Mobilität der Zukunft – ein Interview mit Unternehmenscoach Leonie Müller

Frau Müller, auf der einen Seite sollen wir „mobil“ und „flexibel“ sein, auf der anderen Seite wollen wir „ankommen“. Wie passt dieser Widerspruch zur Mobilitätswende?

Unterwegs sein und ankommen sind gleichbedeutend mit Freiheit und Sicherheit. Hier hat jeder ein unterschiedliches Bedürfnis und die Pandemie verdeutlicht das. Es ist sehr spannend zu sehen, was es ausmachen kann, wenn die Arbeitswelt z. B. mit dem Home-Office viel flexibler wird. Darin sehe ich auch für die Mobilitätswende ein großes Potential - wir bräuchten in der Mobilität mehr Wahlfreiheit bzw. auch die Eigenverantwortung, diese Wahlfreiheit zu nutzen.

Was könnte denn die Menschen dazu motivieren, diese Freiheit mehr zu nutzen?

Es braucht immer eine Mischung aus externen und internen sowie positiven und negativen Faktoren, seine Mobilität zu ändern. Auch wenn die Pandemie natürlich zwei Seiten hat - ich glaube nicht, dass wir ohne sie ansatzweise in den nächsten 50 Jahren dahin gekommen wären, wo wir jetzt schon sind. Home-Office und Digitalisierung sind eben jetzt ein „Muss“ und bisher waren sie nur ein „Kann.“

Zur Person

Leonie Müller hat 2015 ein Jahr lang ihre Wohnung gegen eine BahnCard eingetauscht. Als Unternehmenscoach will sie ganz bewusst die neuen Möglichkeiten in der Arbeitswelt und die Veränderung unserer Mobilitätsgewohnheiten zusammendenken.

Ganz viel unterwegs oder monatelang Zuhause sein - darin sehe ich für die Mobilitätswende ein großes Potential.

Leonie Müller

Sie waren ja viel im In- und Ausland unterwegs. Wie ist das Verhältnis der Deutschen zu Mobilität im Vergleich zu anderen Nationen?

Es gibt z. B. in den USA oder Australien viel mehr "Silver Camper" - die haben also keinen festen Wohnsitz und reisen viel herum. Das gibt es in Deutschland eher selten, auch aufgrund der kleineren Größe unseres Landes. Da haben wir eine geographische Begrenzung und denken eben auch deshalb begrenzt. Mein BahnCard-Experiment hat die Menschen deshalb hier sehr irritiert.

Welche Reaktionen gab es noch auf ihr BahnCard-Experiment?

Im Ausland war die Faszination groß, dass man hier die Bahn zum Lebensmittelpunkt machen kann - in vielen Ländern geht das gar nicht. Im internationalen Vergleich ist die Bahn sicher und pünktlich und wir haben da gar kein Bewusstsein dafür. Ich selbst fand diese BahnCard-Geschichte nie so aufregend, wie sie dargestellt wurde.

Wie hat sich unser Verhältnis zur Mobilität in der Pandemie verändert?

In 2020 ist das Thema Campen auch hierzulande normaler geworden - und die „Digitalen Nomaden“ sind mehr in Europa und auf den Kanaren unterwegs und weniger in Asien. Europa ist durch Corona mehr zusammengerückt.

Im Ausland war die Faszination groß, dass man hier die Bahn zum Lebensmittelpunkt machen kann.

Leonie Müller

Welche Unterschiede gibt es bezüglich der Mobilität am Arbeitsplatz?

In Holland gibt es z. B. schon länger das Recht auf Home-Office - da muss der Arbeitgeber argumentieren, warum Home Office nicht möglich ist.

Hierzulande herrscht noch eine Diskrepanz zwischen Sesshaftigkeit und einem mobilen, multilokalen Leben. Wir wohnen hier, gehen aber da zum Bäcker, fahren dort in die Arbeit und machen nochmals woanders eine Weiterbildung. Diese Diskrepanz ist uns aber überhaupt nicht bewusst – und wenn uns das nicht bewusst ist, können wir das auch nicht in unsere Arbeitswelt integrieren.

Was würden Sie sich für die Zukunft unserer Mobilität wünschen?

Ich arbeite für ein individualisierbares Arbeitsleben. Es geht nicht nur darum, bessere Wege zu finden, sondern ob es überhaupt notwendig ist, jeden Tag ins Büro zu fahren. Wo man arbeitet, wie man arbeitet, was einen antreibt, wie man seinen Alltag gestaltet - es muss in jeder Lebensphase möglich sein, die ganzen Bausteine seines Lebens auf persönliche Weise zusammenzusetzen. Man ist leistungsfähiger, wenn man sich wohlfühlt, wo man arbeitet. Das prägt das Mobilitätsgeschehen viel mehr als die Optimierung der Verkehrsanbindung.