Reportage:

Lieferverkehr in Großstädten - Zustell-Service

24.09.2019

Die Waren-Bestellbranche boomt. Die Lieferbranche auch. Immer mehr Paket- und Lieferdienste bringen – und holen ab. Die Folgen: Staus, Gefahren, noch mehr schlechte Luft. Aber auch Chancen.

Was für ein Komfort. Mit zwei Klicks sind das T-Shirt oder der 55-Zoll-TV online bestellt, zwei Tage später klingelt der Paketbote. Der Supermarkt hält unsere Lieblings-Tiefkühlpizza parat, die Tankstelle den Sprit für das Auto. In unserer Wohlstandsgesellschaft haben wir uns daran gewöhnt, dass fast alles sofort verfügbar ist und auch, dass vieles auf demselben Weg zurückgegeben werden kann –  vor allem bei privaten Online-Bestellungen.

Florierender Online-Handel sorgt immer mehr Lieferverkehr

Der Preis dafür: eine ständige Zunahme des Lieferverkehrs. 40-Tonner rumpeln über Kreuzungen und immer mehr Kastenwagen eilen durch Wohngebiete, alle paar Meter blockiert ein Nutzfahrzeug den Fußweg. Zwischen allem kämpfen Radboten ums Überleben und pünktliche Zustellung. Vor allem in urbanen Ballungszentren wird die Waren- und Güterzustellung zunehmend zur Belastung für Mensch und Umwelt.

Gefahren für Mensch und Umwelt

Ein unübersichtliches, unkoordiniertes und gefährliches Verkehrsgewusel entwickelt sich, das in der öffentlichen Wahrnehmung freilich unter dem Radar rangiert. Belastung durch Lieferverkehr verortet man eher auf der Langstrecke – tatsächlich präsent ist sie dort, wo Menschen leben. Lkw und Transporter emittieren 20 Prozent aller giftigen Stickstoffdioxide, die der Straßenverkehr verursacht. Und immer wieder kommt es im urbanen Bereich zu schweren Unfällen, weil etwa Fußgänger oder Radfahrer durch rechts abbiegende Trucker übersehen werden: ein Risiko, das durch den Trend zu schnellen E-Bikes und E-Tretrollern noch steigen dürfte.

Die Städte wachsen, der Verkehr zieht mit

Die Zahl der betroffenen Städter steigt stetig: Weltweit gibt es mehr als 800 mit mindestens einer Million Einwohnern. Über die Hälfte der Weltbevölkerung lebt in Citys. Waren es 1950 noch 749 Millionen Menschen, sind es heute 3,9 Milliarden. Tendenz steigend – bis 2050 rechnen Experten mit weiteren 2,5 Milliarden „Urbanisten“.
Der Lieferverkehr zieht dementsprechend mit an: So dürfte beispielsweise in Hamburg der Lkw-Verkehr in den nächsten sieben Jahren um 40 Prozent steigen. Heute schon machen Laster 25 bis 30 Prozent des städtischen Verkehrs aus; viele von ihnen nicht mal halb voll geladen. Das führt zum Symptom Verstopfung: Das Straßentempo in den Ballungsräumen der Welt ist in zehn Jahren auf die Hälfte gesunken.

Die Probleme bieten Chancen für Lösungen

Im Warenverkehr steckt neben der Belastung auch viel Potenzial, die Städte zu entlasten, das Leben sicherer und sauberer zu machen. Tatsächlich hat die Suche nach dem schlanken Lieferverkehr längst begonnen. Am eifrigsten ringen diejenigen um Lösungen, deren Geschäftsmodell von reibungslosen, schnellen Lieferungen abhängt – wie Amazon.

Kommt ein Päckchen geflogen: Zustellung per Drohne

Das gigantische virtuelle Warenhaus würde Bestellungen am liebsten per fliegender Drohnen zustellen. Zuerst mal eine bestechende Vision. Doch durchaus auch umstritten. So zeigt sich mittlerweile, dass die Regierungen der Welt den Luftraum nicht so schnell preisgeben. Schon gar nicht dort, wo defekte oder falsch gesteuerte unbemannte Fluggeräte Menschen auf den Kopf fallen könnten – in Städten also. Derzeit werden rund um den Globus entsprechende Regulierungen eher verschärft als gelockert.

Mit Schallgeschwindigkeit durch die Röhre?

Andere Zukunftsvisionen wiederum spielen zwei Etagen tiefer, werden aber ebenfalls kontrovers diskutiert. Der Hyperloop etwa, der Waren wie Menschen mit Schalltempo durch unterirdische Vakuum-Röhren pfeifen soll, wirft nach erster Euphorie zunehmend die Finanzierungs-Frage auf.

Fahrradboten haben sich für kleine Lieferungen bewährt

Bevor also die ersten Röhren betriebsbereit sind, dürften Optimierungen anderer urbaner Transportmittel Entlastung schaffen. Der bewährte Fahrradbote etwa, derzeit schnellster Überbringer von Tür zu Tür von – leider nur – Briefsendungen und kleinen Päckchen.

Flott unterwegs: E-Lastenräder

Doch wenn man schlanke Fortbewegung, die kleine benötigte Verkehrsfläche und den geringen Energiebedarf kombinieren könnte mit der Tragfähigkeit für größere Lasten: Das wär doch mal was! Genau diese Idee steckt beispielsweise hinter dem Bio-Hybrid von Schaeffler, eine Art E-Pedelec mit einem Kubikmeter Kofferraum. Bald sollen die ersten Fahrzeuge an Kunden ausgeliefert werden.

Päckchen könnten auch im Linienbus mitfahren

Die elektrischen Transporter der Post sind bereits ein erster Vorbote des emissionsfreien Warenverkehrs. Und der ÖPNV bietet sogar noch Potenzial für den Warenverkehr: So könnten Linienbusse, die außerhalb der Hauptpendelzeiten meist leer unterwegs sind, auch Pakete aufnehmen. Generell werden sich die Systeme vom Lastradboten bis zum autonomen Lkw eher weiterentwickeln und verschmelzen, als dass eine einzige innovative Technik den Lieferverkehr auf den Kopf stellt.