Europa:

Burgenland - Kraniche, Kellergeister und ein Krokodil

25.09.2019

Seitdem im Grenzland zu Ungarn vor 30 Jahren der Zaun zwischen Ost und West fiel, entwickelte sich das einstige „Armenhaus der Nation“ zu einer gemütvollen und genussreichen Ferienregion.

"Guckt mal, ein Drache.“ Der Weckruf von Elmar, vier Jahre alt, mischt sich mit Hahnengeschrei. Zwerghühner gackern und werfen riesige Schatten an die weiße Zeltwand. Der grüne Drache sonnt sich im Oberlicht der von den ersten Sonnenstrahlen erhellten Jurte. Sein Zirpen enttarnt ihn als Grille. Doch das Erwachen zwischen Wiesenhügeln, auf denen Ziegen und Pferde weiden, bleibt märchenhaft.

Puszta-Romantik in Österreich

Zauberhaftes Burgenland. Der hinterste Winkel Österreichs kann nicht mit alpinen Größen punkten. Aber so eine Nacht in einem Nomadenzelt der JUFA-Ferienanlage in Neutal stimmt wunderbar ein auf einen Ausflug in eine Landschaft so weit und karg, wie man sie eher in Kasachstan erwarten würde. Die Puszta im Norden des Burgenlandes, am Rand des Neusiedler Sees, des westlichsten Steppensees Europas, zählt zu den exotischsten Landschaften, die Österreich bieten kann.

Auf Entdeckungstour durch den Nationalpark Neusiedler See - Seewinkel

Man sollte früh aufstehen und der Flugrichtung der Gänse folgen, die pfeilförmig den Himmel durchziehen, hin zu den flachen Gewässern des Nationalparks Neusiedler See – Seewinkel. Mit Fahrrad, Fernglas, Fotoapparat, mit Kind und Kegel, geht es von Apetlon aus in das platte Lacken- und Hutweidegebiet. Langsam verblassen die lilafarbenen Blütenteppiche der Pannonischen Salzaster. Die Landschaft hüllt sich in herbstliches Pastell.

Im Schatten des Eisernen Vorhangs konnte sich die Natur ungestört entwickeln

Ein Radwanderweg führt um die Lange Lacke, den größten der insgesamt über 40 Salzseen der Puszta, in der Ziehbrunnen und Vogelbeobachtungsstände die einzigen Vertikalen sind. Alles ist irgendwie sanft im alten Bauernland, das erst nach dem Ersten Weltkrieg von Ungarn nach Österreich kam, und das später im Schatten des Eisernen Vorhangs seine Ruhe und eine vielfältige Tierwelt bewahrte. Hasen hoppeln über Wiesen, Rehe grasen, Fasane und Ziesel flitzen umher, Graugänse watscheln gemächlich über den Fahrradweg. Wer genau hinsieht und hinhört, kann mit Glück sogar Sensationelles wie die Großtrappe erleben, einen der schwersten flugfähigen Vögel unseres Planeten.

Ein Paradies für Zugvögel und Ornithologen

Auch wenn das pannonische Klima bis weit in den Oktober Temperaturen bis zu 20 Grad verspricht, der Herbst hat im Seewinkel Einzug gehalten und mit ihm tausende Zugvögel. Den Graugänsen im Frühherbst folgen Saat- und Blässgänse. Der 1993 gegründete Nationalpark, der sich mit seiner Fläche von 300 Quadratkilometern zu einem Drittel auf österreichischer und zu zwei Dritteln auf ungarischer Seite erstreckt, ist ein beliebtes Winterquartier.

Tierische Landschaftspfleger im Einsatz

Vogelbeobachter kommen von weit her, um das grandiose Naturschauspiel zu beobachten. Andächtig lauschen sie auch dem Trompeten der Kraniche, die die Seichtwasser im Seenvorland zur Rast anfliegen. Die Lange Lacke zählt zu den ornithologisch interessantesten Gebieten Österreichs. Graurinder und eine kleine Herde weißer Esel halten im Sandeck die Landschaft vom Wildwuchs frei.

Grenzenloses Panorama über das UNESCO-Welterbe

Wer sich traut, über die steile Eisenleiter hoch zur Plattform des ehemaligen ungarischen Grenzwachturms zu steigen, bekommt einen guten Überblick über die seit 2001 zum UNESCO-Welterbe gehörenden Natur- und Kulturlandschaft. Im Westen treibt der Herbstwind Surfer und Segler über den flachen Neusiedler See, der von der zweitgrößten zusammenhängenden Schilffläche Europas umgeben ist. Landseitig liegen Feuchtgebiete, Hutweiden, Wiesen, Trockenrasen, Sandsteppen und Salzflächen mosaikartig nebeneinander. Dazwischen Äcker und Weingärten.

Zeitreise zu geschichtsträchtigen Orten

Weit reicht der Blick nach Ungarn. Im Burgenland, dem Westzipfel der Pannonischen Tiefebene, in dem Deutsch-, Ungarisch- und Kroatischsprachige in friedlicher Koexistenz leben, wurde Weltgeschichte geschrieben. Im Osten des Nationalparks führt ein Nachbau jener Brücke von Andau über den Einser-Kanal, über die 1956 nach der Niederschlagung des ungarischen Volksaufstandes zehntausende Menschen nach Österreich flohen. Mit der Fähre von Illmitz nach Mörbisch, geht es drei Kilometer über den Eisernen-Vorhang-Radweg zu jenem Ort, an dem am 19. August 1989 mit dem „Paneuropäischen Picknick“ die größte Fluchtwelle seit dem Mauerbau den Lauf der Weltgeschichte änderte.

Zwischenstopp im malerischen Weindorf

In Rust, einem der schönsten Weindörfer Österreichs mit drei Kirchen und einer Weinakademie, klingt der Tag aus. Die Störche haben ihre Nester auf den Kaminen der barocken Bürgerhäuser schon verlassen. Dafür schwärmen jetzt tausende Stare vor ihrem Abflug nach Afrika in die umliegenden Weinhänge. „Eine Plage“, sagt Barbara, die Wirtin vom Buschenschank Schandl, und schenkt „Ruster Ausbruch“ ein.

Schätze aus dem Weinkeller und kulinarische Genüsse

Eine Rarität, die man mit den edelsüßen Weinen von Sauternes oder dem ungarischen Tokajer vergleichen kann. Die im feuchten und warmen Mikroklima durch Edelfäule rosinenartig verschrumpelten Trauben entfalten ein Aroma von üppiger Süße und feiner Säure. Barbara Schandl serviert den Wein aus der Produktion des über 250 Jahren alten Familienweingutes gerne zu Blauschimmelkäse im Strudelteig.

Eisenstadt: Barocke Pracht und ein berühmter Hofkomponist

Ein kleines Stück weiter westlich von hier hat die Landeshauptstadt Eisenstadt im über 300 Jahre alten Gewölbekeller des Esterházy-Schlosses Österreichs größtes Weinmuseum eingerichtet. Immerhin ist das Burgenland, das kleinste der österreichischen Bundesländer, das zweitgrößte Weinbaugebiet Österreichs. Das riesige Barockschloss scheint viel zu groß für das kleine Städtchen zu sein. Doch war es über Jahrhunderte Sitz der mächtigen ungarischen Adelsfamilie Esterházy, die sich auch einen Joseph Haydn als Hofkomponisten leisten konnte, der fleißig im nahen Haydn-Haus seine Noten zu Papier brachte und dafür zum Teil auch durch ein Weindeputat belohnt wurde. Der berühmte Haydn-Saal im museal genutzten Prunkbau wird noch heute für Konzerte genutzt.

Burg Forchtenstein: spannend für große und kleine Ritter und Burgfräulein

Eine andere Kulturhochburg im Hinterwinkel Österreichs und zugleich ein kultureller Knaller für Kinder ist die Burg Forchtenstein. Ein zwei Meter langes Krokodil schwebt in der Burgdurchfahrt. Mit weit geöffnetem Maul Richtung Osten sollte es die mittelalterliche Burg vor den Osmanen schützen. Geheimgänge, Uniformen und Waffen, die heute aufgeputzt ganze Säle füllen und mühelos ein habsburgisches Regiment ausstaffieren könnten, lösen Begeisterung auch bei Museumsmuffeln aus.

Kunst, Kuriositäten und Fantasiewesen

Burg Forchtenstein ist das ideale Ausflugsziel für Familien. In der Kunst- und Wunderkammer, der letzten vollständigen ihrer Art in Europa, haben so kuriose Dinge wie ausgestopfte Kugelfische und Sägezähne, ein Gürteltier und ein Walpenis, auch kostbare Spieluhren, Schnitzereien aus Schildpatt und Koralle überlebt. Elmar entdeckt kunstvolle Fantasiekreationen wie das Horn eines Einhorns, einen geflügelten Marder und zu guter Letzt noch einen „richtigen“ Drachen.

Übersichtskarte Burgenland (pdf)

Reise-Info: Puszta in Pannonia

Unternehmungen: Schloss Esterházy und Burg Forchtenstein, Tel. (00 43) 26 26 / 8 12 12,
bieten auch tolle Führungen für Kinder an, weitere Infos hierzu findet man auf der Internetseite der Esterházy Betriebe; Exkursionen im Nationalpark Neusiedler See - Seewinkel über das Informationszentrum in Illmitz. Für Touren über den auf ungarischer Seite verlaufenden Europa-Radweg Eiserner Vorhang sollte man den Ausweis mitnehmen.
Schlemmen: Buschenschank Peter Schandl in Rust, www.buschenschankschandl.at
Unterkünfte: Das familienfreundliche JUFA Hotel Neutal – Landerlebnis bietet Jurten (ab 46 Euro für 2 Pers./F), Drei- und Vier-Sterne-Zimmer (DZ/F ab 86 Euro), 7343 Neutal, Tel. (00 43) 5 70 83 / 7 70. Für ACE-Mitglieder gibt es Rabatte – weitere Infos hier. Dicht am Nationalpark liegt die Residenz Velich, ein einstiges Zollhaus mit großzügigen Räumen, DZ/F ab 180 Euro.

Weitere Informationen sind erhältlich bei der Burgenland Tourismus GmbH, Tel. (00 43) 26 82 / 63 38 40. Diese Reportage entstand mit Unterstützung der Burgenland Tourismus GmbH.