Umwelt:

Luftbelastung – Feinstaub, Stickoxide und Co.

26.03.2018

Das Urteil des Leipziger Verwaltungsgerichts hat die Diskussion um Luftschadstoffe verschärft. Was bewirken Feinstaub und Stickoxide?

„In der Stadt sind es nicht nur die Anwohner, die unter der Schadstoffbelastung leiden. Jeder Autofahrer sitzt auch wenige Meter hinter dem Auspuff seines Vordermannes und atmet die Abgase direkt ein“, sagt der ACE-Vorsitzende Stefan Heimlich. Damit bringt er das Dilemma der Autofahrer auf den Punkt. Einerseits möchte niemand in seiner Mobilität eingeschränkt werden, anderseits hat jeder ein Recht darauf, saubere Luft zu atmen. „Gesundheitsschutz hat Vorrang“, das ist für Stefan Heimlich gar keine Frage. Gerade an stark befahrenen Straßen in Großstädten, bekannteste Beispiele sind das Stuttgarter Neckartor und die Landshuter Allee in München, werden regelmäßig zu hohe Schadstoffwerte gemessen. Die Politiker schauten zu lange weg, jetzt zwingt sie das Urteil des Leipziger Bundesverwaltungsgerichts zum Handeln.

Moderne Autos stoßen weniger Abgase aus

Eigentlich sind Autos in den vergangenen Jahren deutlich sauberer geworden. Jeder, der zwischen einem Golf der ersten Generation von 1974 und einem Modell der aktuell siebten Baureihe steht und ein Papiertaschentuch an den Auspuff hält, stellt fest: Das neue Auto stinkt nicht mehr, das Taschentuch bleibt sauber. Ja, richtig – es gibt allerdings ein großes Aber!

Zwar stoßen moderne Autos deutlich weniger Abgase aus, aber die Partikel werden gefährlicher, da sie – dank effizienter Abgasreinigung – immer kleiner und damit beispielsweise lungengängig werden. Das heißt, über die Lunge gelangen die Schadstoffe in den Blutkreislauf.

Wie ungesund moderne Autos sein können, zeigt ausgerechnet der „Affen-Versuch“, mit dem die Europäische Forschungsvereinigung für Umwelt und Gesundheit im Transportsektor (EUGT), ein Lobbyverbund mehrerer deutscher Autohersteller, beweisen wollte, dass moderne Autos nicht gesundheitsgefährdend sind. Über mehrere Stunden mussten zehn Javaner-Affen die Diesel-Abgase eines neuen VW Beetles und eines alten Ford Pick-ups einatmen. Das unliebsame Ergebnis: Den Affen ging es mit den Diesel-Abgasen des neuen Beetles deutlich schlechter als mit der vermeintlich alten Dreckschleuder.

In den vergangenen Jahren stand Feinstaub im Fokus

Stickoxide haben bei den Abgasnormen der vergangenen Jahre keine Rolle gespielt. Es ging in allererster Linie um Verbrauchsreduktion und Feinstaub. Und tatsächlich sind moderne Motoren hocheffizient und verbrauchen – nicht nur auf dem Prüfstand – deutlich weniger Kraftstoff. Allerdings hat das einen hohen Preis. Denn sämtliche Maßnahmen, wie etwa das Downsizing der Motoren (kleinere Hubräume, höhere Verdichtung), führen zu einer effizienteren Verbrennung und dadurch zu einem erhöhten Stickstoffdioxid-Ausstoß.

Als vor zehn Jahren die ersten Umweltzonen eingeführt wurden, galt Feinstaub als Hauptproblem in den Städten. Die Anstrengungen an dieser Stelle haben sich gelohnt, doch zeigt sich jetzt, wie kurzsichtig es war, nur einen Luftschadstoff ins Visier zu nehmen. In den Luftreinhalteplänen der Kommunen ist seit einigen Jahren der Ausstoß von Stickoxiden stärker in den Fokus gerückt, seit der Abgasnorm Euro 6 sind strenge Grenzwerte einzuhalten. Das bewog Hersteller von Dieselfahrzeugen, bei den Abgasmessungen zu betrügen.

Generell messen deutsche Großstädte immer weniger Schadstoffe in der Luft – die Empfehlungen der World Health Organisation (WHO) werden aber immer noch deutlich überschritten.

Grenzwerte am Arbeitsplatz sind deutlich höher

Gesunden Menschen macht es relativ wenig aus, Stickoxide einzuatmen. Das ist auch der Grund, warum die Grenzwerte am Arbeitsplatz deutlich höher sind. In der Außenluft dürfen im Jahresdurchschnitt 40 Mikrogramm Stickstoffdioxid pro Kubikmeter vorkommen, am Arbeitsplatz dagegen 950. Hintergrund: Außenluft atmen auch schwer kranke Menschen, Säuglinge, Schwangere und Alte ein – und die gilt es zu schützen.

Nach einer Studie des Umweltbundesamtes (UBA) steht die Belastung mit Stickstoffdioxid im Zusammenhang mit Krankheiten wie Diabetes mellitus, Bluthochdruck, Schlaganfall, der chronisch obstruktiven Lungenerkrankung (COPD) und Asthma. Das UBA spricht von rund 6000 vorzeitigen Todesfällen jedes Jahr in Deutschland aufgrund von Stickoxiden.

Andere Wissenschaftler halten diese Darstellung für unseriös und sprechen lieber von „verlorener Lebenszeit“. Das wären im Fall von Stickstoffdioxid 19 Stunden Lebenszeit, die statistisch gesehen jeder Bundesbürger verliert. Aber auch hier handelt es sich um mathematische Rechenmodelle.

Feinstaub ist gefährlicher als Stickoxide

Deutlich schädlicher für die Gesundheit ist nach wie vor die Feinstaub-Belastung. Hier spricht das UBA von 41.100 vorzeitigen Todesfällen. Der Umweltforscher Ulrich Franck sagte in einem Interview mit der Zeitschrift Die Zeit: „Ich will das NOx-Problem nicht kleinreden; seine Emissionen sollten mittel- und langfristig gesenkt werden, da durch NOx im Mittel jeder Bundesbürger ungefähr 19 Stunden Lebenszeit verliert. Dennoch bin ich dafür, bei beschränkten Mitteln die Energie zuerst auf größere Gesundheitsrisiken zu verwenden. Feinstaub reduzieren, Raucher entwöhnen – damit wäre mehr Menschen deutlich geholfen.“ Rauchen und Alkohol wird für rund 200.000 vorzeitige Todesfälle in Deutschland als Ursache angenommen.

Messstationen sind richtig platziert

Für Irritationen hatte in den vergangenen Wochen auch ein Artikel aus dem Münchner Merkur gesorgt. Die Messstationen seien falsch platziert, nämlich zu nah an der Straße, und deshalb die Werte viel zu hoch. Doch das Bayerische Landesamt für Umwelt hat umgehend widersprochen, die Luftqualität in München werde rechtskonform gemessen. Der Autor des Artikels im Merkur habe die geschilderte Vorschrift „aus dem Zusammenhang gerissen“.

Fazit: Die Luft in deutschen Großstädten ist nach wie vor nicht gut genug. Und auch wenn die Stickoxide im Vergleich zu anderen Schadstoffen weniger gefährlich sind, so sind sie doch gefährlich genug, um strengere Vorschriften zu rechtfertigen. Dass diese etwas bringen, zeigt auch ein Blick in die Vergangenheit: Wer könnte sich denn heute noch vorstellen, verbleites Benzin oder schwefelhaltigen Dieselkraftstoff zu tanken?

Luftschadstoffe im Überblick (pdf)

Die Schadstoffkonzentration in Ballungsräumen (pdf)