26.07.2021

Oberlausitzer Perlen – Görlitz, Zittau und Bautzen

Görlitz, Zittau und Bautzen zählen zu den versteckten "Stadtschönheiten" Sachsens. Sie liegen zwischen idyllisch rekultivierten Tagebaulandschaften und dem Zittauer Gebirge der Oberlausitz, der Heimat der ethnischen Minderheit der Obersorben.

"Eigentlich wollten wir in den Süden, nach Griechenland", erzählen Jens und Greta, und steigen aus dem roten Sightseeingtour-Bus "Görliwood-Entdecker". Nun aber hat sie der alternative Vorschlag ihres Bremer Reisebüros in das sächsische Görlitz, die östlichste Stadt Deutschlands, verschlagen. Auf dem Untermarkt gruppieren sich Touristen um einen Stadtführer, der mit großer Geste auf das Hotel Börse zeigt. „Hier haben schon die Schauspieler Jude Law, Jackie Chan und Ralph Fiennes logiert.“ Görlitz hat sozusagen Hollywood-Filmgeschichte mitgeschrieben.

Die Görlitzer Altstadt ist filmreif – im wahrsten Sinne

Grund dafür ist das prächtige Stadtpanorama von Barock bis Jugendstil. Auch Kultregisseur Quentin Tarantino, der es auf dem sonst so stillen Marktplatz, wo die Uhren von Ratsapotheke und Rathaus die Zeit noch in Sonnenschatten und Mondphasen zerlegen, für seinen Film „Inglourious Basterds“ ordentlich ballern ließ, hatte es hier den Atem verschlagen. Über 4.000 heute denkmalgeschützte Gebäude haben in Görlitz den Krieg überstanden. Ein Bilderbuch europäischer Architekturgeschichte und Kulisse für Szenen von circa 100, teilweise berühmten Filmproduktionen wie „Der Vorleser“, „Die Vermessung der Welt“. Aus einem Fenster des Emmerich Hotels sprang Jackie Chan in einen Heißluftballon. Auch wo Kate Winslet sich neue Schuhe gekauft hat, wird nicht verschwiegen.

Abseits von Hollywood-Glamour ist Görlitz eine stille Diva

Ein Hauch der großen weiten Welt weht plötzlich durch die Straßen der Stadt, die mit 56.000 Einwohnern vergleichsweise winzig ist. Görlitz ist die Diva der 13 Oberlausitzer Städte, die sich als Stadtschönheiten gemeinsam vermarkten. In den Drehpausen versinkt Görlitz wieder in anheimelnde Stille. Laubengänge und Arkaden zaubern mediterranes Flair. Liebesperlen, eine Görlitzer Erfindung, locken in den Auslagen kleiner Süßwarengeschäfte. Unter den Renaissancegiebeln des Ratscafés dampft „Schlesisches Himmelreich“, eine Art Nationalgericht aus Backobst, Zimt und Schweinebauch zu schlesischen Kartoffelklößen.

Die Europastadt Görlitz verbindet Deutschland und Polen

Wer über die Neißebrücke spaziert, ist sogleich im polnischen Zgorzelec, dem einst östlichen Stadtteil von Görlitz. An die 4.000 polnische Bürger leben inzwischen in der „Europastadt“ Görlitz. „Doch noch wirkt diese Stadt wie Dornröschen im Schlaf.“ Alexandra und Jürgen Braun mögen das und sind glücklich in Görlitz. Sie kamen vor mehr als 30 Jahren vom Tegernsee an die Neiße. Begeistert vom städtebaulichen Gesamtkonzept versteht sich Jürgen Braun als „Botschafter für Görlitz in Bayern“. Er wirbt für die Schönheit der Stadt, in der er selbst eines der ältesten Gebäude saniert hat.

Einen Überblick über die Region bietet unsere Übersichtskarte der Oberlausitz.

"Pensionopolis" lockt viele neue Einwohner

Die Stadt, die seit der Wende fast 50.000 Einwohner eingebüßt hat, lockt zunehmend Zuzügler zumeist aus dem Westen der Republik und belebt „Pensionopolis“, wie man Görlitz schon zu preußischen Zeiten nannte. Sogar Bismarck soll einst erwogen haben, hierher zu ziehen. Inzwischen wurde der größte Teil der Altstadt  saniert. Gut für die Stadt, schlecht für das Filmgeschäft.

Zittau: Morbider Charme und prachtvolle Bauten

Für seinen Film „Radegund“ wich Terrence Malick nach Zittau im äußersten Südosten der sächsischen Oberlausitz im Dreiländereck Deutschland-Polen-Tschechien aus. Die Patina des Verfalls in den Seitenstraßen der Stadt begeisterte auch Florian Henckel von Donnersmarck für seinen Film „Werk ohne Autor". Zittau am Fuße des kleinsten deutschen Mittelgebirges ist nichts für hektische Gemüter. Die Stadt ist so beschaulich wie die alte Bimmelbahn, die durch das umliegende Bergland trödelt. Auf den ersten Blick scheint Zittau das  Aschenputtel unter den sächsischen Stadtschönheiten zu sein, doch prächtige barocke Bürgerhäuser am Markt, das Rathaus im Stil eines italienischen Palazzos und der „Schinkel-Dom" lassen auf eine reiche Vergangenheit schließen.

Das Große Zittauer Fastentuch lockt viele Touristen an

Vom Krieg nahezu unversehrt, verfiel die Stadt und wäre beinahe von den Baggern des Kohletagebaus gefressen worden. Doch dank Wende und EU-Erweiterung rückte die einst reiche Handels- und Industriestadt vom Ende der Welt wieder in die Mitte Europas. Langsam schreitet auch die Sanierung voran. Zittau würde der doppelten Anzahl ihrer derzeit 25.000 Einwohner Platz bieten. Touristen kommen vor allem, um in der Kreuzkirche das Große Zittauer Fastentuch von 1472 anzusehen. Das 56 Quadratmeter große Zittauer Fastentuch überlebte als Schatz der bereits im 17. Jahrhundert im ehemaligen Kloster eingerichteten Wunderkammer, des heute ältesten städtischen Museumsraums Deutschlands. Ein Glücksfall, denn andernorts wurden solche sakralen Textilien eher zu Scheuerlappen verarbeitet.

Bautzen – mehr als Senf

Der populärste Artikel der Stadt Bautzen ist Senf. Dieses Produkt hat zwei Diktaturen und die Wende überlebt. Touristen besuchen gerne das Senf-Museum am Fleischmarkt. Bautzener Senfsuppe, Senfschnitzel und andere sorbische Gerichte stehen auf der Speisekarte des Restaurants „Wjelbik". „Witajce k nam", „Herzlich willkommen", begrüßt die Wirtin Monika Lukasch in sorbischer Tracht ihre Gäste. Unter dem Gewölbe aus braunem Felsgestein werden nicht nur besondere Gerichte serviert, hier spricht man auch eine eigene Sprache.

Bautzen beeindruckt mit mittelalterlicher Kulisse

Rund 60.000 Sorben leben in Deutschland, davon etwa ein Drittel  Niedersorben in der brandenburgischen Niederlausitz und zwei Drittel Obersorben in der Oberlausitz. In Bautzen/Budyšin, der historischen Hauptstadt der Oberlausitz, ist die sorbische Sprache lebendiger Teil des Alltags. Zweisprachige Straßenschilder führen durch die mittelalterliche Altstadt. Vorbei an der spätgotischen Petrikirche, einer der größten und ältesten Simultankirchen Deutschlands, geht es entlang der alten Stadtmauer und schließlich durch den Matthiasturm hoch zum Burghof.

Die sorbische Kultur ist lebendig, auch im Alltag

Gegenüber dem Deutsch-Sorbischen Volkstheater dokumentiert im ehemaligen Salzmagazin das Sorbische Museum die lange Geschichte der Wenden. Seit fast 1.500 Jahren sind die Nachfahren der im 7. Jahrhundert eingewanderten Westslawen in der Lausitz zu Hause. „Es ist ein Wunder, dass unsere Sprache, unsere Trachten und Bräuche heute noch lebendig sind", erzählt Monika Oschika vom Sorbischen Museum. Auch ihre Kinder wachsen mit beiden Sprachen auf, besuchen zweisprachige Schulen.

Bautzen liefert Orgeln und Straßenbahnen in alle Welt

Bautzen ist somit die traditionsreichste unter den „Stadtschönheiten". Auf Granitfelsen erbaut und von der Spree umflossen, reckt sie ihre Kirchen-, Wehr- und Wassertürme in den Himmel. Ein perfektes mittelalterlich anmutendes Panorama. Dennoch werden in Bautzen, der historischen Hauptstadt der Oberlausitz, keine Filme produziert. Die Stadt punktet international mit Orgeln und Straßenbahnen.

Was Görlitz, Zittau und Bautzen sonst noch zu bieten haben

Unternehmungen: Mit dem „Walk of Görliwood®" kann man die Filmstadt Görlitz auf eigene Faust erkunden. „Film ab!" nennt sich der geführte Rundgang durch die Filmkulisse Görlitz. www.goerlitz.de. Nur etwa 5 Kilometer von Görlitz entfernt liegt der 960 Hektar große Berzdorfer See, ein Naturparadies, dem man den Ursprung als gigantisches Tagebauloch wahrlich nicht mehr ansieht. Der Radrundweg ist 16,5 km lang. Stylischer Rastplatz ist das Hotel und Restaurant „Insel der Sinne" mit eigenem Badestrand. www.inseldersinne.de

Schlafen und Schlemmen: Das Vier-Sterne-Romantik-Hotel Tuchmacher in Görlitz ist ein prächtiger Renaissancebau. Gehobene Küche im holzgetäfelten  Restaurant, auch Spezialitäten aus Sachsen und Schlesien. Peterstraße 8, 02826 Görlitz, Tel. (03581)4731-0, DZ/F ab ca. 92 EUR, www.tuchmacher.de. Das kleine Hotel „Dreibeiniger Hund", ein schlesisch-geselliges Gasthaus aus dem Spätmittelalter, liegt in einer stillen Seitenstraße inmitten der Altstadt. Büttnerstraße 12/13, 02826 Görlitz, Tel. (03581)423980, www.dreibeinigerhund.de. Dicke Trauerweiden vor dem Fenster, Vogelgezwitscher. Wer lieber im Grünen schläft, ist im Landhotel Erbgericht Tautewalde, 10 km südlich von Bautzen, bestens aufgehoben. Der Wirt ist begeisterter Biker und bietet viele Tourentipps, Schrauberecke und Leihmotorräder an. Zudem findet man hier frische und authentische Oberlausitzer Küche. Hauptstraße 25, 02681 Wilthen,DZ/F ab 109 EUR, www.tautewalde.de

Weitere Informationen: www.oberlausitz.com, www.goerlitz.de, www.bautzen.de, www.zittau.de