Mobilität:

Senioren am Steuer – (K)eine Altersfrage

26.09.2018

Immer wieder wird über Tauglichkeitstests für autofahrende Senioren diskutiert. Experten lehnen diese ab, empfehlen aber gleichwohl ein „lebenslanges Lernen“ auch im Straßenverkehr.

In Brandenburg ist ein 81-jähriger Autofahrer im Mai auf einer Landstraße ungebremst in eine vierköpfige Radlergruppe gefahren, eine Frau kam dabei ums Leben, die drei anderen Radfahrer wurden lebensgefährlich verletzt. Ebenfalls im Mai hatte eine 76-jährige Autofahrerin bei Köln zwei Mütter und deren Säuglinge schwer verletzt, ein drei Monate altes Baby musste reanimiert werden. Die Seniorin war, nach Angaben der Polizei, aus einer Tiefgarage auf den gegenüberliegenden Gehweg gefahren, das Auto drückte einen Kinderwagen mit dem drei Monate alten Baby gegen eine Hauswand. Die Mütter und das zweite Baby wurden verletzt.

Experten halten nichts von Fahreignungstests

Immer wieder geraten autofahrende Senioren in die Schlagzeilen, weil sie schwere Unfälle verursachen. Und immer wieder wird daraufhin diskutiert, ob ab einem bestimmten Alter die Fahreignung durch einen Test nachgewiesen werden sollte. Experten, wie zum Beispiel beim 55. Verkehrsgerichtstag 2017 in Goslar, halten solche verbindlichen Tests allerdings für wenig geeignet, die Verkehrssicherheit zu verbessern, da ein solcher Test auch immer nur eine Momentaufnahme sei.

Vielmehr forderten die Verkehrsexperten in Goslar, zum einen die verkehrsmedizinische Kompetenz der Ärzte zu verbessern und zum anderen von der Politik zu prüfen, ob Meldepflichten für Ärzte hinsichtlich der Fahreignung ihrer Patienten vorgegeben werden könnten.

Ältere Autofahrer sollen Eigenverantwortung zeigen

Doch die größte Verantwortung schob der Verkehrsgerichtstag denen zu, die es betrifft: den Senioren. „Die älteren Autofahrer werden aufgerufen“, heißt es in der Empfehlung des Arbeitskreises, „in Eigenverantwortung jederzeit zu prüfen, ob und wie sie auf eventuelle Einschränkungen ihrer Fahreignung angemessen reagieren müssen.“

Die Krux liegt aber darin, dass sich kognitive und motorische Fähigkeiten nicht von heute auf morgen verschlechtern – was wohl jedem auffallen würde. Vielmehr sind dies schleichende Prozesse. Deshalb sollte der jährliche Besuch beim Augen- und Ohrenarzt – übrigens nicht erst ab Rentenbeginn – eine Selbstverständlichkeit sein. Und auch sonst können Autofahrer ganz erheblich selbst dazu beitragen, dass sie möglichst lange (auto-)mobil bleiben.

Regelmäßige Gymnastik hält beweglich

Grundsätzlich die Treppe anstelle des Fahrstuhls nehmen und kleine Besorgungen auch mal zu Fuß erledigen ist schon mal ein guter Anfang. Auch regelmäßige Gymnastik schadet auf keinen Fall. Wer etwa täglich seinen Kopf mehrfach so weit wie möglich nach links und rechts dreht, hält die Halsmuskulatur beweglich – und hat auch im höheren Alter keine Probleme mit dem Schulterblick. Denn Muskeln, die wir nicht verwenden, verkümmern mit der Zeit. Das gilt auch für das Gehirn. Wer diesen Muskel regelmäßig trainiert, kann in unvorhergesehenen Situationen schneller und besser reagieren.

Wer mit der Zeit merkt, dass es mit dem Autofahren nicht mehr so klappt wie früher – oder sogar schon von anderen angesprochen wurde –, muss nicht gleich daran denken, den Führerschein abzugeben.

Auf langen Fahrten öfter eine Pause einlegen

Wenn lange Fahrten zu anstrengend werden, hilft es, öfter eine Pause einzulegen. Es muss auch nicht sein, dass die Urlaubsfahrt in die Berge oder an die See wie früher in einem Rutsch gefahren wird. Kürzere Etappen mit Übernachtungen an landschaftlich schönen Orten oder in interessanten Städten lassen schon die Fahrt zum Urlaub werden.

Hilfreich ist es, sich genau klarzumachen, welche Situationen im Vergleich zu früher Schwierigkeiten machen. Sind es die Nachtfahrten? Auf sie kann vielleicht verzichtet werden. Ist es die Autobahn? Es gibt bestimmt eine Alternative über die Landstraße. Ist es der stressige Stadtverkehr? Hier könnte eine Alternative sein, außerhalb des Berufsverkehrs zu fahren oder auf die Öffentlichen umzusteigen. Ein Navigationsgerät hilft auch in fremden Orten, nicht die Orientierung zu verlieren, Fahrerassistenzsysteme können helfen, Unfälle zu vermeiden.

Fahreignung von Experten beurteilen lassen

Wer auf Nummer sicher gehen will, kann seine Fahreignung auch von Experten beurteilen lassen. Erster Ansprechpartner ist der Arzt, der übrigens auch immer dann explizit auf mögliche Auswirkungen im Straßenverkehr angesprochen werden sollte, wenn sich an den verschriebenen Medikamenten etwas ändert. Spezielle Fitnesschecks für Senioren werden unter anderem von einigen Prüforganisationen angeboten. Hier werden zum Beispiel medizinische Befunde ausgewertet, es findet eine verkehrsmedizinische Untersuchung statt und es gibt ein verkehrspsychologisches Leistungstestverfahren. Eine gute Idee ist es auch, sogenannte Feedback-Fahrten mit einem geschulten Fahrlehrer zu unternehmen.

Professionelles Fahrtraining verbessert die Leistung

Und wenn diese Tests nun zeigen, dass das Verhalten im Straßenverkehr zu wünschen übrig lässt? Kein Grund, gleich zu verzweifeln! Untersuchungen der TU Dortmund haben nämlich gezeigt, dass auch betagte Autofahrer durch professionelles Fahrtraining im Realverkehr wieder ein ähnliches Leistungsniveau wie Autofahrer mittleren Alters erreichen können. Die verbesserte Fahrkompetenz, so das Ergebnis der Studien, war auch zwölf Monate nach dem Training noch stabil.

Diese Erkenntnisse sprechen für ein „lebenslanges Lernen“ im Straßenverkehr. Ein erster Schritt kann beispielsweise auch ein Sicherheitstraining beim ACE sein. Egal, ob als Fahranfänger oder als Senior.