Wanderurlaub:

Liechtenstein – Wandern im Fürstentum

29.06.2017

Der Kleinstaat zwischen Österreich und der Schweiz ist nicht nur ein Dorado für Finanzjongleure. Das Land, das zu zwei Dritteln aus Bergen besteht, wirbt auch mit 400 Wanderkilometern unterschiedlicher Schwierigkeitsgrade.

Rund 160 Quadratkilometer umfasst das Territorium des Fürstentums Liechtenstein. Hoch oben über der Hauptstadt Vaduz thront auf einem Felsen die Residenz des Fürsten. Rot-blaue Fahnen mit Fürstenhut wehen für die konstitutionelle Erbmonarchie. Schweizer Flaggen demonstrieren die traditionell engen Bande des gemeinsamen Wirtschafts- und Währungsraumes. Von den rund 37.000 Beschäftigten Liechtensteins kommen mehr als die Hälfte über die umliegenden Grenzen, die meisten Einpendler stammen aus der Schweiz. Ein Drittel seines Bruttosozialprodukts erwirtschaftet der Zwergstaat als Finanzplatz.

„Hoi metanand“, begrüßt Wanderführer Herbert die Gruppe, neun mehr oder weniger sportlich anmutende Wanderwillige aus Deutschland und Österreich, den beiden touristischen Haupteinzugsgebieten Liechtensteins. Treffpunkt ist Vaduz, der Hauptort von Liechtenstein. Der gebürtige Österreicher ist Bergführer aus Leidenschaft. Berggotta und Berggötte nennen sie sich. Schon beim Klang dieser Worte aus dem Liechtensteiner Dialekt für Pate und Patin fühlt man sich wohlbehütet. „Ein Pate steht für tiefe Verbundenheit zwischen Bergführer und Wanderer“, sagt Herbert. „Wir sind so verschieden wie die Bedürfnisse der Wanderer“, erklärt er das Konzept der Berggottas und Berggöttes, die jeden, der in einem Liechtensteiner Hotel logiert, kostenlos über die Berge führen. „Dabei kommt es nicht auf Höhenmeter an, sondern auf die Begegnung mit der Natur.“

Nichts entspannt mehr als der Anblick der Berge

Auf geht’s. Der Gaflei-Bus erklimmt die kurvige Bergstraße. Nach einer halben Stunde ist auf 1500 Meter Höhe die blumige Bergwelt der Gaflei, auf der Ende des 19. Jahrhunderts der erste Kurort Liechtensteins stand, erreicht. Auf dem Sonnenplateau mit großartiger Aussicht auf die Schweizer Alpen soll eine Kurklinik für Burn-out-Patienten entstehen. „Nichts entspannt mehr als der Anblick der Berge“, meint auch Herbert und stellt an der Wandertafel die heutige Tour vor. Fünf Stunden, neun Kilometer und 400 Höhenmeter stehen an.

Den Mittelpunkt Liechtensteins markiert ein schwerer Felsbrocken

Es beginnt ganz harmlos. Begleitet von Frühnebelschwaden, Murmeltierpfiffen und Kuhglockengebimmel geht es vorbei am Mittelpunkt Liechtensteins, den ein 4,5 Tonnen schwerer Felsbrocken in etwa 1800 Metern Höhe markiert. Erst seit dem Jahr 2000 weiß man, dass sich der Mittelpunkt des Fürstentums auf der Alp Bargälla befindet. Der Mathematiker Georg Schierscher „zerlegte“ das Fürstentum in 2200 Dreiecke, um den Flächenschwerpunkt zu berechnen. Der Stein ist ein Geschenk aus dem österreichischen Teil des vom Mittelpunkt aus sichtbaren Saminatals. Der Helikopter, der den Findling auf die errechnete Stelle setzte, kam aus der Schweiz.

Der Fürstensteig ist ein alpiner Panoramaweg

Allmählich gewinnt der von Legföhren gesäumte Weg an Steigung und wird zur Generalprobe für Kondition und Schuhwerk. Das erste Gipfelkreuz auf dem Alpspitz ist in 1942 Metern erreicht. Auf der anderen Seite des Berges beginnt der so legendäre wie steinige Fürstensteig, einer der alpinen Panoramawege. Immer wieder klackert Geröll in die Tiefe dieser sich ständig verändernden Steinwüste, in die Fürst Johann II. 1898 einen schmalen Steig in die Felswand sprengen ließ. Schmal und schroff am Abgrund, gesichert nur durch ein Handseil. Stellenweise geht es über Tritte und Leitern. „Ich hoffe, ihr seid alle schwindelfrei“, sagt Herbert. Besser man blickt nicht nach unten, wo der Rhein schnurgerade durch die Ebene fließt.

Der nächste Tag beginnt mit Muskelkater und Berggötte Nikolaus. Knapp zehn Kilometer, rund 850 Meter bergauf, 150 Meter wieder runter, erwarten die ein wenig müden Wanderer. Den einstigen Unternehmer hat Burnout auf den Weg des Wanderns als Therapie gebracht. Jetzt ist er auf dem Pfad der Achtsamkeit. „Jeder Mensch findet sein eigenes Tempo, wenn er nur auf seinen Körper hört“, weiß Nikolaus. So 40 bis 45 Schritte in der Minute wären im Allgemeinen ein gutes Maß. Zeit, die Natur zu genießen. Es geht vorbei an Wasserfällen, über Bäche und steil ansteigende Wiesen voller Enzian. Im Naaftal packt Berggötte Nikolaus Valbuner Speck, Käse und einen Pinot noir aus der Fürstlichen Hofkellerei aus.

Käsknöpfle sind das Liechtensteiner Nationalgericht

Mild scheint der Tag zur Neige zu gehen, doch der letzte Aufstieg zur Hütte bringt einige noch einmal an physische Grenzen. Erschöpft auf dem Bettlerjoch angekommen, wartet schon Berggötte Michael in der Pfälzerhütte bei einem Teller Käsknöpfle, dem Liechtensteiner Nationalgericht aus Käse, Mehl, Eier, Wasser, Salz und Pfeffer. Der kernige Bergführer kennt alle 32 Alpengipfel des Landes. Ihm liegt das Bergsteigen im Blut, denn seit 600 Jahren ist seine Familie hier ansässig. Erfahrene Bergwanderer begleitet er auf schwer zu erklimmende Gipfel wie den Grauspitz (2599 Meter), den höchsten Berg Liechtensteins. Doch jeder, der mit ihm die Gipfel erstürmen will, wird streng geprüft. „Die Alpen sind kein Kinderspielplatz“, sagt Michael.

Früh um vier soll es am nächsten Tag auf den Naafkopf gehen, wo sich in 2570 Meter Höhe Liechtenstein, Schweiz und Österreich ein luftiges Gipfeltreffen geben. Der Weg dorthin ist stellenweise so steil, dass manchem der Mut schwindet. Doch auch wer nur bis zum kleinen Gipfelkreuz aus Lärchenholz, weit unterhalb des eigentlichen Ziels, geht, wird von einem Himmel belohnt, an dem für einen Moment Sonne und Mond gleichzeitig stehen. Steinböcke verharren im goldroten Sonnenaufgang. Murmeltiere stellen sich auf ihre Hinterbeine, als wären auch sie entzückt von dem Naturschauspiel.

Nach dem Frühstück entspannt sich der Tag auf einem der schönsten Panoramawege, dem Fürstin-Gina-Steig, der seinen höchsten Punkt auf dem Augustenberg findet. Auf einem blumenübersäten Grat zur Bergbahn in das Liechtensteiner Skizentrum Malbun zeigt der sportliche Bergbezwinger Michael seine zarte Seite. „Wandern ist kein Wettkampf, es macht glücklich, wenn man sich persönliche Ziele steckt und mit sich selbst zufrieden ist“, sagt er. Und „immer auf die Qualität des nächsten Schrittes achten“. Bergwandern als Lebensmetapher.

Unter dem Gipfelkreuz gibt es einen Espresso

Am vierten Tag führt Berggotta Rosaria auf die Berge. Sie sprüht vor Unternehmungslust und lockt mit einem Aussichtspunkt auf dem Hahnenspiel, von dem aus die Gruppe beinahe alles noch einmal sehen kann, was sie in den letzten Tagen erwandert hat. Es geht über Wiesen, Stock und Stein. Kein Weg ist erkennbar. Rosaria geht am liebsten jenseits ausgewiesener Pfade. Die Aussicht ist ebenso überraschend wie das folgende Angebot. „Wer hat Lust auf einen Espresso?“ Berggotta Rosaria holt einen Handpresso aus dem Rucksack und bald dampft und duftet es aus kleinen weißen Plastikbechern. Frischer Espresso auf 1976 Meter Höhe! Was zunächst wie ein Scherz klingt, erweist sich als kulinarische Krönung dieser Gipfelwanderung.

Touristische Informationen

Anreise: Mit dem Auto über München über die A96, in Österreich auf die A14, Ausfahrt Feldkirch. Auf den Autobahnen in Österreich sind Vignetten Pflicht. Mit dem Flugzeug bis Zürich, von dort mit dem Zug ca. 1,5 Stunden nach Sargans. Von dort mit dem Bus nach Vaduz. Die Buslinie 21 fährt stündlich von Vaduz nach Malbun.

Wandern: Treffpunkt ist jeweils um 9 Uhr der Berggötte/Berggotta-Turm in Malbun. Gruppenstärke maximal zehn Personen. Anmeldungen am Vortag bis 10 Uhr telefonisch 00423 / 239 63 63 oder per E-Mail info@liechtenstein.li. Termine kann man der Website des Liechtenstein Centers entnehmen.

Übernachtung: Im Berggasthaus Sücka, DZ/F mit Dusche und WC für 110 CHF, kann man ein letztes Mal seine E-Mails über WLAN checken. Die Pfälzer Hütte des Liechtensteiner Alpenvereins ist bis Ende Oktober geöffnet, sie bietet mit Holz verkleidete Mehrbettzimmer. Im Waschraum fließt kaltes Wasser. Das Bett im Gemeinschaftsraum kostet 30 CHF, ein Frühstück ist für 12 CHF zu haben. Das Alpenhotel Malbun, mitten im Zentrum des Ferienortes, hat auch ein Schwimmbad. DZ/F ab 140 CHF.

Auskunft: Außer Hochgebirgstouren für geübte Wanderer bietet Lichtenstein Tourismus auch viele tolle Themenwege und Lehrpfade für Familien!