Produkttest Sommerreifen 205/55 R 16 Preis-Frage - Ihr Automobilclub - ACE Auto Club Europa e.V.
Produkttest: Sommerreifen 205/55 R 16

Sommerreifentest 2012

Auch im Sommer gilt: Die wahre Güte eines Reifens zeigt sich erst bei Regen

Sommerreifentest 2012

Breite Profilrillen helfen gegen Aquaplaning, sind bei Trockenheit, speziell bei Querkräften, jedoch nicht optimal

Sommerreifentest 2012

Wie gut haftet ein Reifen bei Nässe? – Gerade rollwiderstandsoptimierte Pneus haben hier oft Probleme!

Sommerreifentest 2012

Bei der wichtigen Disziplin Nass-Bremsen schwächelten im ACE-Test vor allem die Billigreifen

Sommerreifentest 2012

Der ACE hat 15 Sommerreifen getestet – von bekannten Marken bis hin zum Internet-Schnäppchen

Der Frühling naht, es bleibt wieder länger hell. Allgemeines Aufatmen – auch für die Autofahrer. Endlich keine Scheiben mehr kratzen und auch die Gefahr, auf der Straße auszurutschen, nimmt Tag für Tag ab. Doch auch wenn Sie die Sommerräder schon bereitgelegt haben: Warten Sie mit dem Wechsel noch ein paar Tage! Schließlich kann es auch im April noch kalt und rutschig sein.

Genügend Zeit also, um nochmals einen kritischen Blick auf die bereitliegende Sommerbereifung zu werfen. Beträgt die Profiltiefe noch mindestens vier Millimeter? Sind Ihnen vielleicht irgendwelche Beschädigungen entgangen? Wäre es doch besser, mit einem frischen Satz in die neue Saison zu starten?

Dann gilt es, bei aller Euphorie einen kühlen Kopf zu bewahren und eine sachliche Entscheidung zu treffen. Rund 200 bis über 400 Euro kostet ein Satz Sommerreifen in der weit verbreiteten Dimension 205/55 R 16. Noch ohne Montage. Eine hübsche Stange Geld, die sich hier sparen lässt. Doch Vorsicht! Schon der gesunde Menschenverstand lässt erahnen, dass ein halb so teures Produkt niemals so gut sein kann wie ein Markenartikel. Und so ist es dann auch, wie ein schneller Blick auf unsere Ergebnistabelle zeigt: Der teuerste Reifen, der Continental Premium Contact, ist Testsieger, der billigste Reifen, der Rotalla F 108, landet weit abge­schla­gen auf dem letzten Platz.

So weit, so logisch. Handelt es sich bei Reifen doch um technologisch äußerst anspruchsvolle Produkte, bei deren Entwicklung einige Zielkonflikte zu lösen sind. So besagt eine alte Faustregel, dass ein Reifen, der besonders leicht rollt (und damit in der Folge Sprit sparen hilft), bei Nässe keine gute Haftung mehr bieten kann. Dass in diesem Punkt die großen Reifenhersteller einige Fortschritte erzielen konnten, beweisen der Fulda Eco-Control HP und der Goodyear EfficientGrip. Beides Reifen, die – wie die Namen schon verraten – auf geringen Rollwiderstand hin optimiert wurden. Trotzdem sind mit beiden Reifen auch auf nasser Fahrbahn relativ kurze Bremswege möglich. Der Goodyear überzeugt zudem mit angenehmen Handlingeigenschaften und deutet das Ende seiner Möglichkeiten sanft und ohne Tücken an. Auch das ist wichtig. Trotzdem kommt das Testfahrzeug mit diesen Reifen auf nasser Fahrbahn aus Tempo 100 erst eine gute Wagenlänge später zum Stehen als das gleiche Fahrzeug, bestückt mit den Continental-Reifen. Mit den Contis benötigt der Testwagen 62,8 Meter bis zum Stillstand. Und das bedeutet  im schlimmsten Fall einen Aufprall mit einer Restgeschwindigkeit von 21,2 km/h beim Goodyear und 25,6 km/h beim Fulda.

Welches Ausmaß das Sparen am falschen Ende annehmen kann, zeigt der billige Rotalla, dessen Hersteller das Geheimnis der Auflösung dieses Zielkonflikts bisher wohl verborgen geblieben ist: Mit einer Restgeschwindigkeit von 49,3 km/h würde ein solchermaßen bereifter Testwagen in das Heck des längst stehenden "Conti-Wagens" krachen. Oder anders ausgedrückt: Unvertretbare 83 Meter braucht der Rotalla-bereifte Testwagen auf nasser Bahn bis zum Stillstand. Dass der Rollwiderstand dabei nur mittelprächtig ausfällt, sagt eigentlich schon alles. Auch High Performer und Goodride, der sogar eine Kennzeichnung als Allwetterreifen trägt, machen ihre Sache nur unwesentlich besser. Dass in der Disziplin Nassbremsen neben den Billigreifen aber auch der Vredestein schwach abschneidet, überrascht etwas. Doch auch einen anderen Zielkonflikt müssen die Reifenhersteller im Auge behalten: Ein Reifen sollte beim Durchfahren von Pfützen Wasser möglichst schnell ableiten. Sonst droht das gefürchtete Aquaplaning.

Wie gut ein Reifen in dieser Disziplin abschneidet, hängt von der Profilgestaltung ab. Ideal dafür ist ein möglichst offenes Profil mit hohem Negativ-Anteil, das Wasser ohne großen Widerstand nach hinten und zur Seite ableiten kann. Der mit einem auffällig pfeilförmigen Profil versehene Vredestein zeigt hier eine solide Leistung, ohne aber Spitzenwerte zu erreichen. Breite Rillen in Längsrichtung, die das Wasser nach hinten durchlassen, sind wohl die bessere Lösung.

Andere Markenreifen zeigen, wie es geht: Der Dunlop Fast Response und der Semperit bieten die meisten Reserven. Zwischen dem Bes­ten (Dunlop) und dem Schlechtesten (Rotalla) liegen satte 15 km/h, die in Pfützen zwischen fahren und gleiten entscheiden.

Allzu breite Rillen können jedoch die Eigenschaften auf trockener Straße stark beeinträchtigen. Unter dem Einfluss von Quer- kräften verformen sich die Profilstege, der Reifen wird schwammig und kann nur wenig Kräfte übertragen. Auch hier hat Dunlop den Spagat gut hinbekommen. Auf trockener Straße bietet der Fast Response zusammen mit Fulda Eco Control und Nokian V am meis­ten Sicherheit. Dahinter liegt ein dicht gedrängtes Mittelfeld mit geringen Differenzen. Am Ende des Feldes die üblichen Verdächtigen: Goodride, Rotalla und diesmal leider auch der Sava, während sich der High Performer auf trockener Straße noch achtbar aus der Affäre zieht. Wäre da nicht das extrem laute Abrollgeräusch des Goodrige: Mit 75,5 db(A) bei 80 km/h ist dieser Reifen schon von Weitem zu hören.

Ironischerweise ist der leiseste Reifen im Test der Rotalla: Ein Messwert von 70 db(A) ist selbst von den bekannten Markenreifen nicht zu erreichen.Doch das beweist nur, dass der rundum perfekte Reifen immer noch auf sich warten lässt. Besondere Stärken in einer Disziplin ziehen größere Einbußen in anderen Bereichen nach sich. Ein Reifen ist daher immer noch der (hoffentlich) bestmögliche Kompromiss. Wobei die großen Marken der Auflösung der zahlreichen Zielkonflikte wieder ein gutes Stück näher gekommen und somit auch jeden Euro wert sind.

Info-Grafik: Tabelle mit allen getesteten Reifen zum Downloaden.

So haben wir getestet
Teststrecke: Contidrom bei Hannover
Testfahrzeuge: Audi A3 und VW Golf
Bremswegmessung bei Nässe: Verzögerung aus schienengeführter Fensterbremsung zwischen 80 und 20 km/h, hochgerechnet auf Meter bis zum Stillstand aus 100 km/h. Anforderungen entsprechen der Kennzeichnungspflicht für Neureifen gemäß EG-Verordnung 1222/2009.
Bremsweg bei Trockenheit: Verzögerung aus Fensterbremsung zwischen 100 und 3 km/h, hochgerechnet auf Meter bis zum Stillstand aus 100 km/h.
Aquaplaning längs: 7 Millimeter Wassertiefe, Wert bei mehr als 15 Prozent Schlupf. Fahrzeug schienengeführt
Aquaplaning quer: 6 Millimeter Wassertiefe, Durchschnittliche Querbeschleunigung in m/s(2) im Bereich 65 bis 95 km/h
Kreisbahn: Durchschnittliche Rundenzeit auf einer bewässerten Kreisbahn
mit einem Durchmesser von 60 Metern
Nasshandlingkurs: Streckenlänge 1835 Meter, objektive Bewertung der Fahrzeit und subjektive Bewertung des Fahrverhaltens durch den Autor
Trockenhandling: Streckenlänge 3330 Meter, objektive Bewertung der Fahrzeit und subjektive Bewertung des Fahrverhaltens durch den Autor
Außengeräusch: Vorbeirollgeräusch bei 80 km/h in db(A). Anforderungen
entsprechen der Kennzeichnungspflicht für Neureifen gemäß EG-Verordnung 1222/2009
Rollwiderstand: Maschinenversuch bei einer Last von 4827 Newton
Preisermittlung: Durchschnittliche Verkaufspreise, ermittelt vom Bundesverband Reifenhandel und Vulkaniseur-Handwerk (BRV) e.V., Ausnahmen: tatsächlicher Kaufpreis im August 2011 bei Rotalla und High Performer