Mobilität der Zukunft – ein Interview mit Dipl. Ing. Eva Kail

In Wien wurden bereits seit 1995 über 60 gendergerechte Projekte in der Stadtplanung realisiert, derzeit wird auch die Seestadt Aspern, ein neues Stadtquartier für rund 20.000 Einwohner, gendergerecht geplant. Was bedeutet das konkret für die Bewohner bzw. was soll sich dabei für die Bewohner - und insbesondere für die Frauen - verändern?
Gendergerechte Stadtplanung heißt, die verschiedenen Bedürfnisse unterschiedlicher Gruppen zu erfassen. In der Seestadt ist die Stadt der kurzen Wege und der hochwertigen Alltagsräume konsequent umgesetzt worden. Das bedeutet Wohngebäude mit grünen Innenhöfen, eine zentrale Wasserfläche, Parks mit geschlechtssensibel gestalteten Spielplätzen und Ganztagsschulen mit großzügigen Freiräumen. Gute, zentral gelegene Einkaufsmöglichkeiten, Fabriken, Büros und damit auch Arbeitsplätze. Die Anbindung an den öffentlichen Verkehr ist hervorragend - die Verlängerung der U-Bahn war vor den ersten Wohngebäuden fertig.

Zur Person

Dipl. Ing. Eva Kail ist Obersenatsrätin sowie Expertin für frauengerechtes Planen und Bauen am Amt für strategische Planung in Wien. Sie plädiert für eine Stadtplanung, die möglichst den Interessen aller Bevölkerungsgruppen gerecht wird.

Berücksichtigt man die Bedürfnisse unterschiedlicher Gruppen, wird auch die Mobilitätswende leichter.

Dipl. Ing. Eva Kail

Was bedeutet das für den Autoverkehr?

Eine autoverkehrsarme Erschließung mit nur wenigen Stellplätzen für BesucherInnen und Quartierssammelgaragen zum Kurzparken ermöglichen einen abwechslungsreich gestalteten öffentlichen Raum mit vielen Sitzgelegenheiten sowie mit vielen Bäumen und einer gute Beleuchtung der Gehwege. In der Seestadt können Kinder früh gefahrlos allein unterwegs sein, das reduziert auch Elternarbeit. In der Mobilitätsstation gibt es neben Autos auch E- Fahrräder, Kinderbollerwägen und Einkaufs-Trolleys zum Ausleihen. Übrigens wurden die meisten Straßen wurden nach Frauen benannt: von der Janis-Joplin-Allee bis zum Hannah-Arendt-Platz.

Wann haben Sie sich persönlich durch Stadtplanung als Frau benachteiligt gefühlt? Was genau hat Sie dabei gestört und wie würden Sie es heute verbessern?

Vieles, das in einer Stadt gut funktioniert, wird als selbstverständlich hingenommen. Das wirkt dann manchmal in anderen Städten wie eine Zeitreise zurück in die sechziger Jahre, wo FußgängerInnen bei fast jeder Kreuzung im Stadtzentrum in Unterführungen geschickt wurden und Stadtautobahnen eine Schneise durch die Altstadt schlugen.

Da geht es ja auch um die Sicherheit…

Wenn aus Kostengründen die Straßenbeleuchtung reduziert wird, kann der Heimweg zum Hotel mühsam werden. Was ist besser: Haltestellen als leicht verwahrloste Angsträume oder komfortable Wartezone? Im überfüllten Bus im Stau stecken oder rasches Vorwärtskommen in eigene Busspuren, in Straßenbahnen oder U-Bahn? Als Planerin war ich auch manchmal über die Argumentationslinien von Kollegen erstaunt und hab mir gedacht: haben die keine Kinder oder Großeltern? Geht’s noch immer nur um Parkmöglichkeiten und rasches Vorwärtskommen mit dem Auto?

Wie passt die gendergerechte Stadtplanung zur Mobilitätswende?

Ein öffentlicher Raum, der den vielfältigen Bedürfnissen unterschiedlicher Gruppen Rechnung trägt, macht auch die Mobilitätswende leichter. Es gilt, eine weitgehend CO2 freie Mobilität besser heute als morgen umzusetzen und den öffentlichen Raum „Hitze fit“ zu gestalten. Da braucht es Platz für schattenspendende Bäume, Trinkbrunnen, Fassadenbegrünungen, Pergolen, Nebelduschen sowie offene Flächen für Regenwasserversickerung und Abkühlung, All dies trägt auch zur Aufwertung des öffentlichen Raums bei. Urlaubsfeeling im Alltagsraum erfordert ein neues Gleichgewicht zwischen den Verkehrsarten.

Die Stadt der kurzen Wege benötigt eine qualitätsvolle Dichte.

Dipl. Ing. Eva Kail

Auf welche Veränderungen müssen sich Autofahrer dabei einstellen?

Auch parkende Autos heizen den Straßenraum auf. Autos nutzen statt besitzen spart Parkraum für Autos im Straßenraum ein, macht Wohnen ohne Garagenkosten billiger und die Städte werden für alle lebenswerter - auch für AutofahrerInnen. Es geht um eine neue Sichtweise. Was wiegt mehr: schnelle, autogerechte Transiträume, die alle anderen Funktionen unattraktiv machen oder eine reduzierte und entschleunigte Automobilität, die im Großteil der Stadt Straßen zu stressfreien Begegnungs- und Aufenthaltsräumen werden lässt.

Oder anders gesagt: Eine Stadt der kurzen Wege…

Ja, genau. Die Stadt der kurzen Wege benötigt eine qualitätsvolle Dichte: Dichte, um in der Nähe einkaufen zu können, eine Haltestelle eines öffentlichen Verkehrsmittels mit vernünftigen Intervallen sowie Schulen und Kindergärten. Qualitätsvoll heißt aber auch grüne Höfe, Parks, Nachbarschaftsgärten in Wohnungsnähe.