Produkttest:

Reifentest – Sommerreifen 195/65 R 15

01.02.2016

Wie sicher sind preiswerte Reifen? ACE LENKRAD hat zusammen mit dem österreichischen Partnerclub ARBÖ zehn Billig-Pneus der weitverbreiteten Größe 195/65 R 15 auf Herz und Nieren getestet.

Noch immer sind Reifen für die meisten Autofahrer nicht mehr als ein notwendiges Übel. Hand aufs Herz: Wann haben Sie zuletzt den Luftdruck überprüft oder die Profiltiefe gemessen? 

Reifen sind das Bindeglied zwischen Auto und Straße

 

Wir können es nicht oft genug betonen: Der Reifen ist die Verbindung des Autos zur Straße. Alles, was das Fahrzeug oder der Mensch hinter dem Steuer tut, muss von den Reifen umgesetzt werden. Darum ist es prinzipiell falsch, an dieser Stelle zu sparen.

Oft wird bis zum letzten Drücker mit dem Austausch alter Pneus gewartet

 

Die Realität sieht leider anders aus: Oft werden Reifen erst dann ausgetauscht, wenn vom Profil nicht mehr viel übrig ist, vielfach sogar erst, wenn die Werkstatt dazu auffordert oder die Prüforganisationen ansonsten die Plakette verweigern. Und meistens kommt diese ungeplante Ausgabe zum falschen Zeitpunkt. Der erste Reflex: Ersatz muss her! Am besten so schnell und preiswert wie möglich!

Nun kann man für einen Reifen in der Dimension 195/65 R 15 im Fachhandel bis zu 100 Euro ausgeben, oder, wie ein Blick in die einschlägigen Reifenbörsen im Internet ergibt, auch nur 35 Euro. Der komplette Satz Reifen kostet dann plötzlich statt 400 nur 150 Euro, noch ohne Montagekosten versteht sich. Ein verlockendes Angebot. Aber auch ein vernünftiges?

Einige der günstigeren Sommerreifen zeigen im Test gravierende Schwächen 

 

Das können nur die Fakten auf der Messstrecke zeigen. Dazu nutzt das Team aus ACE und ARBÖ-Experten das im Norden Deutschlands gelegene Testzentrum von ATP (Automotive Testing Papenburg). Und dort zeigen einige Reifen aus der untersten Preiskategorie tatsächlich eklatante Schwächen. Zumindest im Vergleich zu zwei Marken, die in der Wahrnehmung der Kunden noch nicht den Premium-Status erreicht haben, den sich die Marketingabteilungen wünschen.

Die beiden koreanischen Hersteller Nexen und Hankook gehören aber schon längst zu den Stammlieferanten von Volkswagen. Eine Vielzahl von VW-Modellen läuft mit diesen Reifen vom Band. Dann können diese im Ersatzgeschäft übrigens ebenfalls für unter 50 Euro pro Stück erhältlichen Reifen also nicht ganz verkehrt sein, oder?

Auf nasser Fahrbahn werden die Unterschiede sehr deutlich

 

Sind sie auch nicht, wie ein einfaches Beispiel zeigt: Auf trockener Straße steht der als Testwagen verwendete Golf VII 1.4 TSI sowohl mit dem Hankook Kinergy Eco K425 als auch mit dem Nexen N’blue HD plus aus Tempo 100 im Schnitt mehrerer Messdurchgänge nach 34,6 Metern.

Der online für 35 Euro eingekaufte High Performer schafft die Übung in 37,4 Metern, immer noch besser als der grob profilierte Viking City Tech II (38,7 m), der Champiro FE1 von GT Radial (38,0 m) oder der Barum Brillantis 2 aus dem Hause Conti, mit dem der Golf hier 39,4 Meter benötigt. Drei Meter können durchaus darüber entscheiden, ob es knallt oder nicht, aber haben Sie eine Vorstellung davon, was bei 15,4 Meter Unterschied geschieht? So groß ist nämlich der Abstand beim Bremsversuch aus Tempo 100 auf nasser Fahrbahn zwischen dem besten Reifen (Nexen mit 46,3 Meter) und dem schlechtesten (GT Radial mit 61,7 Meter). Mit anderen Worten: Wo der Golf mit den koreanischen Erstausrüstungsreifen schon steht, würde der billiger bereifte VW Golf noch mit einer Restgeschwindigkeit von rund 50 km/h in das Heck krachen. Nur der zweite Reifen mit VW-Segen kann da halbwegs mithalten: Mit dem Hankook beträgt der Bremsweg 47 Meter, alle übrigen brauchen 50 Meter oder mehr.

Teuer muss im komplizierten Reifenmarkt nicht automatisch besser bedeuten

 

Das könnte man so erwarten, schließlich kostet Qualität nunmal immer Geld. Doch so einfach ist die Rechnung nicht. Der Reifenmarkt hat seine eigenen Gesetze. Die einfache Formel "Je teurer, umso besser" funktioniert hier nicht immer.

Das Problem im hart umkämpften Ersatzmarkt ist, dass Preise hauptsächlich über Stückzahlen und von der Marge diktiert werden. Zwar gibt es vereinzelt Kalkulationsgrundlagen der Hersteller, zu denen der Privatkunde in der Regel aber keinen Zugang hat. Große Handelsketten können gängige Reifen demzufolge wesentlich günstiger anbieten als kleine Händler, die gewünschte Modelle vielleicht nicht auf Lager haben und dann extra ordern müssen.

Haben die großen Handelsketten ihren Sitz auch noch in steuerbegünstigten Regionen, wie beispielsweise in der Schweiz, kann noch knapper kalkuliert werden. Das kann dazu führen, dass ein guter Reifen sogar günstiger angeboten wird als ein schlechter.

Aquaplaning-Sicherheit hat nicht nur mit Profiltiefe zu tun

 

Damit zurück auf das Messgelände. Denn was zählt, sind Fakten und keine Kalkulationsgrundlagen. Während das Handling auf trockener Straße keine allzu großen Unterschiede ergibt, trennt sich das Feld bei den Aquaplaning-Versuchen erneut in zwei Lager. Pneumant, Debic und Viking verlieren erst ab Tempo 90 den Bodenkontakt im sieben Millimeter tiefen Aquaplaningbecken. Die beiden koreanischen Referenzreifen schaffen knapp 89 km/h. Der große Verlierer dieser Runde ist wieder der Champiro, bei dem schon bei 82 km/h vom Gas gegangen werden muss. Dessen Profiltiefe liegt im Neuzustand an den Rändern bei 7,3 Millimetern, in der Mitte sind es knapp 7,5 mm.

Beim Champiro ist auf nasser Straße keine Haftung in Sicht

 

Das alleine ist aber noch keine Erklärung, denn bei Nexen (6,9 bis 7,3 mm) und BF Goodrich (6,7 bis 7,1 mm) ist die Anfangsprofiltiefe noch geringer. Das Wasser wird aber besser abgeleitet. Am meisten verwertbaren Gummi bietet übrigens ein fabrikneuer Viking City Tech II, der mit maximal 8,76 Millimeter viel mehr Profil als alle anderen Mitbewerber zeigt. Mit Pfützen in Kurven kommt dieser Reifen erwartungsgemäß ebenfalls gut zurecht, wobei der Pneumant ein nochmals höheres Tempo verzeiht. Ganz ohne Punkte geht bei dieser Übung der – Sie ahnen es schon – Champiro FE1 vom Platz, bei dem der Testfahrer sogar Mühe hat, das Auto auf der nassen Handlingpiste zu halten. Trotz einer Lufttemperatur von 15 Grad und 27 Grad auf der Piste baut die in China produzierte Gummimischung kaum Haftung auf. Fast so, als sei sie tiefgefroren. Über alle vier Räder schiebt der Golf zum Kurvenaußenrand, selbst die Fahrdynamikregelung kann in diesem Fall nicht viel ausrichten.

Ähnlich, wenn auch nicht ganz so extrem verhält sich der High Performer. Auch hier lässt die Haftung zu wünschen übrig. Beim Blick auf den Produktionscode fällt auf, dass dieser Reifen ebenfalls in China produziert wird. Aufgrund dieser zwei Ergebnisse alle in China produzierten Reifen in Zweifel zu ziehen wäre sicher nicht gerechtfertigt. Zumindest in diesen beiden Fällen besteht jedoch deutlicher Aufholbedarf.

Fazit: Die eigene Sicherheit und die der anderen sollte einem doch ein paar Euro wert sein

 

Hankook und Nexen beweisen, dass beide Hersteller ihr Handwerk verstehen, wobei der Nexen-Reifen ein harmonischeres Fahrverhalten zeigt. Mit dem Hankook neigt das Heck gelegentlich zu Ausfallschritten, die von der Fahrdynamikregelung ESP zwar ausgebügelt werden, bei Insassen trotzdem für Schreckmomente sorgen können. Sehr schön lässt sich der Golf auf nasser Strecke auch mit Pneumant oder Barum fahren. Die Haftreserven sind absolut gesehen zwar nicht ganz so hoch, dafür kündigen beide Reifen den Grenzbereich deutlich an und finden auch nach einem kleinen Rutscher ganz entspannt zurück in die richtige Spur. Nach der Preisermittlung des Bundesverbands Reifenhandel und Vulkaniseur-Handwerk e.V liegen diese beiden Reifen übrigens am oberen Ende der Preisskala in diesem Test: Ganze 34 Euro pro Satz teurer als der billigste Reifen. Das wäre Ihnen Sicherheit doch bestimmt wert, oder?

 

Weiterführende Informationen:
Alle getesteten Sommerreifen im Überblick (PDF)

 

So haben wir getestet

Teststrecke: ATP Papenburg.
Testfahrzeug: VW Golf VII.
Bremswegmessung bei Nässe: Verzögerung aus Fensterbremsung zwischen 100 und 1km/h, hochgerechnet auf Meter bis zum Stillstand.
Bremsweg bei Trockenheit: Verzögerung aus Fensterbremsung zwischen 100 und 1 km/h, hochgerechnet auf Meter bis zum Stillstand.
Aquaplaning längs: 7 Millimeter Wassertiefe, Wert bei mehr als 15 Prozent Schlupf.
Aquaplaning quer: 6 Millimeter Wassertiefe, Wert des Integrals aus erreichter Querbeschleunigung zwischen 50 km/h und Vmax -60%.
Kreisbahn: Durchschnittliche Rundenzeit auf einer bewässerten Kreisbahn mit einem Durchmesser von 40 Metern.
Nasshandlingkurs: Streckenlänge 1100 Meter, objektive Bewertung der Fahrzeit und subjektive Bewertung des Fahrverhaltens.
Trockenhandling: Streckenlänge 2600 Meter, objektive Bewertung der Fahrzeit und subjektive Bewertung des Fahrverhaltens.
Außengeräusch: Vorbeirollgeräusch bei 80 km/h in db(A) nach 2001/43/EC.
Rollwiderstand: Maschinenversuch bei einer Last von 5886 Newton, Luftdruck 2,1 bar.
Preisermittlung: Durchschnittliche Verkaufspreise, ermittelt vom Bundesverband Reifenhandel und Vulkaniseur-Handwerk (BRV) e.V., Stand Januar 2016.
Dieser Test wurde unterstützt von: Volkswagen, Nexen, Goodyear-Dunlop.

 

    Weitere Informationen

    Sommerreifentests anderer Reifendimensionen