Winterurlaub:

Hochpustertal – Rentiere auf der Piste

01.01.2016

Rentiere auf der Piste und Prosecco im Glas? Das "neue" Hochpustertal ist ein Grenzgänger und vereint Berge und Welten und tierisch gutes Skifahren.

Gibt es tatsächlich Fata Morganas in der winterlichen Bergwelt? Wer von der Rotwand auf dem Skiweg in Richtung Kreuzbergpass gleitet, der fällt vom Glauben ab oder gleich vor lauter Staunen in den Schnee: Dieser Wildwechsel ist anders – sind das echt Rentiere? Wer auf der Sonnenliege vor Rudis Hütte faulenzt, staunt noch mehr. Denn wer sich daneben fläzt, ist ein waschechtes Rentier. Wer einen Pistenbully-Fahrer beobachtet, der verzweifelt versucht, ein Hindernis wegzuscheuchen, wird feststellen: Das Hindernis ist ein Rentier.

Rentiere im Hochpustertal

 

"Schuld" ist Rudolf, besser Rudl Egarter. Dessen Lebensgeschichte ist turbulent, er wurde Betriebsleiter der Skilifte an der Rotwand und als er 2003 unbeirrt nach Finnland reiste, um Rentiere zu kaufen, sagte das Tal unisono: "Jetzt spinnt er komplett." Aber Rudl, nie ein Feind kühner Unternehmungen, engagierte hingegen einen Rentierbauern, lernte, hörte zu, packte am Ende vier Rentiere samt dem Bauern ein, und eine merkwürdige Reisegesellschaft setzte sich von weit hinterm Polarkreis nach Helsinki in Bewegung, nahm die Fähre, verlud dann auf einen Lkw und schaffte die Tiere mit dem Traktor an die Bergstation unter der Rotwand. Eine ziemliche Odyssee, von der sich die vierbeinigen Nordländer aber recht gut erholten.

Gut 13 Jahre ist das her und die Lernkurve von Rudl war gewaltig. "Rentiere sind wunderbare Tiere, aber sehr kompliziert in Haltung und Fütterung." Im Winter dürfen die Renis frei im Skigebiet umherstreifen, "die Bewegung hält sie gesund". Nach spätestens 24 Stunden sind sie retour. Um zu fressen, denn ohne Moos ist nix los!

Anfangs importierten die Liftler noch Moos aus Finnland, heute pflücken sie es selber, trocknen es und mussten auch lernen, dass es schnell zu Staub zerfällt. Nun gibt es extra einen Kühlraum fürs Moos …

Und eben diesen Wildwechsel am Ziehweg hinüber zum Kreuzbergpass, der mehr eine Loipe für Alpinfahrer ist, aber so was von romantisch im verschneiten Tann. Dann der Kreuzbergpass, wo die nationalen Skiteams an einem Lift mit perfekter Neigung gerne trainieren, und weiter auf einem Skiweg.

Das Skigebiet rund um die Sextner Dolomiten

 

Nun mag das Hochpustertal es verzeihen, dass sein Engagement von hinten aufgezäumt wird, aber der Skiweg führt nach Padola. Das ist eine Fraktion von Comelico Superiore, der nördlichsten Gemeinde der Provinz Belluno in Venetien. Hier ist eine ladinisch sprechende Minderheit zu Hause, und man lebte von den Arbeitsplätzen der Brillenindustrie. Die wanderte nach China ab und die Region blutete aus. Versuche mit einem Thermalbad scheiterten daran, dass selbiges so schlecht gebaut war, dass nach zwei Jahren schon die Fliesen von den Wänden fielen. Aber das vor sich hin marodierende Padola wollte nicht sterben und besann sich auf sein Skigebiet, das nun ganz offiziell auch zu den Sextner Dolomiten gehört. Und wow! Das sind Pisten! Leer, perfekt präpariert, lang – einfach großartig! Denn wo, bitteschön, hat man noch Platz zum Carven, da nimmt man doch lieber denselben Lift mehrmals, immer noch das breite Grinsen im Gesicht.

Anspruchsvolle Pisten und sensationelle Aussichten

 

Retour fährt ein Bus mitten hinein in ein Gebiet, das eben auch aus dem Dornröschenschlaf aufgewacht ist. Die Insider hatten es schon gewusst: Die Berge Helm und Rotwand waren immer schon ein Geheimtipp, die 800 Meter Holzriese-Piste mit beeindruckenden 71 Prozent Gefälle eine Legende – Mann, ist die steil! Aber die Gebiete waren zu klein, um so richtig mitzumischen. Seit 2014 haben die Sextner über neue Anlagen und neue Pisten nun 68 Kilometer über den Almenberg Stiergarten zusammengeschmiedet. Da kommt man rum – von Vierschach bis Moos, und die Aussichten sind sowieso unschlagbar. Neuner, Zehner (die Rotwandspitze), Elfer, Zwölfer – die Sextner ha-ben ihre Uhr fest gezimmert aus hochragendem Dolomitenfels.

Kulinarisch erweist sich das Pustertal als Gourmethimmel

 

Dazu kommen Hütten wie die Rotwandwiesenhütte, wo die Sonne bis zuletzt in den Nasen kitzelt, wenn der Bergstock längst im Schatten liegt. Und natürlich die Jora-Hütte, wo der junge Koch Markus Holzer einfachen, frischen Lebensmitteln ganz unglaubliche Geschmacksnuancen entlockt. Rote Beete, Brot, Fleisch so zart nach dem Motto: "Ich hab das Kalb vorher selber noch rumlaufen sehen". Holzer liebt Pasta. Sein Kochbuch „Pasta on the Rocks!“ bricht eine Lanze für das allitalienische Gericht und dafür, dass Pasta mehr ist als Carbonara und Bolognese. Der junge Koch ist einer dieser neuen Sterne am Gour-methimmel, er wird weltweit gebucht, am liebsten kocht er aber nach eigenem Rhythmus in seiner Hütte. Auch weil er früher in der Ausbildung immer zu langsam gewesen sei …

Zirbenholz garantiert einen guten Schlaf

 

Langsam und bedächtig sollen auch zwei Hirsche immer bei Vollmond an der Schwefelwasserquelle in Bad Moos getrunken haben. Das "Badl" ist bereits seit 1765 belegt, um 1800 entstand ein hölzernes Badehaus. Wo die Hirsche tranken, badeten bald die Damen mit Kinderwunsch, Bad Moos ist bis heute ein perfektes Hideaway und die Betten im Hotel sind aus Zirbenholz. Der Stoff, aus dem die Madonnen geschnitzt waren, ein fast heiliger Baum, der sich auf schmalsten Felsbändern in senkrechten Wänden festhalten kann. Sein Holz ist harzig und reich an ätherischen Ölen, die noch Jahrzehnte nach dem Einschlag zu riechen sind. Es gibt sogar Studien, die belegen: Im Zirbenbett schläft sich’s besser.

Und mit Moos oberhalb von Moos lebt es sich einfach gut. Das beweist die wöchentliche Rentierfütterung an der Bergstation. Die Begeisterung ist immer grenzenlos, die Kinder lauschen staunend, dass hier im Pustertal quasi eine Rentierwechselstelle ist. Weil der Weihnachtsmann ja so weit weg am Nordpol lebt und ab und zu mal Tiere tauschen muss. Das leuchtet ein, auch dass die Renis das Jahr über hier einfach Urlaub machen. Wo auch sonst!

Touristische Informationen

 

Anreise: Mit dem Auto über die Brennerautobahn A 22 (mautpflichtig) bis zur Ausfahrt Brixen (Pustertal), dann weiter auf der SS 49 weiter ins Hochpustertal.
Alternativ über Lienz in Osttirol in Richtung österreichisch-italienische Grenze auf der Staatsstraße E 66. Ideale Anreise aus Süddeutschland über die Felbertauernstraße (keine Vignettenpflicht). Mit der Bahn bis Franzensfeste, dort umsteigen auf die Bahnlinie Richtung Innichen. Haltestellen in Niederdorf, Toblach und Vierschach/Helm.

Skigebiet: Sextner Alpen 67,5 km Pisten, davon leicht 24,3 km, mittel 35,5 km und schwer 7,7 km. Zusammen mit Padola und Haunold insgesamt 93 km Pisten.

Wohlsein: Sport & Kurhotel Bad Moos****s, Fischleintalstr. 27, 39030 Sexten-Moos, www.badmoos.it; Hotel Kreuzbergpass, 39030 Sexten, www.kreuzbergpass.com.

Kronplatz-Ausflug: Der Ski Pustertal Express bringt Skifahrer im 30-Minuten-Takt und in rund 45 Minuten vom Skigebiet Sextner Dolomiten ins Skigebiet Kronplatz. Bahnhöfe: Vierschach/Helm im Skigebiet Sextner Dolomiten und Percha-Kronplatz (Ried). Der Ski Pustertal Express ist kostenlos für Gäste
von Unterkünften, die Mitglied bei den örtlichen Tourismusvereinen sind.
Ansonsten muss das Zugticket gelöst werden.

Auskunft: Tourismusverband Hochpustertal, Tel. 0039 04 74 91 31 56,
www.s-dolomiten.com, www.hochpustertal.info.