13.06.2022

Vision Zero – Jedes Unfallopfer ist eines zu viel

Das Ziel Vision Zero – also null Verkehrstote – muss ein zentraler Bestandteil der Mobilitätswende sein. Zuletzt gingen die Unfallzahlen bundesweit zurück. Doch Experten sehen darin keinen echten Trend – und fordern mehr Anstrengungen für die Verkehrssicherheit. Wir zeigen aktuelle Herausforderungen und Lösungsansätze.

Zum Jahrestag des Unglücks haben Menschen an der Unglücksstelle Blumen niedergelegt. „Radfahrerin, 37 Jahre“ steht auf einem weiß angestrichenen Fahrrad am Straßenrand der Frankfurter Allee in Berlin-Friedrichshain. Ghost Bikes werden die Mahnmale genannt, die an Personen erinnern, die mit ihrem Rad tödlich verunglückt sind.

40 Verkehrstote in Berlin trotz hoher Priorität für Verkehrssicherheit

Die junge Frau war Ende Mai 2021 vom Fahrer eines Sattelzugs übersehen und überfahren worden. Sie ist eine von 40 Menschen, die im vergangenen Jahr im Berliner Straßenverkehr starben.

Dabei steht die Verkehrssicherheit in der Hauptstadt weit oben auf der Agenda. Eine Vielzahl von Akteuren und Initiativen setzt sich hier für eine Verkehrswende ein.

Eines der Hauptziele: mehr Platz und Rücksicht auf schwächere Verkehrsteilnehmer wie Fußgänger, Rad- oder auch Motorradfahrer.

Die Technik in Autos kann nicht alle tödlichen Unfälle verhindern

Aber auch Autofahrer kommen in Deutschland bei Unfällen regelmäßig ums Leben oder werden schwer verletzt. Zwar wurden Neuwagen durch strenge Crashtest-Standards und moderne Assistenzsysteme immer sicherer. Doch kann die Technik nicht alle tödlichen Unfälle verhindern. Häufige Ursache ist und bleibt schlichtweg menschliches Versagen.

Ziel des ACE: Vision Zero

Ein zentraler Baustein für die Verkehrspolitik ist für den ACE deshalb Vision Zero – also null Verkehrstote im Straßenverkehr. Doch um den Schutz aller Verkehrsteilnehmerinnen und -teilnehmer zu fördern, sind weitreichende Ansätze erforderlich.

„Das Ziel von Vision Zero muss im Rahmen der Fahrzeugtechnik, der Infrastruktur und des Straßenbaus, bei der Gesetzgebung und der Verkehrsüberwachung sowie im Bereich der Mobilitätsbildung mit konkreten Maßnahmen erreicht werden“, sagt Kerstin Hurek, Leiterin des Stabs Verkehrspolitik beim ACE. „Übergreifend gedacht, kann die Anzahl der im Straßenverkehr Getöteten und Verletzten weiter gesenkt werden.“

Erfreulich: Zahl der Verkehrstoten auf historischem Tiefstand

Dabei gaben die Unfallzahlen zuletzt Hoffnung: Nicht nur in Berlin sank die Zahl der verunglückten Personen auf den niedrigsten Stand seit 30 Jahren. Bundesweit gab es mit 2569 Toten im Straßenverkehr einen historischen Tiefstand. Zum Vergleich: Im Jahr 2000 waren es noch etwa drei Mal so viele Verkehrstote.

Eine Grafik des Statistischen Bundesamtes (pdf) zeigt die Entwicklung seit 1953.

Aber: Wohl keine langfristige Entwicklung

„Das ist erst einmal erfreulich. Aber es ist kein Trend, auf dem wir uns ausruhen könnten“, sagt der Unfallforscher Siegfried Brockmann. Denn: Der Hauptgrund für den Rückgang der Unfallzahlen, da sind sich die Experten einig, war die Corona-Pandemie.

Durch Kontaktbeschränkungen und Homeoffice gab es zeitweise einfach viel weniger Verkehr auf den Straßen. Inzwischen sind die meisten Corona-Auflagen aufgehoben, was sich auch an einem erhöhten Verkehrsaufkommen zeigt. „2022 gehen die Unfallzahlen wieder nach oben“, das prophezeit Siegfried Brockmann.

Neue Herausforderungen durch die Verkehrswende

Zudem birgt die angestrebte Verkehrswende auch neue Gefahren. Beispiel Fahrradverkehr: Der hat deutlich zugenommen, was erst einmal eine gute Nachricht für staugeplagte Großstädte ist. Über 80 Prozent der Deutschen nutzen das Fahrrad, 55 Prozent halten es für ein unverzichtbares Verkehrsmittel, wie das Bundesverkehrsministerium jüngst mitteilte: „Immer mehr Menschen verzichten vor allem bei Distanzen von bis zu 15 Kilometern auf ihr Auto und nehmen stattdessen das Fahrrad. Gut so!“

Sichere Radwege fehlen

Doch ganz so einfach ist es in der Praxis nicht. Die Infrastruktur, die jahrzehntelang auf den Autoverkehr ausgerichtet war, kann nämlich nicht so schnell umgebaut werden, wie es der Trend zum Zweirad erfordern würde.

Gerade im Großstadtverkehr fehlt es oft an geschützten und ausreichend breiten Radwegen, dadurch müssen Fahrradfahrerinnen und -fahrer auf die Straße ausweichen. Das birgt Gefahren. „Hauptunfallgegner für Fahrradfahrende sind nicht andere Fahrräder, sondern Autos“, so Unfallforscher Brockmann.

Radfahrende an Kreuzungen besser schützen

An Kreuzungen etwa verunglücken Radfahrende besonders häufig und schwer, wenn sie von rechtsabbiegenden Fahrzeugen übersehen werden.

Helfen würden geschützte Kreuzungen nach niederländischem Vorbild – hier wird der Auto- und Radverkehr durch Schutzinseln räumlich voneinander getrennt – beziehungsweise baulich getrennte Radwege, auf denen Radfahrerinnen und Radfahrer Kreuzungen erreichen können, wie sie der ACE fordert. Doch der Umbau von Kreuzungen kostet Geld und Zeit und verläuft vielerorts schleppend.

Auch Zwischenlösungen wir Popup-Bikelanes müssen sicher sein

Als Zwischenlösung richtete zum Beispiel der Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg temporäre Radstreifen ein. Pop-up-Bikelanes bieten kurzfristig mehr Platz zum Radeln, andere Großstädte wie München oder Hamburg folgten dem Beispiel.

Doch wie anfällig übereilte Lösungen sein können, zeigt wiederum der Unfall auf der Frankfurter Allee in Berlin Friedrichshain. Die 37-jährige Radfahrerin verunglückte dort vergangenes Jahr etwa 20 Meter hinter der Stelle, wo der Radfahrstreifen vom Gehweg plötzlich auf die Straße schwenkte.

Dort hatte der Bezirk einen Pop-up-Radweg eingerichtet, wo die Radfahrerin einem haltenden Lieferwagen ausweichen musste. „Für den Fahrer des Sattelzugs kam die Frau praktisch aus dem Nichts“, sagt Unfallforscher Siegfried Brockmann und wirft den Behörden Planungsversagen vor.

Nachhaltige Lösungen sind gefragt

Maßnahmen auf dem Weg zu Vision Zero müssen also gut durchdacht sein. Beim Thema Verkehrssicherheit ist nicht nur Tatkraft, sondern auch Nachhaltigkeit gefragt. Dabei lassen sich manche Instrumente schneller umsetzen, für andere braucht es mehr Planungszeit.

Tempolimit

Ein Tempolimit von 130 km/h auf Autobahnen, wie es der ACE auf seiner Hauptversammlung 2019 als erster deutscher Autoclub forderte, erfordert keine aufwendigen Infrastrukturmaßnahmen. Es ließe sich schnell, kostengünstig und sofort wirksam einführen.

Untersuchungen zeigen, dass die Anzahl der Getöteten bei Geschwindigkeitsunfällen auf Autobahnen auf Strecken ohne Tempolimit höher ist als auf Strecken mit Tempolimit. „Ein Tempolimit hätte somit positiven Einfluss auf die Verkehrssicherheit und steht damit ganz im Zeichen der Vision Zero“, unterstreicht Kerstin Hurek.

Bundes- und Landstraßen

Hier führen Baumunfälle und riskante Überholmanöver besonders häufig zu schwersten Unfallfolgen besteht Handlungsbedarf. Intelligentes Management von Verkehrsflüssen und die verstärkte Vernetzung zwischen Verkehrssystemen und -teilnehmenden kann hier die Verkehrssicherheit erheblich verbessern.

Wird durch das neue Verfahren „Section Control“ die Geschwindigkeit nicht punktuell, sondern auf ganzen Straßenabschnitten überwacht, gehen Unfallzahlen Untersuchungen zufolge zurück.

Tempolimits innerorts

Und innerorts kann es ebenfalls gute Argumente für einen langsameren Straßenverkehr geben, etwa an Schulen, Kitas oder Wohneinrichtungen für ältere Menschen. „An diesen Stellen sollte ein Tempolimit von 30 km/h unter Einbeziehung der Bürgerinnen und Bürger vor Ort eingeführt werden“, fordert der ACE.

Infrastrukturmaßnahmen

Selbst Infrastrukturmaßnahmen für mehr Verkehrssicherheit sind nicht zwangsläufig kompliziert und kostenaufwendig. „An den bekannten Unfallhäufungsstellen hilft manchmal schon eine einfache Maßnahme wie eine getrennte Ampelschaltung, um Menschen, die zu Fuß oder auf dem Rad unterwegs sind, das Leben zu retten“, sagt der Präsident des Deutschen Verkehrssicherheitsrats (DVR), Prof. Dr. Walter Eichendorf. „Und von der Bundesregierung erwarten wir, dass jetzt mit Nachdruck an der Fußverkehrsstrategie gearbeitet wird, die im Koalitionsvertrag angekündigt ist.“

Weitere Maßnahmen

  • Ausbau von Radwegen
  • Umbau von gefährlichen Kreuzungen
  • Kreisverkehre sind sicherer und übersichtlicher als Kreuzungen mit Ampelanlagen
  • höhere Bußgelder bei sicherheitsrelevanten Verstößen, beispielsweise zu schnellem Fahren oder zu wenig Abstand beim Überholen
  • einheitliche Promillegrenzen beim Alkoholkonsum
  • gesetzlich vorgeschriebener Einbau von Alkolocks in allen Kraftfahrzeugen: Diese Geräte koppeln einen Alkoholmesser mit einer Wegfahrsperre, so dass Menschen unter Alkoholeinfluss mit ihrem Auto erst gar nicht losfahren können.

Weiterentwicklung von Assistenzsystemen 

Auch das Potenzial der Assistenzsystemtechnik sollten die Fahrzeughersteller voll ausschöpfen, fordert der ACE. „Dabei können wir uns nicht auf den Innovationen der Fahrzeugtechnik ausruhen, auch wenn Notbremsassistenten, Spurhalteassistenten oder Müdigkeitswarner echte Lebensretter sind“, mahnt DVR-Präsident Prof. Dr. Walter Eichendorf.

Verantwortung und Rücksichtnahme

Letztlich sei jede und jeder verantwortlich für eine sichere Mobilität, nicht nur Politik und Behörden. „Gegenseitige Rücksicht lässt sich durch nichts ersetzen.“

Wer sich an die Regeln hält, macht den Straßenverkehr sicherer

Zum diesjährigen Tag der Verkehrssicherheit am 18. Juni sagt der DVR daher „Danke! #Vision ZeroHero“. Mit der Kampagne sollen positive Verhaltensweisen im Straßenverkehr über die sozialen Medien in den Mittelpunkt gerückt werden.

„Wir danken allen 'Bei-Grün-Gehern', allen 'Schulterblickerinnen' und damit allen Menschen, die sich jeden Tag an die Verkehrsregeln halten“, erklärt der DVR und ruft zu ideenreichen, kreativen Postings zum Thema Verkehrssicherheit auf.

Denn im Alltag machten die Millionen „VisionZeroHeroes“ den Straßenverkehr für sich und andere ein Stück sicherer: „Sie unterstützen das Ziel der Vision Zero: keine Getöteten und Schwerverletzten im Straßenverkehr.“

Politik und Wirtschaft stemmen die Verkehrswende nicht allein

Oder anders formuliert: Die Verkehrswende ist ein gesamtgesellschaftliches Großprojekt, aber es setzt sich aus vielen kleinen Puzzleteilen zusammen. Die Anstrengungen, die Politik und Wirtschaft zum Vollenden dieses Verkehrswende-Puzzles unternehmen müssen, sind immens. Doch allein werden diese Akteure die Ziele der Verkehrswende nicht erreichen.

„Notwendig ist das Umdenken jedes Einzelnen“, betont Kerstin Hurek. Wichtig sei dabei, dass keine noch so klein erscheinende Maßnahme für mehr Verkehrssicherheit weggelassen wird: Denn auch sie kann relevant für das große Ganze sein.

Vision Zero muss weiterhin das Ziel bleiben

Tiefstände bei den Unfallzahlen dürften kein Automatismus sein, meint auch DVR-Präsident Prof. Dr. Walter Eichendorf: „Die Vision Zero ist hier ganz klar: Getötete sind nicht hinnehmbar. Ein Rückgang ist daher die einzig akzeptable Entwicklung.“