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Autos gelten heutzutage als sicherer denn je. Doch diese Sicherheit basiert bis heute fast ausschließlich auf dem Körper eines Mannes. Crashtest-Dummys wurden jahrzehntelang nach den Maßen männlicher Körper gebaut – mit messbaren Folgen für Frauen. Warum Frauen ein höheres Verletzungsrisiko tragen und warum das immer noch ein Problem ist, zeigt ein Blick hinter die Kulissen der Crashtest-Dummy-Entwicklung. Und in die Welt der dazugehörigen Normen.
Crashtest-Dummys wurden ursprünglich zum Schutz männlicher Piloten der US-Luftwaffe gebaut. Weibliche Piloten waren damals Fehlanzeige. Auch im Auto bleiben Männer bis heute das Maß aller Dinge.
Der sogenannte 50-Perzentil-Mann repräsentiert mit einer Körpergröße von 1,75 m und 77,7 kg den Median aller Männer aus den 70er-Jahren der USA. Das bedeutet: Die eine Hälfte der Männer ist kleiner, die andere Hälfte ist größer. Auf diesen Maßen basiert der heute weltweit am meisten verbreitete Dummy „Hybrid III 50th“.
Seit den 70er-Jahren gibe es auch eine Crashtest-Familie. Neben dem 50-Perzentil-Mann gibt es noch die 5-Perzentil-Frau und den 95-Perzentil-Mann. Zudem gibt es auch spezielle Kinder-Dummys.
Die 5-Perzentil-Frau mit den Maßen von 1,51 m und einem Gewicht von 49 kg ist aber kein Pendant zum 50-Perzentil-Mann. Sie versucht nicht, eine Art Mittelwert zu repräsentieren, sondern dient wie der 95-Perzentil-Mann dazu, zumindest die extremsten Unterschiede zu berücksichtigen. So sind nur 5 Prozent aller Frauen noch kleiner als die 5-Perzentil-Frau und nur noch 5 Prozent aller Männer größer als der 95-Perzentil-Mann.
Die Fahrzeugsicherheit in Europa ist über die sogenannte General Safety Regulation GSR – eine „Allgemeine Sicherheitsverordnung“ – gesetzlich geregelt. Konkret sind in der UN-Regelung 137 der Europäischen Wirtschaftskommission UNECE, die für die Festlegung von Normen zuständig ist, Tests mit dem 50-Perzentil-Mann und der 5-Perzentil-Frau vorgeschrieben. Was fehlt, ist die 50-Perzentil-Frau.
Darüber hat sich auch Astrid Linder gewundert. Sie ist Professorin am Schwedischen Nationalen Straßen- und Transport-Forschungsinstitut. Im Rahmen eines EU-Projekts namens ADSEAT (Adaptive Seat) und in Zusammenarbeit mit dem führenden Hersteller von Crashtest-Dummys Humanetics hat sie 2012 EvaRID entwickelt. RID steht für Rear Impact Dummy. Ein weiblicher 50-Perzentil-Dummy für Heck-Auffahrunfälle, allerdings in rein virtueller Form. Als physischen Crashtest-Dummy in Serienproduktion gibt es ihn nicht. Zudem wurde EvaRID – wie im Übrigen jeder andere Dummy auch – für eine bestimmte Unfallart entwickelt, in diesem Fall zur Bewertung von Schleudertraumata.
Und: Virtuelle Crashtest-Dummys wie EvaRID sind (noch) keine Lösung. Um wirklich verlässlich Schlüsse für die Fahrzeugsicherheit aus einem Crashtest zu ziehen, braucht es zumindest für die nächsten zehn bis 20 Jahre weiterhin reale, physische Dummys. Virtuelle Tests können bislang „nur“ dazu beitragen, die Entwicklung physischer Crashtest-Dummys effizienter und effektiver zu gestalten.
Immerhin: Ende November 2025 hat die National Highway Traffic Safety Administration (NHTSA) in den USA als erste offizielle Organisation einen weiblichen Crashtest-Dummy präsentiert. Der Thor 5-F hat u.a. ein breiteres Becken, eine weiblich geformte Brust sowie rund doppelt so viele Sensoren wie die Vorgängerversion.
Damit wurde an die Industrie ein klares Signal gesendet, dass das Thema ernst genommen wird – die Ausreden von Herstellern oder anderen Organisationen, es gäbe ja gar keinen offiziell empfohlenen Dummys für Frauen, sind damit hinfällig. Zumal neben dem Dummy auch sämtliche technischen Daten und Details von der NHTSA veröffentlicht wurden, was andere Hersteller dazu animieren dürfte, den Dummy nachzubauen und ebenso anzubieten.
Experten gehen auch davon aus, dass dies den Druck auf die Euro NCAP erhöht, einen weiblichen Dummy in die Test-Standards zu integrieren. Die Euro NCAP (European New Car Assessment Programme) ist eine Gesellschaft aus Versicherungsverbänden, europäischen Verkehrsministerien und Automobilclubs. Sie führt Crashtests für neue Automodelle durch und bewertet diese auf ihre Sicherheit. Alle Ergebnisse der NCAP-Crashtests sind online kostenlos abrufbar. Bislang arbeitet die Organisation zur Durchführung von Crashtests in Europa nur mit männnlichen Dummies, die weibliche Attribute simulieren.
Aber: Auch der Thor 5-F ist wieder nur ein 5-Perzentil-Dummy. Zur Erinnerung: Nur 5 Prozent aller Frauen sind kleiner, als die Maße des 5-Perzentil-Dummys. Es fehlt nach wie vor ein Pendant zum 50-Perzentil-Mann. Und die Verwendung dieses Dummys ist noch nicht gesetzlich vorgeschrieben. Dazu gibt es allerdings eine Gesetzesinitiative im US-Kongress.
Das Fehlen eines weiblichen 50-Perzentil-Dummys liegt laut Thomas Kinsky, Leiter der Unternehmensentwicklung bei Humanetics Europe, vor allem an der mangelnden Nachfrage des Marktes, also der Autohersteller und der Testlabore. „Niemand garantiert uns, dass wir einen weiblichen 50-Perzentil-Dummy wirklich verkaufen“, erklärt er. Zudem sei der Markt mit den gängigen Crashtest-Dummys gesättigt. Und die bereits im Markt vorhandenen Dummys würden so lange wie nur irgendwie möglich genutzt.
Denn ein Crashtest-Dummy kostet Geld. Viel Geld. Ein einzelner kann je nach Anzahl der Sensoren und je nach Aufbau bis zu einer Million Euro kosten. So gibt es z. B. selbst vom derzeit weltweit amweitesten verbreiteten Crashtest-Dummy Hybrid III 50th nur rund 1.000 Stück. Crashtest-Dummys sind ein rares Gut. Kein Wunder, dass Autohersteller lieber auf bereits vorhandene Ressourcen setzen. Zumal sie laut Norm bislang niemand zwingt, auch einen für den weiblichen Körperbau optimierten Crashtest-Dummy bei den Tests zu verwenden.
Was aber hindert die Politik daran, ihre Normen zu ändern? Astrid Linder hat dazu in den vergangenen 20 Jahren immer wieder neue Erklärungen gehört. Es wäre zu teuer, zu kompliziert und zu aufwendig. Und es wäre fragwürdig, ob speziell für Frauen entwickelte Crashtest-Dummys überhaupt eine Verbesserung erzielen würden. Für sie ist trotzdem klar: „Wir haben alles, was wir brauchen. Wir müssten es einfach nur machen.“
Wer sich in der Szene umhört, bekommt in der Tat eine Menge Gegenargumente präsentiert. Betrachtet man z. B. nur die tödlichen Unfälle, haben Frauen mit 24,1 Prozent laut der Online-Statistik-Plattform Statista ein deutlich geringeres Risiko zu verunglücken als Männer mit 75,9 Prozent. Insgesamt waren Ende 2019 49,3 Prozent der Bevölkerung männlich und 50,7 Prozent weiblich. Diesen Befund bestätigen Statistiken aus anderen Ländern.
Zudem weist die Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt), ein technisch- wissenschaftliches Forschungsinstitut des Bundesministeriums für Digitales und Verkehr, darauf hin, dass es laut der aktuelleren internationalen Studien bei neueren Fahrzeugen (ab 2010 bzw. 2015) bei schweren und tödlichen Unfällen kaum mehr geschlechtsspezifische Unterschiede und damit keinen Gender Gap gibt.
Problem also gelöst? Nicht ganz.
Aufbau eines Crashtest-Dummys:
Laut vielen weiteren Studien und Untersuchungen ist das Risiko von Verletzungen für Frauen größer als für Männer. Das betrifft unter anderem die Verletzungen an Armen und Beinen, aber vor allem auch das Risiko, bei einem Heckaufprall ein Schleudertrauma zu erleiden. Zumindest dieses erhöhte Schleudertrauma-Risiko wird von allen Experten anerkannt.
Umstrittener hingegen sind zumindest die Gründe, warum Frauen häufiger verletzt sind. Lars Hannawald, Professor von der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Dresden, gilt als Experte für Unfallforschung und Crashtest-Dummys. Er weist darauf hin, dass Frauen häufiger kleinere Autos mit einer geringeren Sicherheitsausstattung fahren als Männer und häufiger in der Stadt unterwegs wären. Beide Faktoren würden wohl eher die Wahrscheinlichkeit eines Schleudertraumas begünstigen: Zudem sind Passagiere in kleinen Autos schlechter dagegen geschützt. „Ich kenne keine Untersuchung oder Studie, die das berücksichtigt“, sagt Hannawald.
Und: Betrachtet man den aktuellen Bevölkerungsdurchschnitt der Frauen und Männer in Deutschland, so liegt der Durchschnitt der Frauen sogar näher am männlichen 50-Perzentil-Dummy als der Durchschnitt der Männer, denn beide Geschlechter würden immer größer. Es würden also weniger die Größe und das Gewicht, sondern viel mehr der Körperbau eine Rolle spielen. Dem stimmt auch Astrid Linder zu.
Das am meisten genannte Gegenargument aber ist, dass es unsicher sei, ob sich der Aufwand auch rechnen würde. „Die Entwicklung eines neuen Dummys ist sehr teurer, aufwendig und langwierig. Die notwendigen Validierungstests wie z. B. Schlitten- und Komponentenversuche sowie Fahrzeugtests, Untersuchungen zu Wiederholbarkeit und Reproduzierbarkeit oder auch die Definition von Verletzungs-/Schutzkriterien können nur in internationalen Konsortien erfolgen. Insgesamt wird das 10 bis 20 Jahre dauern“, schreibt Dipl.-Ing. Bernd Lorenz, Referatsleiter für Passive Fahrzeugsicherheit und Biomechanik bei der Bundesanstalt für Straßenwesen BASt. Thomas Kinsky schätzt, dass die Kosten dafür mindestens im zweistelligen Millionenbereich liegen.
Astrid Linder hat diese Herausforderung angenommen. Als Beweis, wie einfach es wäre, hat sie ein weiteres von der EU gefördertes Projektinitiiert und gemeinsam mit Kollegen selbst eine physische 50-Perzentil-Frau namens VIVA+ für die Validierung von Fahrzeugsitzen beim Heckaufprall gebaut. Und diesen sogar dem für die Änderung der Gesetze zuständigen Komitee UNECE, der Wirtschaftskommission für Europa der Vereinten Nationen, präsentiert. Passiert ist daraufhin noch nichts.
„Wie viele Frauen müssen noch verletzt werden, bevor wir mit der Entwicklung starten?“, fragt Astrid Linder. Für sie gibt es nur einen einzigen Grund, warum bisher kein Standard-Dummy für die 50-Perzentil-Frau entwickelt wurde: „Es liegt an uns, an der Gesellschaft, diese Entwicklung einzufordern“, sagt sie. Die Industrie würde sich niemals von selbst dazu verpflichten, ist sie sich sicher. Thomas Kinsky stimmt ihr zu: Ein weiblicher 50-Perzentil-Dummy wäre – Stand heute – nicht betriebswirtschaftlich.
Ursprünglich gebaut, um Leben zu retten, wurden erst in den späten 90er-Jahren auch nicht-tödliche Verletzungen in Crashtests untersucht. Unter Experten ist umstritten, wie sehr Crashtest-Dummys mit ihrer limitierten Sensorik dazu beitragen können, Verletzungen gezielt zu erfassen.
So ist z. B. Bernd Lorenz von der BASt sind gegenüber der Entwicklung von weiblichen Crashtest-Dummys so zögerlich, weil bei Frauen lediglich ein höheres Verletzungsrisiko bei einem Heckaufprall als statistisch gesichert gilt. Die viel häufigeren Frontal- und Seitencrashs sowie andere Bevölkerungsgruppen wie Senioren oder übergewichtige Personen haben für die Forschung Priorität.
Eine echte Notwendigkeit, z. B. das anatomisch unterschiedlich gebaute weibliche Becken zu schützen, sieht Lorenz dagegen beim autonomen Fahren: In der liegenden Sitzposition wäre dieses möglicherweise speziell zu schützen. Die Ressourcen zur Entwicklung würde er lieber dafür aufwenden.
Immerhin gibt es im Rahmen der für die Gesetzes-Entwicklung zuständigen UNECE erste Bemühungen, zumindest die Datenlage, auch bezüglich einer möglichen Gender-Thematik beim Seiten- und Frontaufprall, zu verbessern. Zudem beschäftigt sich eine informelle Arbeitsgruppe damit, die Entwicklungen für mehr Gleichberechtigung beim Schutz von Passagieren zu evaluieren und voranzutreiben. Auch der EU-Verkehrsausschuss setzt sich dafür ein, dass bei Crashtests ein weiblicher Dummy gesetzlich vorgeschrieben wird. Der ACE unterstützt dieses Anliegen. Und auch die Entwicklungen in den USA könnten einen weiteren Schub auslösen.
Bis dahin bleibt nur zu hoffen, dass sich möglichst viele Verbraucherinnen und Verbraucher an der Diskussion beteiligen, um eines Tages beim Autokauf fragen zu können: „Ist die Sicherheit der Passagiere wirklich für die gesamte erwachsene Bevölkerung getestet?“