (bisher 22) Jahre.

 

Weiterführende Informationen
Durchfallquote bei der PKW-Führerscheinprüfung (PDF)