Fahrbericht:

Citroën C4 Cactus – Der Kaktus, der nicht mehr sticht, sticht, sticht

08.11.2018

Mit nur noch zierlichen „Air Bumps“ hat der C4 viel von seiner Eigenständigkeit verloren. Das ist zwar schade, überrascht aber auch ein bisschen, denn seine eigentlichen Qualitäten hat der Franzose nach dem Update behalten.

Schon mal in einen Kaktus gesetzt? Nein? Ich bisher auch noch nicht – zum Glück! Aber in einen Cactus, da hab‘ ich mich in den vergangenen Wochen gerne gefläzt. Denn hier piekst, kratzt und sticht nichts. Während viele Hersteller immer mehr Wert auf „Sportlichkeit“ legen, was dann meist ein bretthartes Fahrwerk ergibt, geht Citroën einen komplett anderen Weg. Der Cactus soll bequem und genau dadurch andersartig sein. Und ist das auch – ab der ersten Sekunde.

Bequemer Einstieg ins weiche Polster

Wer also den gemütlichen C4-Salon betritt, wird schon beim Einstieg belohnt: Weder muss der Fahrer nach oben klettern, wie bei den beliebten Crossovern nach SUV-Bauart (Fiat 500X, Renault Captur und Co.). Noch zwingt er dazu, den Kopf einzuziehen und nach unten zu steigen, wie das bei den sportlich angehauchten Kompakten rund um Alfa Giulietta, BMW 1er, Mercedes A-Klasse, etc. der Fall ist.

Nein, der C4 ist auf Augenhöhe mit dem Fahrer – oder besser den Passagieren. Denn im C4 fühlt man sich manchmal, als würde man nur mitfahren. Aber dazu später mehr. Die Sitzhöhe passt, die Passagiere vorne und hinten können ganz bequem einsteigen und sich auf die Sessel niederlassen. Auf die Sessel? Ja, richtig gelesen, denn ein anderes Wort passt für die Sitzmöbel zumindest in der ersten Reihe nicht. Wer hier Platz nimmt, wird vielleicht den Seitenhalt vermissen, an Sitzbreite mangelt es dagegen nie.

Für die Pobacken hat Citroën ganz neue Sitze eingebaut. Das Spezielle an ihnen ist ein neu entwickelter Polsterschaum. Und die Franzosen geben einen aus! Ungefähr eineinhalb Fingerbreiten mehr Schaumstoff als bei herkömmlichen Sitzen spendiert Citroën (15 mm), dadurch fläzt es sich auf Kurzstrecken sehr bequem. Selbst bei längeren Etappen wird es von unten nie unangenehm. Wer Probleme mit dem Sitzen hat, sollte das unbedingt mal ausprobieren – und wenn es nur im Autohaus ist.

Viel Platz für Passagiere und Gepäck und originelle Hingucker im Innenraum

Die Sessel sind übrigens sogar so breit, dass man fast zu zweit drauf passt. Das hingegen sollte man lieber nicht ausprobieren – zumindest nicht im Straßenverkehr. Denn – egal wie breit die Sessel sind – der C4 Cactus bleibt natürlich ein Fünfsitzer. Und diesen Job erledigt er gut. Klar, der fünfte Platz, also hinten in der Mitte, ist eigentlich nur ein Notsitz. Auf langen Strecken wird hier niemand glücklich. Doch zwei Erwachsene und zwei Kinder plus Gepäck schluckt der kompakte Franzose locker. 385 Liter gehen in den Kofferraum, was stört ist die etwas hohe Ladekante. Aber sie hat auch Vorteile: Aus dem Kofferraum fällt nichts heraus – wenn der Sohnemann beispielsweise mal wieder sein Dreirad mitnehmen möchte.

Im Innenraum dürfen sich die Passagiere an der gelungenen Gestaltung erfreuen. Denn obwohl der C4 innen eigentlich äußerst minimalistisch gehalten ist, finden sich liebevolle Details, zum Beispiel Türgriffe als Schlaufen oder die Verriegelung des Handschuhfachs mit einer Art Kofferschnalle. So entsteht ein luftiger, gut aufgeräumter Salon. Wer es etwas heller haben möchte, investiert 490 Euro in das Panorama-Glasdach, das sich jedoch leider nicht ganz verdunkeln lässt.

Vom übersichtlichen Cockpit lassen sich alle Systeme bequem bedienen

Minimalistisch sind übrigens auch die Displays gehalten. Zwar findet sich hinter dem Lenkrad ein vollständig digitales Display. Doch Citroën begeht nicht den Fehler, hier möglichst viele Informationen unterzubringen. „So viel wie nötig, so wenig wie möglich“ lautet offensichtlich die Devise und sie geht auf. Der Fahrer weiß, wie schnell er fährt, wie viele Kilometer er heute schon zurückgelegt hat, wie weit er noch kommt und welches Tempolimit gilt. All diese Infos sind schlicht in rot und weiß vor dem dunklen Hintergrund gehalten, so lassen sie sich jederzeit gut ablesen. Weniger ist ganz klar mehr! Citroën tut gut daran, Infos zu Navigation, Radio und Co. in die Mitte auf den sieben Zoll großen Monitor zu verschieben.

Drei Tasten links (Musik, Navigation, Temperatur), drei Tasten rechts (Telefon, Apps, Fahrzeug) ermöglichen die schnelle und intuitive Bedienung. Dazu kommt noch ein Drehknopf für die Lautstärke von Musik und Navigation. Ebenfalls an Bord ist das integrierte Navi von TomTom. Es überzeugt im staugeplagten Stuttgarter Alltag mit guten Alternativrouten-Vorschlägen und klaren Ansagen. Apple CarPlay und Android Auto sind bei unserem Testwagen ebenfalls an Bord. Rund um das Infotainment bleibt damit kein Wunsch offen. Lediglich die Klimaregelung funktioniert leider nur über das Display und ist deshalb etwas fummelig. Doch wer sich daran gewöhnt hat, kommt auch damit klar.

Motoren und Komfortfahrwerk sorgen für ein angenehmes Fahrgefühl im Cactus

Klar kommt man auch mit dem Motor. Der von uns gefahrene Benziner mit 110 PS reißt im Zusammenspiel mit dem 6-Gang-Automatik-Getriebe zwar keine Bäume aus. Für einen Kaktus würde es aber sicherlich reichen. Das ist angemessen, denn ein sportlicher Antritt würde auch nicht zum Charakter des Franzosen passen. Alternativ gibt es noch einen 131 PS starken Benziner sowie einen Diesel mit 99 PS. Der 110-PS-Benziner ist die günstigste Variante, ab 17.490 Euro geht es los. Der Diesel kostet einen Aufpreis von 3300 Euro (ab 20.790 Euro), der Benziner mit 131 PS kostet neu mindestens 20.190 Euro. Im Alltag lag der Verbrauch bei etwas über sechs Litern.

Wichtiger als die Motordaten ist aber ohnehin die Frage, was Citroën unternommen hat, um seine nicht mehr erhältliche Hydropneumatik zu ersetzen. Die Antwort ist ganz einfach: Citroën hat für das Facelift ein neues Komfortfahrwerk („Active Comfort“) entwickelt. Es bügelt Unebenheiten so elegant weg, dass man sich wirklich wie auf dem fliegenden Teppich fühlt. Früher oder später führte das bei uns Testern sogar dazu, dass wir jedes Schlagloch gesucht haben, um das Fahrwerk zu testen. Das böse Erwachen kam erst später. Nämlich beim Umstieg in unsere anderen Testwagen ohne „Active Comfort“.

Insgesamt gibt es beim C4 Cactus also nur wenig zu bemängeln. Citroën ist ein rundum angenehmer Gleiter und damit ein schöner Kontrastpunkt zum automobilen Allerlei gelungen. Nur stechen tut er nicht mehr – auch nicht optisch. Vielleicht heißt die nächste Generation ja C4 Cushion – also Kissen oder Polster. Passen würde es, nur darf Citroën das Design nicht noch stärker verwässern. Es könnte sonst einschläfernd wirken.