Mobilität:

Wie Taxifahren – nur anders

25.05.2018

Wie sind wir in der Zukunft automobil? Diese Frage beschäftigt nicht nur Autohersteller, sondern auch immer mehr Start-ups.

Feierabend im Jahr 2030: Über eine Smartphone-App teilen wir mit, wo wir uns befinden und wohin wir jetzt gerne fahren wollen. Das Signal wird an den nächsten verfügbaren Wagen geschickt, der sich sofort auf den Weg zu uns macht. Den richtigen Wagen erkennen wir daran, dass er uns mit Namen begrüßt und unser Bild im Frontdisplay aufleuchtet. Im Wageninnern ist bereits alles auf unsere Bedürfnisse eingestellt, die Temperatur passt, die Lieblingsmusik läuft. Oder darf es lieber ein Filmclip sein? Sind wir bereit, Werbung anzuschauen, könnten wir die Fahrt sogar kostenlos bekommen. Jemand anderes möchte in dieselbe Richtung wie wir. Ob wir die Fahrt teilen wollen, fragt das Auto. Ein kurzer Blick auf das Foto des potenziellen Mitreisenden – sieht nett aus, wird von anderen gut bewertet und die Fahrt wird so um einiges günstiger. Also, warum nicht?

Vision des autonom fahrenden Robo-Taxis

So sieht Autohersteller Smart die automobile Welt der Zukunft und ist damit nicht alleine. Autohersteller, Zulieferer und Internet-Start-ups, wie beispielsweise Uber, arbeiten mit Hochdruck daran, die Vision des autonom fahrenden Robo-Taxis Realität werden zu lassen. Noch ist es ein weiter Weg, aber der Markt ist in Bewegung und alleine in den letzten Monaten hat sich an entscheidenden Stellschrauben einiges getan.

Autonom fahrender Bus in Bad Birnbach

Die Einwohner von Bad Birnbach sind hautnah dabei, wenn automobile Geschichte geschrieben wird. Denn ausgerechnet in der niederbayerischen Provinz ist der erste autonom fahrende Bus im regulären Straßenverkehr im Einsatz. Gut, die Strecke ist überschaubar, die gefahrenen Geschwindigkeiten auch und ein Mitarbeiter ist immer an Bord und achtet darauf, dass nichts passiert. So greift dieser auf der 700 Meter langen Route, die der Kleinbus mit einer Geschwindigkeit von acht km/h absolviert, zum Beispiel immer dann ein, wenn plötzlich ein Hindernis auftaucht. Blockiert nämlich ein parkendes Auto den Weg, bleibt der Bus einfach stehen – von der vorgegebenen Route abweichen kann er (noch) nicht.

Bahn-Mitarbeiter fahren mit ioki

Unter anderem die Bahn ist einer der Betreiber in Bad Birnbach, unter dem Namen ioki ist sie auch in Frankfurt aktiv. Dort wird ein fahrerbasierter On-Demand-Service (auf Nachfrage) getestet. Per App können sich Bahn-Mitarbeiter eines der 13 Fahrzeuge der Testflotte, darunter zwei Elektro-Kleinbusse und fünf elektrische Tuk-Tuks, bestellen. Die Fahrzeuge verkehren auf Bestellung und ohne festen Fahrplan. Ziele sind die 32 Frankfurter DB-Standorte, Fahrgäste mit ähnlichen Routen werden automatisch zu Fahrgemeinschaften gebündelt.

In Berlin werden in einem dritten Modellversuch die Konzepte von Bad Birnbach und Frankfurt zusammengeführt. Auf dem EUREF-Campus in Berlin-Schönefeld soll der selbstfahrende Kleinbus im Gegensatz zu Bad Birnbach keine feste Route und keinen Fahrplan haben, sondern wie in Frankfurt per App individuell bestellbar sein. Der Testbetrieb soll später auch auf öffentliche Straßen ausgeweitet werden. Damit wäre die Zukunftsvision von 2030 fast schon Wirklichkeit. Ziel der Bahn ist es, mit dem flexiblen On-Demand-Service Mobilität von Tür zu Tür in Kombination mit Bussen und Bahnen zu bieten. Stand heute ist die berühmt-berüchtigte erste und letzte Meile das größte Hemmnis für Pendler, vom Auto auf den ÖPNV umzusteigen. Wer keine Haltestelle in Laufnähe hat, könnte sich künftig einfach ein ioki rufen und von der Haustür zur Haltestelle fahren lassen.

MyTaxi jetzt auch mit Matching-Funktion

Noch komfortabler denken andere Anbieter. Warum erst zur Haltestelle von Bus oder Bahn, warum nicht gleich bis zum Ziel fahren? In den Großstädten – allen voran natürlich Berlin – tummeln sich mehrere Anbieter. Vor allem der Stuttgarter Autohersteller Daimler, mit car2go auch auf dem Carsharing-Markt aktiv, ist in Sachen Ridesharing unterwegs. Zu Beginn war die App „myTaxi“ lediglich eine Konkurrenz für die alteingesessenen Taxizentralen. Heute können sich Fahrgäste über die App nicht nur ihren Fahrer aussuchen – wobei die Bewertungen anderer Fahrgäste eine Hilfestellung sein können – sie können auch die Anfahrt des Taxis live per App verfolgen. In Hamburg und Berlin bietet myTaxi jetzt eine Matching-Funktion an. Wenn der Fahrgast einem Match zustimmt, sucht die App automatisch nach einem weiteren Fahrgast, der in dieselbe Richtung möchte. Auf der gemeinsamen Strecke wird die Fahrt so 50 Prozent günstiger.

Autohersteller hoffen auf neue Geschäftsfelder

Neben myTaxi hoffen beispielsweise auch VW-Tochter Moia (Berlin, Hamburg), CleverShuttle (Berlin, Hamburg, München, Leipzig, Stuttgart), myBus (Duisburg), Lümo (Lübeck) und ViaVan (Berlin) darauf, das nächste „Einhorn“ zu werden und den umkämpften Ridesharing-Markt zu dominieren. Hinter den Diensten stecken nicht nur Hersteller (VW bei Moia, Daimler bei myTaxi, CleverShuttle und Berlkönig) oder Verkehrsbetriebe (BVG bei Berlkönig, Lübecker Verkehrsbetriebe bei Lümo), sondern auch Softwareanbieter. Door2door, ein Berliner Start-up, liefert beispielsweise sowohl die Softwarelösungen wie auch Erfahrung beim Betreiben von Mobilitätsdiensten für myBus. Das weltweit bekannteste Start-up ist wohl Uber (siehe Seite 26), in Deutschland hat sich Moovel, ebenfalls eine Daimler-Tochter, einen Namen gemacht.

Die Währung der Zukunft sind Daten

Seiner Zeit etwas voraus war das Hamburger Start-up Wunder. 2014 wurde die Ridesharing-App, die Mitfahrgelegenheiten bei Privatpersonen vermittelt, in Deutschland noch wegen Verstoß gegen das Personenbeförderungsgesetz verboten. Wunder ging nach Asien, sammelte Millionen bei Investoren ein und hat nach eigenen Angaben in Indien und auf den Philippinen im vergangenen Jahr mehr als zwei Millionen Fahrten vermittelt. Jetzt ist Wunder zurück in Europa und will mit der Erfahrung aus Asien im Rücken den Markt hierzulande aufmischen. Dabei blickt der Wunder-CEO Gunnar Froh durchaus weiter in die Zukunft. In dem digitalen Branchenmagazin NGIN Mobility spricht Froh davon, dass die Fahrpreise für Shuttle-Services irgendwann ganz wegfallen würden, wenn beispielsweise Werbepartner ins Spiel kämen. Das klingt nachvollziehbar, ist die Währung der Zukunft doch sowieso nicht mehr Geld, sondern – Daten.

ACE-Tipp:

Wer freie Plätze im Auto hat oder eine günstige Mitfahrgelegenheit sucht, ist beim ACE-Partner BlaBlaCar an der richtigen Adresse. Und so funktioniert‘s: Einfach über die ACE-App registrieren und gleich Fahrten einstellen oder suchen. So wird die Fahrt nicht nur kurzweiliger durch die Mitfahrer, sondern auch deutlich günstiger. Der Algorithmus von BlaBlaCar berechnet die Kosten für die Strecke, für Berlin–München wären es beispielsweise 29 Euro. Aber natürlich kann jeder Fahrer eigene Beträge eingeben.

Kommentar: Und immer schön lächeln

Hotel oder Restaurant gesucht? Na, da werden erst mal die Bewertungen gecheckt. Und so landen wir meist im langweiligen Durchschnitt, anstatt uns einfach mal überraschen zu lassen – mit der Gefahr, auf die Nase zu fallen, aber auch mit der Chance, etwas zu entdecken, bevor es zum Geheimtipp wird. Jetzt sollen wir uns auch bei Mitfahrportalen gegenseitig bewerten. Steht hier einmal drin, dass jemand Mundgeruch hat, muss er wohl künftig immer alleine fahren; treffen Schweiger und Labertasche aufeinander, gibt es vermutlich auch keine Top-Bewertungen. Und wennʼs die Möglichkeiten schon mal gibt – warum nur bei Mitfahrportalen? Bewerten wir doch einfach alle Menschen, mit denen wir zu tun haben, unsere Kellner, Lehrer, Bank-Mitarbeiter und Bäckerei-Verkäufer. Wäre die Welt ein freundlicherer und besserer Ort, an dem alle nett zueinander sind? Oder wären wir eine dauerlächelnde Gesellschaft, in der jeder ständig befürchten muss, wegen irgendetwas schlecht bewertet zu werden? Ich jedenfalls möchte weiterhin unverstellte Menschen unvoreingenommen kennenlernen dürfen.