Deutschland:

Goslar und Eisenach – Reise durch die Mitte Deutschlands

01.10.2016

Der ungefähre Mittelpunkt Deutschlands liegt zwischen Harz und Thüringer Wald. Die Berechnung des exakten Zentrums der Republik aber führt zu fünf verschiedenen Orten. Eine Entdeckungsreise ins Herz Deutschlands.

Ein gewisser Hang zur Mitte kann den Deutschen nun wirklich nicht abgesprochen werden. Politische Parteien mühen sich, die Mitte zu vertreten, und welche die beliebteste Fahrspur auf deutschen Autobahnen darstellt, muss nicht extra hervorgehoben werden. Nur, wenn es um die Definition der Mitte Deutschlands geht, streiten die Gelehrten. Gleich fünf Orte wetteifern um die Ehre, Mittelpunkt der Republik zu sein. Neugierig geworden machten wir uns auf die Suche.

Los geht es in Goslar

 

Als Startpunkt wählen wir Goslar, ein einstiges Zentrum der Macht. Wurde doch von der dortigen Kaiserpfalz aus über 200 Jahre lang Politik gemacht, noch heute gilt die Stadt als Ort des Rechts. Mehr als 1500 Fachwerkhäuser verschiedener Epochen sichern der Stadt die Aufnahme ins Welterbe der Unesco. Am Markt erinnert ein Glockenspiel an die Bergbautradition, Besen schwingende Hexen locken in Andenkenläden und in die Restaurants.

Das Bergbaumuseum im Oberharz

 

Doch wir widerstehen der Verlockung und fahren in den Harz hinein. Die Straße windet sich durch endlos scheinende Wälder, ab und zu glitzert ein See durchs Geäst. Wanderwege laden zum Füße vertreten ein, etwa auf dem Liebestorpfad im nahe gelegenen Ort Hahnenklee. Nur einen Steinwurf entfernt befindet sich die Gustav-Adolf-Kirche – eine der wenigen Stabkirchen Norddeutschlands. Bunte Holzfassaden, teils mit Schiefer durchsetzt, bestimmen das Straßenbild von Clausthal-Zellerfeld. Mehr als 400 Jahre lang wurde hier Erz gefördert, das Oberharzer Bergbaumuseum erlaubt einen Blick in die Welt der harten Arbeit. Sagen von Schätzen hortenden Zwergen sind hier lebendig, die dichten Nadelwälder hinter der Stadt wirken geheimnisvoll. Doch bald schon weicht der Wald Äckern und Streublumenwiesen. Die Ernte wird eingefahren, gelb hängt der Mais an den Stauden. Obwohl durch Fachwerk-Architektur geprägt, gibt sich Osterode modern. Für E-Fahrzeuge reservierte Ladeplätze direkt an der Stadtmauer, im Stadtkern konkurrieren Markthändler und Cafés um die besten Plätze.

Krebeck – Geografische Mitte Deutschlands

 

Im Mai 1991 widmete sich das Deutsche Geodätische Institut in München der Mittelpunktsfrage, bezog alle geografischen Unebenheiten ein und erkor Krebeck zum Zentrum der Republik. Krebeck hat gut 1000 Einwohner und gibt sich im positivsten Sinne dörflich. Der Gedenkstein mit der eingelassenen Tafel befindet sich am Kriegerdenkmal, Bänke laden zum Nachdenken über die Dimension dieses zentralen Ortes ein. Auch die Bushaltestelle ist nur wenige Schritte entfernt. Laut Fahrplan sind es von hier aus nur sechs Minuten bis Ebergötzen, wo schon der Dichter Wilhelm Busch so gern weilte, dass man ihm ein Museum widmete.


In der Nähe des Seeburger Sees, immerhin des größten Natursees Südniedersachsens, finden wir uns erneut in der Mitte wieder. Liegt der Ort doch ziemlich genau auf halber Strecke zwischen der alten Bundeshauptstadt Bonn und der neuen Hauptstadt Berlin. Ganz im Zeichen der jüngeren deutsch-deutschen Geschichte steht Duderstadt, und hat dabei so viel mehr zu bieten. Das von drei Erkertürmen gekrönte Rathaus gehört zu den ältesten Deutschlands. Dass die Geschichte nicht immer so friedlich war wie heute, bestätigt ein Blick in die Folterkammer, die auf einer Führung durch das Rathaus besichtigt werden kann.

Thüringer Bratwurst in Heilgenstadt genießen

 

Entlang der Grenze zwischen Niedersachsen und Thüringen führt uns der Weg nach Heiligenstadt, der Hauptstadt des Eichsfelds. Eine gute Gelegenheit, sich die Thüringer Bratwurst im Original schmecken zu lassen. Acht Kilometer vom Zentrum entfernt liegt der Ortsteil Flinsberg, der ebenfalls für sich beansprucht, das Zentrum Deutschlands zu sein. Unterstützt wird er von der Fachschaft Geodäsie an der Universität Bonn, die im Mai 1991 nach einer mathematischen Berechnung die Koordinaten festlegte. Etwas abseits des Dorfes erinnern Findling, Eiche und Bodengrafik an die Bedeutung dieses Platzes, eine Bank zeugt davon, dass auch der Papst schon hier war. Am wolkenlosen Himmel zieht ein Flugzeug seine Kreise, auf der Dorfstraße spielen Kinder. Aber sonst liegt Stille über Mitte.


Über kleine Landstraßen geht es weiter nach Dingelstedt. Den Abstecher zur Quelle der Unstrut bereuen wir nicht. Zwar wird auch der Ortsteil Silberhausen als einer der Mittelpunkte der deutschen Republik gezählt, doch macht man in dieser ländlichen Idylle nicht viel Aufhebens darum. Kein Stein, kein Baum, keine Gedenkplatte. In dem Ort, der 1996 nach experimenteller Bestim-mung des physikalischen Schwerpunktes Deutschlands zum Mittelpunkt gekürt wurde, geht das Leben seinen normalen Gang.

In Mühlhausen wird es mittelalterlich

 

Nicht entgehen lassen wollen wir uns Mühlhausen, wo mittelalterliches Ambiente das Stadtzentrum schmückt. Fast vollständig erhalten ist die Stadtmauer, der Wehrgang ist teilweise begehbar. Gut vorstellbar, dass hier bereits Johann Sebastian Bach oder der Reformator Thomas Müntzer entlanggegangen sind, die beide in der Stadt gelebt haben.


Nur wenige Kilometer entfernt liegt Niederdorla, der erste benannte Mittelpunkt der Bundesrepublik. Der Berechnung der Extrempunktkoordinaten im Jahr 1990 folgte die Pflanzung einer Linde, auch eine Steinplatte dient der Würdigung dieser besonderen Stelle. Bislang ist es das bestbesuchte Memorial, denn zahlreiche Besuchergruppen kommen und gehen.


Obwohl etwas abgelegen und nur über eine Schotterpiste erreichbar, bietet sich der Kletterwald in Kammerforst für einen Ausflug an. Besser gesichert als Tarzan bekommt man eine Ahnung davon, warum der Hainich von der Unesco zum Weltnaturerbe erklärt wurde. Wer den Urwald kräfteschonender von oben aus erleben möchte, sollte den Baumkronenpfad im Nationalpark Hainich besuchen. Vergleichsweise gepflegt und gediegen geht es dagegen in der über 1000 Jahre alten Färberstadt Bad Langensalza zu, die auch als Stadt der Gärten bezeichnet wird. Fußwege verbinden zehn schöne Parkanlagen miteinander.

In Eisenach ist die Wartburg das Zentrum der Republik

 

Nach Berechnungen der Pädagogischen Hochschule Erfurt von 1997 gehört auch Landstreit, vor den Toren Eisenachs gelegen, zu den erklärten Mittelpunkten Deutsch-lands. Gleichzeitig ist der Flecken ein Beweis dafür, dass die Mitte nicht immer erreichbar ist. Wir respektieren die Durchfahrtsverbote und wenden uns Eisenach zu, wo stattdessen die Wartburg zum Zentrum der Republik erkoren wurde. Immerhin übersetzte Martin Luther hier das Neue Testament in die deutsche Sprache, später ging Goethe im Ritterschloss ein und aus. Also bewundern wir die Burg, nach der 35 Jahre lang auch Autos benannt waren. Und versäumen es nicht, der in den ehemaligen Werkshallen untergebrachten Ausstellung "Automobile Welt Eisenach" einen Besuch abzustatten.


Haben wir unsere Mitte letztendlich gefunden? Drei anerkannte Stätten des Weltkulturerbes, Begegnungen mit lebendiger Historie und jüngerer Geschichte. Kleine Orte, in denen die Zeit still zu stehen scheint, und andere, in denen man tatsächlich mittendrin zu sein scheint. Wo auch immer der wahre Mittelpunkt angesiedelt sein mag – auf einer Tour durch die Herzregion Deutschlands stehen Entdeckungen an zentraler Stelle.

Touristische Informationen

 

Die fünf Mittelpunkte: Fünf Orte verweisen darauf, der wahre Mittelpunkt der Bundesrepublik Deutschland zu sein. Die Unterschiede in der Verortung ergeben sich aus verschiedenen Berechnungsmethoden. Das niedersächsische Krebeck sowie Flinsberg und Niederdorla in Thüringen würdigen ihre Lage durch Gedenkplätze, Silberhausen verzichtet bislang darauf. Statt Landstreit wurde im Jahr 1997 die nur zehn Kilometer entfernte Eisenacher Wartburg zum symbolischen Mittelpunkt Deutschlands erklärt.


Anreise:
Das Grenzgebiet von Niedersachsen und Thüringen ist von Norden und Süden her kommend gut über die A 7 erreichbar. Von Halle und Leipzig aus ist es nicht weit über die A 38, im Süden führt die A 4 an Eisenach vorbei.


Unterkunft: Hotels und Pensionen aller Standards bieten sich in den Orten entlang der Route. Informationen hierzu erteilen die lokalen Fremdenverkehrsämter. Camper finden auf der Strecke eine Vielzahl von Camping- und Wohnmobil-Stellplätzen.


Tipp: Zum Wandern in unberührter Natur ist der 7500 Hektar große Nationalpark Hainich geeignet. 19 Wanderwege führen durch den Urwald mitten in Deutschland, an der Thiemsburg gibt es einen Baumkronenpfad. Führungen durch das  größte zusammenhängende Laubwaldgebiet Deutschlands finden an jedem Wochenende statt.


Detaillierte Informationen: Die jeweiligen Verkehrs- und Touristikämter bieten Broschüren und Übernachtungsempfehlungen. Hierzu folgende Adressen und Telefonnummern:
38640 Goslar, Markt 7, Tel. 05321 780 60, www.goslar.de
32678 Clausthal-Zellerfeld, An der Marktkirche 8, Tel. 0 53 23 93 10, www.clausthal-zellerfeld.de
37520 Osterode, Eisensteinstraße 1, Tel. 05522 31 83 33, www.osterode.de
37308 Heiligenstadt, Wilhelmstraße 50, Tel. 03606 67 71 41www.heilbad-heiligenstadt.de
99947 Bad Langensalza, Bei der Marktkirche 11, Tel. 03603 83 44 24, www.badlangensalza.de
99817 Eisenach, Markt 24, Tel. 03691 792 30, www.eisenach.info


Info-Grafik: Karte von Goslar nach Eisenach (PDF)