Versicherung:

Schadenfall - Der Rotstift regiert

24.01.2018

Verkehrsanwälte schlagen Alarm, weil die Schadenregulierung der Autoversicherer immer schlechter wird. Die Assekuranzen reagieren empört. Die meisten Schäden würden reibungslos reguliert.

Großer Ärger für Anjela Kroker: Nachdem ihr Kia Carnival beim Ausparken von einem anderen Autofahrer beschädigt worden war, zahlte der Versicherer des Unglücksfahrers, die HUK-Coburg, zwar über 2900 Euro, doch der Aufwand für den Transport des Fahrzeuges zum Lackierer war dem fränkischen Versicherer zu teuer und er verweigerte die Zahlung. Hier war die Versicherung aber an die Falschen geraten. Die Anwältin Daniela Mielchen aus Hamburg klagte die kleine Summe von 57 Euro ein: Der Marktführer zahlte. Kein Einzelfall, sagen Verkehrsanwälte.

„Die Versicherer kürzen mittlerweile Rechnungen fast immer automatisch. Da schaut kein Mensch mehr drauf“, klagt Matthias Köck, Verkehrsanwalt aus Nürnberg. Auch bei ihm wollte die Versicherung unberechtigterweise kürzen, insgesamt wollte die VHV rund 13 Prozent, insgesamt 448 Euro, nicht leisten. Erst als Köck den Versicherer ausführlich auf die geltende Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs (BGH) verwies, wurde der Betrag überwiesen.

Nach einer Klage wird sofort gezahlt

Laut BGH darf sich das Opfer auf die Richtigkeit der Angaben eines anerkannten Gutachters grundsätzlich verlassen. Und wird die Reparaturrechnung vom Kunden voll bezahlt, gilt das für den BGH als „ein aussagekräftiges Indiz für ihre Erforderlichkeit“. Köck: „Obwohl die Rechtslage seit Jahrzehnten eindeutig ist, werden nun plötzlich fast alle Schadenrechnungen gekürzt.“

Eine aktuelle Forsa-Umfrage bestätigt die Einschätzung des Praktikers. Insgesamt 77 Prozent der befragten 1072 Anwälte der Arbeitsgemeinschaft Verkehrsrecht im Deutschen Anwaltverein (DAV) schätzen die Schadenregulierung der Autoversicherer schlechter ein als vor fünf Jahren. 52 Prozent glauben sogar, dass sich die Lage deutlich verschlechtert hat. Nur eine absolute Minderheit von vier Prozent behauptet, die Schadenregulierung wäre besser geworden. Möglich, dass es sich hier auch um Anwälte handelt, die überwiegend für Assekuranzen tätig sind. Demgegenüber beurteilen erfahrene Rechtsanwälte, die mehr als 200 Schäden pro Jahr bearbeiten, sogar zu 80 Prozent die Regulierung als schlechter.

Wettbewerb in der Autoversicherung ist hart

Früher legten die Autoversicherer höhere Schäden einfach auf die Prämien um. Doch das traut sich heute kaum noch einer, denn der Wettbewerb in der Autoversicherung ist mittlerweile knochenhart, da Vergleichsportale, wie Check24 oder Verivox, Preise und Leistungen transparent machen. Immer mehr Autofahrer wechseln zu günstigen Anbietern. Damit die aber ihre Prämien niedrig halten können, wird im Schadenfall gespart. Bisher wurde nur gekürzt, wenn der Kunde, statt zu reparieren, auf Basis eines Gutachtens „fiktiv“ abrechnete. Etwa weil er den Schaden selbst reparieren konnte oder lieber Bares sehen wollte. „Nun wird rigoros bar jeder Gesetzesgrundlage auch dann gekürzt, wenn der Kunde eine ordentliche Reparaturrechnung vorlegt“, bestätigt Verkehrsanwältin Mielchen.

Als Haupttäter haben die Anwälte den Marktführer HUK-Coburg identifiziert. So wird die fränkische Assekuranz mit großem Abstand von 68 Prozent der Befragten als das Unternehmen eingestuft, bei dem es „häufig“ zu Problemen bei der Regulierung von Kfz-Haftpflichtschäden kommt. Fast gleichauf folgen die VHV und die Allianz mit 46 und 44 Prozent. Auch bei den Ärger-Ursachen gibt es mit der HUK-Coburg einen klaren Negativ-Sieger. So führt der größte Autoversicherer das Ranking der notorischen Leistungsverweigerer mit 73 Prozent der Nennungen deutlich an. Demgegenüber gilt der zweitgrößte Kfz-Versicherer, die Allianz aus München, derzeit als schlimmster Blockierer. Nach Einschätzung von 50 Prozent der Anwälte braucht der Versicherer unangemessen lange, um Geld an Unfallopfer auszuzahlen.

Versicherer bestreiten schleppende Schadenregulierung

Die Allianz-Versicherung bestätigt, dass alle Gutachten, Kostenvoranschläge und Rechnungen von den Prüfdienstleistern ControllExpert, IcamSystems und EUCON geprüft würden. Das sei aber nicht der Grund für schleppende Zahlungen. Sondern vielmehr das Problem, dass immer wieder darüber gestritten werde, welche Forderung angemessen sei und welche nicht. „Gerade in Kraftfahrzeug-Haftpflichtschäden kommt es manchmal zu einer unterschiedlichen Auffassung über die Haftung oder über die Schadenhöhe, die umfangreiche Ermittlungen und Gutachten nach sich zieht. Es ist nachvollziehbar, dass in diesen Fällen die Regulierung länger dauert“, stellt der Versicherer aus München klar. Während die R+V, deren Tochter Kravag im Negativ-Fokus steht, auf Aussagen des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) verweist, stellt die VHV klar, dass man berücksichtigen müsse, dass es bei großen Kfz-Versicherern ein höheres Potenzial für mögliche Unzufriedenheit gebe.

Richtig verärgert ist hingegen der größte Autoversicherer in Deutschland, die HUK-Coburg. „Das vorliegende Ergebnis widerspricht allen uns bekannten Statistiken und Erkenntnissen: So sind unsere Beschwerdequoten bei der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht ebenso unterdurchschnittlich wie unsere Prozessquoten“, sagt HUK-Coburg Sprecher Holger Brendel. Die Kunden würden sich zudem seltener als marktüblich beschweren und das Unternehmen würde seltener Prozesse mit Kunden oder Anspruchstellern führen. Im Schadenfall würde die HUK-Coburg zudem außerordentlich positiv bewertet: „Wenn wir bei insgesamt über einer Million Kfz-Schadenregulierungen regelmäßig kleinlich wären, wären unsere Kunden sicherlich nicht so zufrieden mit uns“, so Brendel.

Verkehrsrechtsschutz wird immer wichtiger

Wer hat nun recht? Möglicherweise merken viele Kunden gar nicht, dass ihnen Kleinbeträge vorenthalten werden. „Die Masse der Betroffenen macht ihren Schaden selbst bei der Versicherung geltend“, sagt Verkehrsjurist Andreas Krämer aus Frankfurt. Erst wenn gekürzt würde, gingen einige wenige zum Anwalt.

Leisten können sich das aber eigentlich nur Autofahrer, die eine gute Verkehrsrechtsschutzversicherung im Rücken haben. „Sehr teuer kann es werden, wenn die Regulierung scheitert, weil der gegnerische Versicherer etwa die Schadenshöhe bestreitet“, warnt Hanno Petersen, Vorstand und Schadenexperte bei der ARAG-Versicherung. „Kommt es dann zu einem gerichtlichen Verfahren, müsste der nicht versicherte Autofahrer die Gerichtskosten vorstrecken und, falls der Prozess verloren geht, nicht nur den eigenen Anwalt, sondern auch den der Gegenseite bezahlen. Billigt das Gericht die Ansprüche nur teilweise zu oder kommt es zu einem Vergleich, wird der Betroffene in der Regel auch auf einem Teil der Gerichts- und Anwaltskosten sitzen bleiben.“