Mobilität der Zukunft – ein Interview mit Prof. Dr. Stefan Reindl

Wann haben Sie Ihre persönliche Mobilitätswende erlebt?

Von einem Erleben der Mobilitätswende kann ich zwar bislang nicht sprechen. Ich bin aber davon überzeugt, dass die wahrnehmbaren Entwicklungen im Verkehrs- und Mobilitätssektor uns dazu zwingen, die Mobilitätswende umgehend herbeizuführen. Die Auswirkungen des Verkehrsgeschehens auf die Umwelt, die verstopften Innenstädte sowie die Einschränkungen bei der Lebensqualität zwingen uns zu einer systemischen Herangehensweise an die Mobilität der Zukunft.

Was bedeutet das für die Zukunft des Autos?

Wir können auch in Zukunft nicht auf das Automobil verzichten. Aber der Baustein Auto muss seinen Platz in einem gesamtheitlichen Mobilitätskonzept finden. Hierzu ist eine starke Vernetzung von Verkehrsträgern und -mitteln nötig. Nur dann kann es gelingen, dass die Gesamtsumme der Optimierungen zu einer nachhaltigen Veränderung des Verkehrs- und Mobilitätssektors – und damit zu einer Optimierung der Umwelteinflüsse - insgesamt führt. Die Veränderungen müssen die Grundsätze des Nachhaltigkeitsparadigmas berücksichtigen, also neben den Wachstumszielen auch ökologische und soziale Herausforderungen einbeziehen.

Zur Person

Prof. Dr. Stefan Reindl ist seit 1997 am Institut für Automobilwirtschaft (IfA), seit 2018 hat er die Leitung übernommen. Der Initiator der „ifa automotive business school“ gilt er als einer der führenden Köpfe für Mobilität in Deutschland.

Mit den Angeboten neuer Mobilitätsprovider wird die Vertriebsintensität an private Autokunden wohl abnehmen.

Prof. Dr. Stefan Reindl

Wie wird sich der Vertrieb von Automobilen vor dem Hintergrund der Mobilitätswende verändern?

Mit den Angeboten neuer Mobilitätsprovider mit eigenen Flotten, die das Autofahren ohne den Besitz eines eigenen Fahrzeugs sicherstellen werden, lässt sich die Anbindung an Mobilitätssysteme besser vorantreiben als mit Fahrzeugen in Privatbesitz. Die Automobile werden mittel- und langfristig also vor allem an Flotten und Fuhrparks geliefert. Insofern wird die Vertriebsintensität an Privatkunden wohl abnehmen.

Wie wird sich das auf die Nutzung bzw. auf den Besitz des Autos auswirken?

Künftige Angebote werden über bekannte Leasing-, Finanzierungs- und Abomodelle einerseits, sowie über das Carsharing oder Ride-Hailing andererseits hinausgehen. Ich gehe insbesondere von einer Flotten- und Angebotsmischung aus, die sowohl die Corporate Mobility - also die Unternehmensmobilität - als auch die private Mobilität aus einem Fuhrpark und ergänzenden Mobilitätsangeboten heraus versorgen kann. Insofern ist der Vernetzungs- und Systemgedanke wohl der richtige Ansatz, den Fokus stärker auf den Nutzen und weniger auf den Besitz der einzelnen Verkehrsträger und -mittel zu richten.

Automobilhersteller müssen sich auch künftig auf das Produkt „Auto“ konzentrieren

Prof. Dr. Stefan Reindl

Wie beurteilen Sie das Tempo bzw. die Dynamik der Veränderungsprozesse der Automobilhersteller – müssen die sich intensivieren oder verstärken? Oder sind wir eher zu schnell? 

Ich denke, Automobilhersteller müssen sich auch künftig auf das Produkt „Auto“ konzentrieren. Die Herausforderungen und die damit verbundene Dynamik - also insbesondere bezüglich alternativer Antriebe und der Digitalisierung von Produkten - sind ohnehin sehr groß. 

Das heißt aber nicht, dass sich Hersteller den weiteren Zukunftsfeldern, die mit der wohl unausweichlichen Mobilitätswende in Verbindung stehen, verweigern sollten. Sie sollten auch dahingehend ihre Kompetenzen ausbauen, aber hauptsächlich die Voraussetzungen zur Vernetzung ihrer Produkte schaffen.

Diese Einschätzung folgt der Auffassung, dass die Steuerung von künftigen Mobilitätssystemen nicht zu den Kernkompetenzen zählen wird. Für systemische, multimodale Mobilitätskonzepte ist nämlich ein markenübergreifender Ansatz einerseits, sowie ein verkehrsträgerübergreifender Ansatz andererseits nötig.