Dauertest:

Renault Twingo – Charmanter Stadtflitzer

01.09.2017

Für ein Jahr oder 38.000 Kilometer war der Renault Twingo mit dem 90-PS-Motor fester Bestandteil des Fuhrparks von ACE LENKRAD. Zeit für ein Fazit.

Oh, der ist aber arg klein“– das war die erste Reaktion, als der feuerrote Renault Twingo vor einem Jahr vor die ACE-Zentrale in Stuttgart rollte. Doch keine Minute später, beim ersten Probesitzen hinter dem Lenkrad, hieß es erstaunt: „Der ist ja deutlich größer, als er ausschaut.“ Und so waren es nicht nur das niedliche Blechkleid sondern durchaus auch die inneren Werte, die den Renault Twingo über zwölf Monate zum gern gesehen Begleiter auf der Kurz- wie auch der Langstrecke machten.

Zwei außerplanmäßige Werkstattbesuche waren notwendig

Insgesamt haben wir 37.844 Kilometer mit dem kleinen Franzosen zurückgelegt, zweimal musste er in dieser Zeit ungeplant in die Werkstatt. Schon nach einer Woche steckte eine riesige Schraube im rechten Hinterrad. Bevor wir selbst etwas von verändertem Fahrverhalten bemerkten, wurden wir vom Reifendruck-Warner auf den Luftverlust aufmerksam gemacht. Beim zweiten Mal war es ein Rückruf von Renault, der Heckspoiler musste neu verklebt werden.

Sein kleiner Wendekreis begeistert beim Rangieren

In den ersten Tagen des Dauertests waren wir mit dem Twingo vor allem in der Stadt unterwegs – seine Vorzüge lernten wir dabei sehr schnell kennen und auch lieben. Denn wie muss ein Stadtauto in erster Linie sein? Wendig und einfach einzuparken. Hier überzeugt der Franzose auf ganzer Linie. Sein kleiner Wendekreis von 8,6 Metern – laut Renault der beste Wert im Segment – und die damit verbundene Wendigkeit begeisterten nicht nur beim Einparken, beim Wenden in einem Zug selbst in schmalen Wohngebietssträßchen, sondern auch während der Fahrt im engen Großstadtverkehr. Unser Testwagen war nicht nur mit Parkpiepsern, sondern auch mit einer Rückfahrkamera (im Paket 990 Euro, nicht für alle Ausstattungsvarianten) ausgestattet. So wurde das millimetergenaue Einparken zum Kinderspiel und hat bei Passanten des Öfteren für ungläubiges Staunen gesorgt, wie etwa dieser Tagebucheintrag verrät. Ein Ur-Schwabe mahnte besorgt: „Ha noi, do kommet se au mit dem Kloine net nei“ (für Nichtschwaben: „In diese Parklücke können sie selbst mit dem Kleinwagen nicht einparken“), um dann – als der Twingo perfekt zwischen einer E-Klasse und einem A4 stand, kopfschüttelnd mit einem „Ha, so ebbes“ („Das gibt‘s doch gar nicht“) weiterzulaufen.

Der Heckmotor heizt den Kofferraum auf

Doch wo Licht ist, ist bekanntlich auch Schatten und so sorgte der Heckmotor, dem der Twingo seine Wendigkeit verdankt, auch für weniger schöne Erfahrungen. So war der Kleine erst wenige Tage da, als wir nach einem Einkauf wie gewohnt die Lebensmittel im Kofferraum verstauten. Daheim dann die unschöne Überraschung: Butter und Eis waren teilweise geschmolzen, die Eier deutlich erwärmt. Klar, es war Sommer – die Temperaturen im Kofferraum waren aber nicht allein auf die Sonne zurückzuführen. Der Heckmotor ist gleichzeitig eine kleine Heizung. Was im Winter noch als Pluspunkt zu verbuchen ist, wird im Sommer zur Qual – die Klimaanlage war im Dauereinsatz. Besonders eine Fahrt ist im Gedächtnis geblieben, im Dauertest-Tagebuch wurde notiert: „Bei über 30 Grad Außentemperatur funktioniert die Klimaanlage auf einmal nicht mehr, der Twingo heizt sich sofort auf – da gibt es nur eines, alle Scheiben runter.“ Der Lärm war das kleinere Übel. Wo das Problem lag? Wir wissen es nicht. Aber nach einer Pause kühlte die Klimaanlage wieder bestens wie zuvor und das Problem trat auch nie wieder auf. Zum Glück, der Sommer war heiß! Eine Klimaanlage ist für den Twingo also ein Muss – je nach Ausstattung und Paket werden dafür 590 bis 1290 Euro fällig.

Zunächst roch es nach verschmortem Gummi

Immer mal wieder fiel uns nach einer Fahrt ein unangenehmer Geruch nach verschmortem Gummi im Heckbereich auf. Nicht immer, aber sowohl nach Kurz- wie Langstrecken, an heißen und kalten Tagen. Bei der 20.000er-Inspektion baten wir den Mechaniker, einmal die Bremsen zu checken, die waren top in Ordnung. Aber unser Geruchsproblem war in der Renault-Werkstatt bekannt, „das haben alle Twingos“, hieß es dort und es habe nichts zu bedeuten. Da der Geruch nicht im Innenraum wahrnehmbar war, haben wir uns letztendlich damit abgefunden. Nach etwa 30.000 Kilometern war er dann verschwunden.

Während bei anderen Autos nur die Motorhaube geöffnet werden muss, um Flüssigkeiten zu kontrollieren oder nachzufüllen, ist das beim Twingo etwas komplizierter. Für die Ölstandskontrolle muss der Kofferraum leer sein, die Isolierung ist mit sechs Schrauben zu lösen – auch der korrekteste Autofahrer macht dies nicht häufiger als nötig! Scheibenwischwasser wird zum Glück vorne eingefüllt, die Klappe muss aber ausgehängt werden, eine fitzelige Angelegenheit.

Großes Gepäck muß auf den Rücksitz

Dem Prinzip Heckmotor fiel die aus den Vorgängermodellen bekannte Variabilität mit der verschiebbaren Rückbank zum Opfer – der Kofferraum hat so ein fixes Volumen von 219 Litern. Es sei denn, die Rücksitze werden umgeklappt. Überraschenderweise stellten wir trotzdem immer wieder fest, dass der Franzose ein kleines Raumwunder ist – auch dank optimaler Platzausnutzung. So passt etwa noch einiges an Kleinkram unter die Rücksitze, Verbandtasche oder Scheibenenteiser für den Winter ist hier immer griffbereit. In den vier Türen finden auch große Wasserflaschen Platz und im Handschuhfach sowie dem geschlossenen Ablagefach in der Mittelkonsole hatten wir all jenen Kleinkram, vom Müsliriegel für lange Staufahrten über die Parkscheibe bis zur Stofftasche für spontane Lebensmitteileinkäufe verstaut, für die – zumindest in Kleinwagen – oft kein Platz da ist. Aber auch mit großem Gepäck kommt der Twingo zurecht. So können zwei Personen locker in den Urlaub starten – werden die Koffer auf der Rückbank angeschnallt, passt alles, was man sonst noch so benötigt, problemlos in den Kofferraum. Inklusive Zelt, Isomatten, Proviant und Gitarre.

Geteilte Meinungen über den Sitzkomfort

Klingt nach großer Reise und langer Fahrt? Der Twingo ist zwar ein Stadtauto durch und durch, aber er hat sich durchaus auch auf der Langstrecke bewährt. Gelobt werden muss zum Beispiel der Sitzkomfort, über den die Tester zwar geteilter Meinung waren – das scheint aber eher eine Altersfrage zu sein. Oder ist der Twingo doch ein Frauenauto? So heißt es im Tagebuch einmal: „Vor der Fahrt hatte ich etwas Sorge, dass man die Langstrecke nicht gut übersteht. Ich muss aber zugeben, dass die Sitze sehr bequem und die Fahrten ohne Rückenschmerzen oder andere Beeinträchtigungen möglich waren.“ An anderer Stelle steht schlicht und einfach: „Die Sitze sind eine Zumutung.“ Fakt ist, die jüngeren weiblichen Tester waren von den Sitzen begeistert, die älteren männlichen eher nicht.

Der Renault Twingo reagiert schnell auf Seitenwind

Im Stadtverkehr begeistert der Franzose durch seine Wendigkeit und Spritzigkeit. Auf der Autobahn hingegen stößt der Dreizylinder-Motor mit 90 PS zuweilen an seine Grenzen. Auch bei moderater Beladung hat er bergauf relativ wenig zuzusetzen, am wohlsten fühlt er sich, wenn er bei etwa 120 bis 130 km/h im Verkehr mitschwimmen kann. Ein typischer Franzose, fürs Tempolimit in unserem Nachbarland ist die Motorisierung genau richtig. Auf hiesigen Autobahnen fehlt mitunter etwas Schwung, um auch mal zügig überholen zu können. Wobei, Überholvorgänge sind nicht ohne, zumindest wenn Lkw im Spiel sind. Obwohl der Twingo serienmäßig mit einem Seitenwindassistenten ausgestattet ist, ist er arg anfällig für plötzliche Böen. „Muss ein Lkw überholt werden oder geht es auf der Autobahn über eine Brücke, muss man das Lenkrad ziemlich gut festhalten, damit der Twingo in der Spur bleibt“, ist im Testwagen-Tagebuch notiert.

Auf Autobahnen wird der Twingo durstig

Der Twingo ist für unter 10.000 Euro zu haben – unser Testwagen in der Ausstattungsvariante Intens und mit weiteren Extras wie der erwähnten Rückfahrkamera, Klimaautomatik und Metallic-Sonderlackierung kostete aber vor einem Jahr 14.860 Euro. Für einen Kleinwagen ein stolzer Preis! Dafür sind aber auch einige Features enthalten, die vor allem Vielfahrern das Leben angenehm machen. So nutzten wir oft und gern den Limiter, der uns bestimmt den ein oder anderen Strafzettel erspart hat – es ist einfach angenehmer, den Tacho – zum Beispiel in der 30er-Zone – nicht immer im Auge behalten zu müssen.

Auch ist mit dem Limiter (oder dem Tempomat, ganz nach persönlicher Vorliebe) bei langen Autobahnfahrten eine gleichmäßigere Fahrweise möglich – das zeigt sich am Spritverbrauch! Der war nämlich leider für unseren Geschmack für einen Kleinwagen zu hoch. Was aber auch den häufigen Langstrecken geschuldet war, ab 120 km/h braucht der Motor ordentlich Benzin. Am Ende unseres Dauertests stehen fast 40.000 Kilometer auf dem Tacho, doch diese Laufleistung sieht man dem kleinen Franzosen mit keinem Blick an. Die Sitzbezüge sind nach wie vor top, der Lack glänzt wie am ersten Tag. Lediglich die weißen Türfächer haben sich etwas verfärbt.

Fazit: Der Renault Twingo, im übrigen baugleich mit dem Smart Forfour, hat zwar so gut wie nichts mehr mit seinen Vorgängern gemeinsam, gleichzeitig ist aber doch die wichtigeste Eigenschaft geblieben: Er erobert immer noch die Herzen und das nicht allein mit seinem knuffigen Äußeren. Vor allem für die Stadt ist er perfekt – und so lautet der letzte Eintrag im Testwagentagebuch auch etwas wehmütig: „Spätestens beim nächsten Einparken in einer engen Parklücke werde ich den Kleinen und diesen unschlagbaren Wendekreis vermissen!“

Das sagt Renault zu ...

... dem Prinzip Heckmotor, zur Seitenwindempfindlichkeit und weiteren Kritikpunkten der ACE LENKRAD-Leser am Renault Twingo.

Der Twingo im Leserurteil

Das Fazit der Leserzuschriften: „Dem Twingo fliegen die Herzen zu“

Technische Daten - Renault Twingo Energy TCe90

Hubraum cm3

898

Zylinder/Schadstoffklasse

3/Euro 6

Leistung kW(PS)/min-1

66/90/5500

max. Geschwindigkeit km/h

165

0 bis 100 km/h s

10,8

Karosserie

Kleinwagen

Länge/Breite/Höhe mm

3595/1647/1557

Radstand mm

2492

Spurweite vorne/hinten mm

1431/1443

Leergewicht kg

1018

Zuladung kg

364

Dachlast kg

60

Wendekreis m

8,6

Kofferraum (VDA) l

219-980

Reifendimension vorn

165/65 R 15

Reifendimension hinten

160/60 R 15

Tankinhalt/Reichweite l/km

35/814

Verbrauch

Verbrauch EG-Mix l/100 km

4,3 S

ACE-Testverbr. Min l/100 km

5,8 S

ACE-Testverbr. Max. l/100 km

8,1 S

ACE-Testverbr. Schnitt l/100 km

6,7 S

ACE-Verbr. Referenzstr. l/100 km

6,1 S

Kohlendioxid-Ausstoß g/km

99

Preise/Unterhalt

Kfz-Steuer in Euro

26

Typklassen HK/VK/TK?

15/17/18

Haftpflichtversicherung* in Euro

610,38

Vollkaskoversicherung* in Euro

1048,19

Basispreis in Euro

11.990

Testwagenpreis in Euro

14.860

Schätzpreisin Euro nach 37.844 km

9700

*SF-Klasse 1, TK 150 Euro Selbstbeteiligung, VK 500 Euro SB, 15.000 km p.a., Region Stuttgart, Beträge sind Durchschnittswerte der zehn günstigsten Anbieter.