Mobilität der Zukunft – ein Interview mit Prof. Dr. Elisabeth Merk

Was ist die besondere Herausforderung der Mobilitätswende in Großstädten bzw. bei der damit verbundenen Stadtplanung?

Die Mobilität ist natürlich eine Schlüsselfrage für das nachhaltige Wachstum der Städte und auch für den Klimawandel. Für die Metropolregion München ist die Kooperation über Verwaltungsgrenzen hinweg eine der größten Herausforderungen. Wir müssen bei täglich rund 400.000 Pendlern die umliegenden Gemeinden miteinbinden. Wenn das Auto aus der Stadt draußen bleiben soll, geht das zu Lasten der Region. Hier gibt es einzelne Modell-Projekte, wie z. B. gemeinsam finanzierte P+R Parkplätze und mit WLAN ausgestattete Werksbusse, in denen sich die Arbeitnehmer ins Firmennetzwerk einloggen und so die Fahrtzeit als Arbeitszeit angerechnet werden kann. Aber da muss natürlich noch viel mehr passieren.

Zur Person

Prof. Dr. (Univ. Florenz) Elisabeth Merk leitet seit 2007 das Referat für Stadtplanung und Bauordnung in München. Sie unterstützt im Rahmen der „Modellstadt München 2030“ eine Neugestaltung des Verkehrs für mehr Lebens- und Mobilitätsqualität.

Wenn das Auto aus der Stadt draußen bleiben soll, geht das zu Lasten der Region.

Prof. Dr. (Univ. Florenz) Elisabeth Merk

Wie reagiert denn eine Stadt wie München auf den zunehmenden Verkehr durch Paketdienste?

Wir haben viel mehr Be- und Entladen in Räumen, in denen das vorher gar kein Thema war. Hier gibt es z. B. im Rahmen des Projekts „city2share“ und in Zusammenarbeit mit einem Paketzusteller ein Logistikprojekt, bei dem die Pakete zunächst mit den üblichen Transporten an zwei Containerstandorte gefahren werden, dann aber per elektrisch unterstütztes Lastenfahrrad zum einzelnen Empfänger ausgeliefert werden. Dadurch haben wir natürlich den Verkehr entlastet und jährlich 65 Tonnen CO2 eingespart.

Sie sprechen von einer „empathischen Stadt“ – was bedeutet das für die Mobilitätswende?

Empathische Stadt bedeutet, aufeinander zuzugehen. Man muss ein gemeinsames Ziel definieren und dazu muss man sich in den anderen hineindenken. Ein Parkplatz in der Stadt ist eben z. B. eine umstrittene Fläche. Aber wenn es diesen Willen zur Einigung gibt, findet man auch dafür eine mit örtlichen Händlern und Bürgern sinnvolle Lösungen. Dabei hilft auch ein Blick zurück in die Vergangenheit: Heute würde z. B. niemand mehr wollen, dass auf dem Marienplatz Autos parken können.

„Solange wir über größere Visionen diskutieren, ist das Mitmachen sehr lebendig, wenn es dann runterkommt auf die ganz konkrete Fläche, wird es schwierig.“ Wie sehr trifft dieses Zitat von Ihnen heute noch zu bzw. was kann man dagegen tun?

Zu weniger Auto sagen grundsätzlich alle „Ja“ - aber wenn es um ein konkretes Viertel geht, sagen alle eher „Nein“, weil sie sich in irgendeiner Weise beschränkt fühlen. Die Lösung sind häufig Modellprojekte, wie z. B. das strategische Mobilitätskonzept im Prinz Eugen Park auf dem Gelände einer ehemaligen Kaserne - hier steht z. B. durch mehrere Carsharing-Anbieter immer ein Leihauto zur Verfügung. Dazu gibt es dezentrale Lastenräder und gemeinsam genutzte Monats- oder Jahreskarten für den ÖPNV. Insgesamt war das eine außergewöhnliche gute und erfolgreiche Kooperation von Wohnungsbaugesellschaften und Genossenschaften: Plötzlich überwindet man eine kritische Masse und dann wird das Ganze finanzierbar.

Und natürlich muss man die Erfolge dieser Modellprojekte auch zeigen, wie z. B. „Summer Streets“: Da sind dann für die Sommermonate einzelne Straßen für die Autos gesperrt und es entsteht ein neuer Raum zum Flanieren, der auch Autofahrer begeistern kann.

Bei der Mobilitätswende geht es um alles zwischen Auto und ÖPNV – wir brauchen mehr ausdifferenzierte Systeme.

Prof. Dr. (Univ. Florenz) Elisabeth Merk

Also am besten gar keine Autos in der Stadt mehr?

Nein, das Stichwort ist „mehr autoarm als autofrei“. Wenn man es schaffen würde, dass in einem Auto nicht nur eine Person sitzt, da könnte man auf bestimmten Strecken schon viel erreichen. Wir stehen auch zur Privilegierung des E-Autos, aber auch mit einem E-Auto steht man im Stau. Es geht um relativ kleine Maßnahmen mit großer Wirkung, man muss Experimente wagen.

Welche Kriterien sind für die Mobilitätswende entscheidend?

Es geht um Erreichbarkeit, Komfort und Sicherheit - und dazu brauchen wir mehr Systeme, die ausdifferenzierter sind. Heute haben wir das große zentrale System ÖPNV bzw. Schiene und das individuelle System, das eigene Auto. Es geht um das dazwischen, das ist Gegenstand der Mobilitätswende. Und zwar auf allen drei Ebenen Region, Stadt und Quartier.