Produkttest: Winterreifen 215/65 R 16

Winterreifentest 2012

Im Test: Sieben aktuelle Premium Winterreifen der Dimension 215/65 R 16 für kompakte SUV

Winterreifentest 2012

Neben dem Testbetrieb auf der Piste, erfordern auch Dokumentation und Logistik einen enormen Aufwand

Winterreifentest 2012

Nicht nur auf Schnee, sondern auch auf nasser Straße muss ein Winterreifen gut haften…

Winterreifentest 2012

…dazu gehören stationäre Kreisfahrt, Bremstests und …

Winterreifentest 2012

…Aquaplaningversuche, bei denen die Reifen extremen Belastungen ausgesetzt sind

Winterreifentest 2012

Auf einer konstant bewässerten Teststrecke werden abschließend die subjektiven Handlingeigenschaften bewertet

Winterreifentest 2012

Trockene Fahrbahn ist nicht die Domäne von Winterreifen, trotzdem müssen auch hier Handlingversuche stattfinden

Winterreifentest 2012

Natürlich muss ein Winterreifen nicht nur geradeaus Traktion bieten - ebenso wichtig ist die Seitenführung

Winterreifentest 2012

Die Fahrversuche zur Beurteilung der Handlingeigenschaften fanden auf einer eigens präparierten Passstraße statt

Winterreifentest 2012

Die Versuche zur Längsdynamik wurden auf einem ehemaligen Flugfeld des schweizer Militärs durchgeführt

Winterreifentest 2012

Zur doppelten Absicherung werden die Messwerte nicht nur elektronisch gespeichert, sondern auch ausgedruckt

Winterreifentest 2012

Mittels hochpräziser GPS-Technik wird die Position und die Bewegung des Fahrzeugs in drei Ebenen aufgezeichnet

 
Zum Film
Hier sehen Sie unseren kurzen Film zum Winterreifentest (4:22 Min.).

Es sollte mittlerweile keiner ausdrücklichen Ermahnung mehr bedürfen: Auch und besonders die allradgetriebenen Autos müssen im Winter auf Winterreifen unterwegs sein. "Auch", da die gesetzliche Regelung hier keine Ausnahme duldet, und "besonders", da Allradler auf schlüpfrigem Untergrund sehr gut beschleunigen und dabei dazu verleiten, die Gripverhältnisse besser einzuschätzen, als sie es tatsächlich sind. Das Fatale daran ist: Beim Bremsen sehen die Allradler meistens nicht besser, oft sogar schlechter aus als konventionelle Autos. Das kann in Einzelfällen an extra-robuster Bauweise, an einem erhöhten Schwerpunkt oder schlicht am massigen Gesamtgewicht liegen.

Aber auch an den Reifen, denn die haben es bei solchen Autos wahrlich nicht leicht: Die Belastungen durch das enorme Gewicht und das gleichzeitig mögliche Spitzentempo sind groß. Zudem sind die Flanken relativ hoch, da Niederquerschnittsreifen bei SUV erst ab 19 Zoll Felgengröße angesagt sind. Das ist gut für den Komfort, lässt jedoch wenig Lenkpräzision erwarten. Und nicht zuletzt sollen die Reifen auch für einen gelegentlichen Ausflug neben die Straße stabil genug sein und nicht beim ersten (Bord-) Steinkontakt die Luft verlieren. Nun gibt es auch für den Geländeeinsatz spezielle Reifen, was die Auswahl in dieser Fahrzeugkategorie nicht leichter macht. Doch obwohl diese All-Terrain-Reifen oft auch das M&S-Symbol tragen, sind diese Grobstoller für den Wintereinsatz kaum geeignet. Im Winter kommen dann noch ein paar Anforderungen dazu: Die Lamellen sollen sich im Schnee ordentlich festbeißen, ohne auf trockenen Autobahnetappen Schaden zu nehmen. Wasser und Matsch müssen bestmöglich abgeleitet werden, ohne dass ein zu großer Negativanteil im Profil den ohnehin schwierigen Bremsvorgang weiter verkompliziert.

Ein etwas größerer Innendurchmesser bei niedrigerem Querschnitt oder auch etwas mehr Breite könnten helfen, die schwierigen Anforderungen besser unter einen Hut zu bringen. Beim diesjährigen Test haben wir uns jedoch für die preissensible, schmale Basisgröße 215/65 R 16 entschieden. Zwischen 450 und 600 Euro müssen für einen Satz Reifen investiert werden, die Montage und die Felgen noch nicht mitgerechnet.

Dazu wählt das Team von ACE, ARBÖ und GTÜ als Testwagen einen Dacia Duster, der sowohl im Allrad- als auch im Zweiradmodus, sprich nur mit Frontantrieb bewegt werden kann. Um den Schwierigkeitsgrad zu erhöhen, wurden die meisten Fahrversuche im Zweirad-Modus durchgeführt.

Keiner der zum Test angetretenen Markenreifen leistet sich auf dem verschneiten Testgelände nennenswerte Schwächen. Beim Bremsen auf Schnee sind die ersten kleinen Unterschiede spürbar: Zwischen dem besten und dem schlechtesten Reifen liegt im Schnitt eine halbe Wagenlänge. Obwohl das Ausgangstempo hier nur bei 50 km/h liegt, beträgt der Anhalteweg bei dieser Übung dennoch an die 30 Meter. Gefühlsmäßig ist Tempo 50 viel schneller erreicht als "weggebremst", vor allem im Allradmodus. Doch selbst wenn der Dacia nur mit Frontantrieb unterwegs ist, beschleunigt er noch flott und wühlt sich tapfer jede Steigung hinauf. Auf einer geräumten Straße bieten die Winterreifen so viel Grip, dass der Allradantrieb im Grunde überflüssig erscheint.

Wirkliche Spezialisten sind auf Schnee nicht auszumachen, wobei der österreichische Semperit die alpenländischen Erwartungen voll erfüllt und die Schneewertung knapp anführt. Dass sich auch der finnische Nokian auf Schnee nahezu perfekt verhält, erstaunt wenig. Doch der Conti kann es genauso gut. Nach Bremsen, Beschleunigen und Kurvenfahren auf Schnee steht fest: Selbst mit dem Bridgestone LM-80, der auf Schnee insgesamt die geringste Punktzahl einfährt, kommt man gut den Berg hinauf und auf der anderen Seite auch sicher wieder hinunter. Man sollte sich dafür einfach nur ein Quäntchen mehr Zeit lassen.

Dafür glänzt der Bridgestone dann auf nasser Straße umso mehr: Kürzester Bremsweg und die schnellste Zeit im Handling zeigen, wo bei diesem Reifen der Schwerpunkt in der Entwicklung lag. Einzig die Aquaplaningeigenschaften dürften noch etwas besser sein, schließlich regnet es in der kalten Jahreshälfte doch häufiger und der schmelzende Schnee bildet Pfützen und Bäche auf dem Asphalt. Mit Abstand am besten pflügt der Goodyear durch die Wasserlachen, was in der Addition den knappen Sieg in der Disziplin "Sicherheit Nass" einbringt.

Als Nächstes folgt die Disziplin "Trocken", die, wie eingangs erwähnt, für SUV-Reifen besonders schwierig ist. Einen besonders kurzen Bremsweg zaubert der finnische Nokian auf den trockenen Asphalt. Noch vor dem Erreichen der 43-m-Marke steht der Dacia aus Tempo 100, ein Wert, der bereits in die Reichweite von Sommerreifen kommt. Der auf Schnee noch so erfolgreiche Semperit braucht jetzt vier Meter länger – oder auch eine ganze Wagenlänge mehr – um den Duster zum Halten zu bringen. Dazwischen sortieren sich die übrigen Wettbewerber ein.
 
Größere Verschiebungen bringt noch das Kapitel Umwelt mit sich. Im Abrollgeräusch schneidet ausgerechnet der Continental, der sich bis jetzt als fleißigster Punktesammler erwiesen hat, unerwartet schlecht ab. Obwohl dieser Wert seit neuestem auch auf dem Reifenlabel weithin sichtbar sein wird, rollt der Reifen bei Tempo 80 von außen betrachtet sehr laut ab. Im Innenraum des Duster fällt dieser Reifen allerdings nicht unangenehm auf, was zweierlei Umstände deutlich macht: Zum einen ist die Geräuschentwicklung im Innenraum stark fahrzeug- und geschwindigkeitsabhängig, zum anderen ist es bemerkenswert, dass der Conti trotz dieses Umstandes den Gesamtsieg nur denkbar knapp verpasst. Ob es wohl in Zukunft möglich ist, ohne Verzicht bei den übrigen Qualitäten einen deutlich leiseren Reifen zu bauen? Wir werden sehen. Sieger wird so am Ende der Bridgestone, der die im Schnee eingebüßten Punkte durch seinen leisen Lauf und einen geringen Rollwiderstand wieder wettmachen kann.
 
Apropos Rollwiderstand: Richtig viele Punkte verliert in dieser Disziplin der neu entwickelte Pirelli, der somit etwas den Anschluss verliert. Allerdings hat Pirelli angekündigt, die Entwicklungsschwerpunkte dieses neuen Winterspezialisten noch einmal zu überdenken und den Reifen bis zur endgültigen Markteinführung in dieser Hinsicht deutlich nachzubessern. Wir vertrauen darauf, denn alle sieben namhaften Hersteller, die zum Test angetreten sind, haben genug Erfahrung, um auch in der Basisdimension die richtige Balance zu finden.

So haben wir getestet
Teststrecke: Contidrom (Deutschland), Ullrichen (Schweiz)Testfahrzeuge: Dacia Duster und VW Tiguan
Bremswegmessung auf Schnee: Mittlere Verzögerung aus Fensterbremsung zwischen 50 und 3 km/h, hochgerechnet auf Meter bis zum Stillstand
Traktionsmessung auf Schnee: Beschleunigung zwischen 10 und 30 km/h bei aktivierter Traktionskontrolle
Schneehandling: Streckenlänge 1400 Meter, objektive Bewertung der Fahrzeit und subjektive Bewertung des Fahrverhaltens
Bremswegmessung bei Nässe: Verzögerung aus schienengeführter Fensterbremsung zwischen 80 und 20 km/h, hochgerechnet auf Meter bis zum Stillstand aus 100 km/h
Bremsweg bei Trockenheit: Verzögerung aus Fensterbremsung zwischen 100 und 3 km/h, hochgerechnet auf Meter bis zum Stillstand aus 100 km/h
Aquaplaning längs: 7 Millimeter Wassertiefe, Wert bei mehr als 15 Prozent Schlupf. Fahrzeug schienengeführt Aquaplaning quer: 6 Millimeter Wassertiefe, durchschnittliche Querbeschleunigung in m/s2 im Bereich 65 bis 95 km/h
Kreisbahn: Durchschnittliche Rundenzeit auf einer bewässerten Kreisbahn mit einem Durchmesser von 60 Metern
Nasshandlingkurs: Streckenlänge 1835 Meter, objektive Bewertung der Fahrzeit und subjektive Bewertung des FahrverhaltensTrockenhandlingkurs: Streckenlänge 1670 Meter, objektive Bewertung der Fahrzeit und subjektive Bewertung des Fahrverhaltens
Außengeräusch: Vorbeirollgeräusch bei 80 km/h in db(A)Rollwiderstand: Maschinenversuch bei einer Last von 5886 Newton, Luftdruck 2,1 bar
Preisermittlung: Durchschnittliche Verkaufspreise, ermittelt vom Bundesverband Reifenhandel und Vulkaniseur-Handwerk (BRV) e.V, Stand Juli 2012

Info-Grafik: Alle getesteten Winterreifen der Dimension 215/65 R 16 im Überblick.

Gunnar Beer, ACE-Reifen-Experte

Testergebnis vs. Reifenlabel
Ab November ist es amtlich: Jedem Neureifen haftet dann ein Label mit drei Kriterien an: Rollwiderstand, Außengeräusch, Nasshaftung werden plakativ bewertet. Ein Gütesiegel, das durch diesen Test so nicht bestätigt werden kann! Denn was ist mit den vielen anderen Kriterien? Alles nicht so wichtig? Zum Glück lassen sich die renommierten Hersteller nicht dazu verführen, ihre Reifen auf besonders gute Labelwerte hinzutrimmen. Besonders bei Winterreifen wäre das eine äußerst riskante Sache. Unser Test bestätigt: Alle teilnehmenden Hersteller bauen in der Summe gute und sehr gute Reifen, die sowohl auf trockener als auch auf nasser Straße funktionieren. Und auch auf Schnee. Der eine oder andere Hersteller nimmt dafür sogar deutliche Einbußen in Geräuschentwicklung oder Rollwiderstand in Kauf, um in den übrigen Disziplinen nicht den Anschluss zu verlieren. Das braucht Mut und Vertrauen in die Loyalität der Kunden bzw. das Fachwissen des Verkaufsberaters, denn auf dem schönen neuen Label sieht das nicht allzu gut aus. Die Einstufungen stammen übrigens von den Herstellern selbst, und bis jetzt gibt es keine Instanz, die für eine Überwachung sorgt. Das kann und will auch ein Reifentest wie dieser nicht leisten, da den Label-Werten teilweise andere Messprozeduren, die Bewertung anhand von Verhältniszahlen und sehr grobe Raster zugrunde liegen. Fakt ist: Die als Verkaufs-, Entscheidungs- oder Klimahilfe angepriesene Bebilderung der Reifenqualität hilft niemandem wirklich weiter, sondern führt sich aufgrund der Regularien selbst ad absurdum. Schade eigentlich, aber beileibe kein Einzelfall in der EU.

Kommentare
 
 
26.09.2012

Toller, informativer Test. Hat mir bei meiner Kaufentscheidung sehr geholfen da ich auch einen Dacia...

Željko Sabljić
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16.09.2012

Ich würde auf die ACE-Zeitschrift verzichten, wenn ich sie auf meiner Email-Seite lesen könnte. (Pap...

Hermann Becker
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