Interview:

Zukunftsforschung – Trends der Mobilität

01.11.2016

In der Vergangenheit hat der Abgasskandal eine ganze Branche erschüttert. Als unausweichliche Konsequenz wirft die Gegenwart immer mehr Fragen zur Zukunft der Mobilität auf. Im Oktober sprach ACE LENKRAD deshalb mit dem Trend- und Zukunftsforscher Dr. Eike Wenzel in Heidelberg.

ACE LENKRAD: Im Film "Zurück in die Zukunft" gab es die Vision von einem Hoverboard. Heute fahren tatsächlich Gefährte mit diesem Namen durch die Städte. War das damals nur ein guter Riecher, oder kann die Zukunft wirklich vorausgesagt werden?


Dr. Eike Wenzel: Zukunft kann man nicht voraussagen, das wollen wir auch gar nicht. Die Leute kommen heute nicht mehr darauf zu sagen: "Wir wollen, dass du uns die Zukunft voraussagst!". Die wissen, dass das absurd ist. In den 90er-Jahren hat man von Trend- und Zukunftsforschung gar nichts gehalten. Wenn da jemand nicht mehr wusste, wie er seine Schokoriegel verkaufen kann, dann ist einer nach Japan geflogen und kam mit Tüten voller neuer Schokoriegel, den Trends, zurück. Das ist etwas, was wir heute überhaupt nicht machen. Man kann aber Unternehmen, Studenten und andere Gruppen dazu bringen, mit ihnen gemeinsam Zukunft planbar zu machen.


ACE LENKRAD: Auf welchen Grundlagen fußen die Voraussagen Ihres Institutes?


Dr. Eike Wenzel: Um in die Zukunft zu blicken, muss man mit Megatrends arbeiten. Das sind die wichtigsten Veränderungsprozesse, die in den nächsten 30 bis 50 Jahren überall auf der Welt und in der Regel auch auf allen Märkten tatsächlich wichtig werden.


Dazu gehören zum Beispiel neue Familienstrukturen, Digitalisierung, die Energiewende, Rohstoffknappheit und die neue Phase der Globalisierung, die wir Ungleichheit nennen. Diese Megatrends muss man sich systematisch angucken.


Dann gibt es noch Technologie- und Gesellschaftstrends und Lebensstil- und Konsumtrends mit Halbwertszeiten von zehn bis 20 Jahren sowie fünf bis zehn Jahren.


Sollte Trump an die Macht kommen und in Frankreich die Rechten drankommen, dann könnte es sein, dass wir wieder über Nationalismus reden müssen und unsere 15 Megatrends nicht mehr funktionieren. Wenn das Modell Kapitalismus und westliche Demokratien aber weiterhin aktuell bleibt, dann werden diese Megatrends in den nächsten Jahren wichtig sein.


Bei Auftragsarbeiten führen wir die empirischen Daten der Unternehmen durch unsere Trendmatrix, schauen mit Marktforschern und anderen Experten auf die Lebensstile der Menschen und gegebenenfalls auch auf bestimmte Märkte. Wir würden nie behaupten, dass die Ergebnisse repräsentativ sind, sondern wir entwickeln dar-aus mögliche Szenarien.


Dadurch entstehen Geschichten und Geschichten versetzen Menschen in die Lage, kreativ über die Zukunft nachzudenken. Mittels unserer Analysen entsteht sozusagen ein Frühwarnsystem, denn man sieht, wie sich Trends entwickeln.


ACE LENKRAD: Welche Faktoren, Institutionen und Menschen beeinflussen die Zukunft am meisten?


Dr. Eike Wenzel:  Unter den Faktoren sind ganz klar die Megatrends zu nennen, die ja miteinander agieren. Ein Beispiel: Wir gehen gerade von der Energiewende 1.0 zur Energiewende 2.0 über. In 2.0 wird die Digitalisierung immer wichtiger und dann kommt noch der demografische Wandel hinzu.


Nicht jeder Megatrend führt zu einem Zukunftsmarkt, aber bei der Energiewende zum Beispiel liegt es auf der Hand. Energie wird durch die erneuerbaren Konzepte bald dezentraler genutzt. Damit wird die Zukunft nicht nur für Stadtwerke, sondern auch für Automobilhersteller unsicherer. BMW hat sich daher vor kurzem mit dem Heizungshersteller Viessmann zusammengetan, um neue Geschäftsfelder zwischen Energie und Mobilität zu erschließen.


Die einschlägigen Unternehmen und Akteure dieser Branchen werden natürlich auch zukunftsweisend sein. Die Frage ist nur, ob es wirklich noch die altbekannten Hersteller wie zum Beispiel Mercedes oder Volkswagen sein werden. Noch vor zwei Jahren hieß es dort: "Das mit den E-Autos, das wird nie was werden." Eine Arroganz, die ich unfassbar finde. Der Grund für dieses Verhalten ist einfach, dass versucht wird, das Pferd so lange zu reiten, wie es noch laufen kann. Man hört, dass deshalb alle beten, Tesla solle doch bitte scheitern. Ich glaube aber nicht, dass Tesla der einzige Akteur ist, der in den nächsten Jahren das Rennen machen wird.



ACE LENKRAD: Wenn sich der Trend zu immer mehr Nachhaltigkeit wandelt, wieso funktioniert die Einführung von Elektroautos auf dem deutschen Markt so schlecht?


Dr. Eike Wenzel: Es gibt eine Ungleichzeitigkeit zwischen Megatrends, Trends, einflussreichen Veränderungen und der Marktreife von Produkten. Die Märkte funktionieren einfach vor dem Hintergrund, dass sie selbst Budget brauchen und dass sie das Kundenbudget brauchen, um diese Wende herbeizuführen. Die Entwicklungen sind zeitaufwendig und kostspielig.


Solange die alten Autopioniere und CEOs der großen Unternehmen sagen: "Ich habe Benzin im Blut und wir werden diese klassische Ingenieurkultur bleiben", und die Politik nicht entschlossen voranrennt, dauert es halt länger. Es gibt eben eine riesige Auto-Lobby in Deutschland, viele Arbeitsplätze hängen davon ab. Eigentlich heißt das aber für die wichtigen Akteure, dass sie umso mehr auf die Trends achten sollten.


Dass wir aus der Verbrennungsmotoren-Kultur rausgehen müssen, war schon vor zehn Jahren an vielen Stellen absehbar. Der Wandel findet jetzt statt und die deutsche Automobilindustrie ist relativ schlecht darauf vorbereitet.



ACE LENKRAD: Hat das Elektroauto eine Zukunft und wenn ja, wann kommt diese?


Dr. Eike Wenzel: Diese Trendwende wird hochwahrscheinlich in den nächsten Jahren eintreten. 2020 wird das Zeitalter der E-Autos beginnen. Seit Anfang des Jahres liegen Zahlen auf dem Tisch, die sagen, dass 2022 die Preisparität von heutigen Autos und E-Autos da sein wird, also dass beide gleich viel kosten werden. Vielleicht auch schon eher. Das ist eine einfache Berechnung. Tesla fängt im nächsten Jahr an mit dieser Batteriefabrik in Arizona. Sie werden dann weltweit genauso viele Batterien herstellen wie bisher der Gesamtmarkt, das wird den Preis drücken. Eine Studie von Bloomberg geht sogar davon aus, dass der Preisverfall noch extremer sein wird. In den nächsten fünf Jahren wird also definitiv ein Automarkt mit E-Autos bestehen.


Von diesem Wandel besonders zu profitieren, haben wir in Deutschland schon ein bisschen an uns vorbeiziehen lassen. Die Leute der Autoindustrie wollten einfach nicht darüber reden. Sie haben sich um sich gedreht, wollten immer noch bessere, noch perfektere Autos bauen. Keine Frage, wir bauen in Deutschland die besten Autos. Das werden wir auch noch in den nächsten zehn Jahren machen, aber das geht völlig an der Realität vorbei. Neue Bedingungen und neue Kundenwünsche, darauf muss man reagieren. Google hat das beispielsweise gemacht. Sie haben schnell die Vorteile von autonomen Autos erkannt und haben einfach angefangen. Mit ihrer Fehlertoleranzkultur darf in der Entwicklung auch mal etwas schiefgehen. So kann Mobilität neu definiert werden.


ACE LENKRAD: Heute wird von Neo-Ökologie, also Umweltschutz, Ressourcenschonung, CO2-Einsparung und Corporate Social Responsibility, gesprochen. Wodurch entstehen solche Veränderungen in der Denke der Gesellschaft?


Dr. Eike Wenzel: Diese Veränderungen können Sie auch wieder an Megatrends entlang wahrnehmen. Durch das Interagieren dieser Vorgänge und der Einstellungen verdichten sich die Trends. Diese Veränderungen entstehen aber über einen langen Zeitraum hinweg und nicht alle zwei Jahre neu.


ACE LENKRAD: Kürzlich ging eine Meldung um, dass es durchaus bald kostenlose Autos geben könnte. Der Preis sei dann die Abtretung von Nutzungsrechten der im Fahrzeug erhobenen Daten. Ist das Ihrer Meinung nach ein realistisches Zukunftsbild?



Dr. Eike Wenzel: Das ist ein relativ wildes Szenario, was eine gewisse Wahrscheinlichkeit hat. Wir haben auch schon einmal formuliert, dass wir in Zukunft kostenlose Energie haben werden. Es ist ein durchaus realistisches Szenario, um 2030 herum nur noch 2 Cent für die Kilowattstunde bezahlen zu müssen, bedingt durch die Digitalisierung. Im Bereich Mobilität könnte das in absehbarer Zeit eben auch eintreten. Die Leute wollen nur noch von A nach B und das nachhaltig. Vor diesem Hintergrund werden in den nächsten Jahren einige Szenarien ausgetestet.


Das damit verbundene Datensicherheitsthema steht in der Regel immer am Anfang von großen Transformationsprozessen und bisher haben wir es eigentlich immer in den Griff bekommen. Die Datenflut muss nur kontrollierbar sein. Da sind die wichtigen Akteure der Branche gefragt. Klar ist: Megatrends können Sie grundsätzlich nicht aufhalten. Wir müssen damit in der Gesellschaft umgehen.


ACE LENKRAD: Gerade die Mobilität im urbanen Raum kommt an ihre Grenzen. Wie sehen Städte der Zukunft aus? Und welchen Einfluss hat das auf die Entwicklung im ländlichen Raum?


Dr. Eike Wenzel: Ja, das ist spannend. Die Städte der Zukunft melden sich jetzt. In den nächsten Jahren wird die Entwicklung dahin gehen, dass Autos aus den Innenstädten verschwinden. Es deutet sich an, dass nicht nur hier, sondern auch in Indien, Norwegen, den Niederlanden und Österreich nur noch E-Autos in den Großstädten fahren werden. Feinstaubprobleme fallen damit weg. Auch das Thema Sharing wird weiter wachsen. Die Frage ist, inwieweit wir uns in den nächsten Jahren von diesem hochindividualisierten Verkehr verabschieden müssen. Autonom fahrende Fahrzeuge, die Dinge und Menschen transportieren und in Kolonne fahren, sind daher ebenfalls ein Zukunftsbild der Städte. Uber stellt dazu beispielsweise schon Überlegungen an. Das setzt aber auch voraus, dass sich die städtischen Infrastrukturen in den nächsten 20 Jahren radikal ändern.


Dort, wo viele Menschen leben, lassen sich effektive Netze knüpfen. Wir gehen davon aus, dass es noch einmal einen zusätzlichen Aufschwung in die Städte geben wird, weil die durch die Veränderungen in den nächsten Jahren die Chance auf einen ökonomischen Aufschwung haben. Auch die Vorstädte und ländlichen Räume werden besser vernetzt und erreichbar sein. Eine Isolation von der Stadt ist damit nicht mehr gegeben. Schon heute ist sowohl in den USA als auch in Deutschland zu beobachten, dass Leute wieder von den Städten in die Vororte ziehen. Durch Digitalisierung und Mobilitätsalternativen ist man dort nicht mehr abgehängt. Wegen der hohen Mieten in der Stadt werden wir auf die Vororte auch nicht verzichten können.


ACE LENKRAD: Aktuell sind 30 Prozent des Stadtverkehrs Parksuchverkehr. Wie sieht das in Zukunft aus?


Dr. Eike Wenzel: Die Stadt Ludwigsburg steuert da beispielsweise jetzt schon mit Sensoren auf den Parkplätzen entgegen. Ein Parkleitsystem ist ja auch etwas, was relativ schnell umgesetzt werden kann, etwas, das digital funktioniert und die Umweltkosten minimiert.


Da wird es relativ schnell positive Ergebnisse geben. In den USA gibt es Konzepte, dass Sie über Apps Ihren Wagen an der Stadtgrenze abgeben, er geparkt und nachher wieder zurückgeholt wird. Aber wir werden auch, wenn wir in die Kultur der selbstfahrenden Autos hereinkommen, bedeutend weniger Fahrzeuge haben. Die Prognosen besagen, dass dann nur noch ein Viertel der Autos auf der Straße sein werden.


ACE LENKRAD: Die Entwicklung autonomer Lkw ist in vollem Gange. Werden sie eher real als autonome Autos?


Dr. Eike Wenzel: Ja, das sieht so aus. Möglicherweise dann auch auf eigenen Spuren. Unter anderem Volvo und Mercedes sind da schon sehr weit. Das würde im Verkehrschaos auch sehr schnell helfen und aufräumen. Hingegen ein Markt für selbstfahrende Autos, ähnlich dem jetzigen Fahrzeug-Angebot, wird es unserer Einschätzung nach erst im Jahr 2030 geben.


ACE LENKRAD: Wie wird der Mischverkehr von autonomen und noch nicht autonomen Fahrzeugen in Zukunft funktionieren?


Dr. Eike Wenzel: Das können sich die deutschen Autobauer nur sehr schwer vorstellen. Die Assistenzsysteme haben sie in den letzten Jahren sehr langsam und nur sehr vorsichtig eingebaut – das auch mit einem gewissen Recht. Irgendwann zwischen 2020 und 2030 wird das autonome Fahren aber einfach rasend schnell losgehen und dann wird man sich sehr stark umstellen müssen. Das wird heftig sein, aber es gibt eben auch Zwischenstufen. Zum Beispiel Toyota baut im Moment ganz viele Assistenzsysteme, die das Auto noch nicht vollends autonom machen. Eine Phase mit solchen Fahrzeugen wird es auch geben. Vielleicht ist in zehn Jahren aber auch das Individuell-mobil-Sein im Auto noch stärker nach hinten gerückt und ich steige hier in meine Seilbahn, um nach Hause zu fahren. Da kommt es natürlich auch sehr auf die Politik an.


ACE LENKRAD: Wie sieht die Mobilität im Jahr 2050 aus und was muss bis dahin noch passieren?


Dr. Eike Wenzel: Es kann wirklich gut sein, dass das Thema Mobilität nicht mehr so wichtig sein wird, dass wir relativ selbstverständlich Netzwerke nutzen. Die sind dann für unsere Persönlichkeit und unsere eigene Lebensweise nicht mehr so relevant. Die Städte werden 2050 mehr oder weniger autofrei sein. Niemand wird sich mehr danach sehnen, mit dem Auto direkt auf den Marktplatz zu fahren. Die Thematik "Mein Auto und wo stelle ich es hin?" tritt in den Hintergrund.


Und wir werden ökologischere Fortbewegungsweisen haben, ähnlich der Tante-Emma-Handelskultur in den 20er-/30er-Jahren. Es wird, durch die Digitalisierung, nur deutlich moderner sein. Fußläufiges Einkaufen wird in den nächsten Jahren aufgewertet, der stationäre Handel wird nicht verschwinden.


Die ganzen Ansagen von Zalando und Co., E-Commerce würde in Zukunft 50 Prozent einnehmen, werden völlig an den Haaren herbeigezogen. Die Leute wollen ihre Lebenswelt und ihre Konsumwelt in Einklang bringen. Das sehen Sie zum Beispiel auch an der kontinuierlichen Wochenmarktkultur in Deutschland.


Für dieses Zukunftsbild muss in erster Linie die Energiewende konsequent weiterverfolgt werden. Man sagt: nach der Energiewende kommt die Mobilitätswende und danach wiederum die Wärmewende. Das ist völlig richtig und muss den Leuten weiterhin erklärt werden. Der Verbrennungsmotoren-Verkehr der letzten Jahrzehnte ist wie mit dem Kopf gegen die Wand. Unsere Ressourcen sind begrenzt und die Zeit läuft ab. Das müssen wir jetzt anpacken.


Was Lebensmittel betrifft, so kommen diese idealerweise auch mehr aus den Städten selbst. Das Thema Urban Gardening (Städtischer Gartenbau), was in den 40er-Jahren in den USA schon mal selbstverständlich war, wird wieder größer. Aber auch Vertical Farming (Vertikale Landwirtschaft) wird in den nächsten Jahren wichtig, weil wir damit weniger Landverbrauch auf der Erde haben werden. Wenn wir die Landwirtschaft so weiterbetreiben, wie wir es im Moment tun, brauchen wir sonst 2050 für neun Milliarden Menschen fast drei Erden. Es könnte also sein, dass wir diese Türme, in denen Gemüse nur mit Wasser und LED-Beleuchtung angebaut wird, in allen großen Städten bekommen werden. Das ist im Moment noch wahnsinnig energieaufwendig, aber zum Beispiel Samsung und Philips arbeiten daran. Damit hätten wir eine hochgradig dezentrale Versorgung mit grundlegenden Nahrungsmitteln, wodurch auch weniger Transporte notwendig wären.

Zur Person

Dr. Eike Wenzel, geboren am 17.10.1966, ist Gründer und Leiter des Instituts für Trend- und Zukunftsforschung (ITZ) mit Sitz in Heidelberg. Er betreibt wissenschaftliche Forschung und ist Herausgeber des Megatrends-Letters. Seit Ende der 1990er-Jahre arbeitet er als Publizist für die Wirtschaftspresse, die Marketing-Fachpresse und das Feuilleton nationaler Tageszeitungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Außerdem nimmt er Lehraufträge an deutschen und internationalen Universitäten wahr.