Fahrbericht:

Kia Ceed – Im Wolfspelz

25.08.2017

Mehr Schein als Sein? Oder einfach ein schicker Flitzer? Bei mäßig motorisierten Pkw in Sportoptik scheiden sich die Geister. Auch der Kia Ceed GT Line sieht schneller aus als er ist.

Wo Sport dransteht, ist noch längst nicht Sport drin. Weil Spoiler, dicke Kotflügel und tiefer gelegte Karosserien nicht nur den Fahrern der dynamischen Spitzenmodelle einer Marke gefallen, sind die Hersteller längst dazu übergegangen, den scharfen Look auch für die Brot-und-Butter-Varianten in ihren Modellreihen anzubieten. Meist in Form von Design-Paketen oder speziellen Ausstattungslinien. Solch ein Schaf im Wolfspelz hat seit kurzem auch Kia mit der „GT-Line“-Ausführung des kompakten Ceed im Programm. Eine gute Sache für Ästheten mit kleinem Geldbeutel – auch wenn denn die Motorisierung durchaus raubtierhafter sein könnte.

Auch Kia positioniert sich jetzt sportlich

Noch vor wenigen Jahren hätte man der damaligen grauen Maus Kia dynamische Ambitionen wohl überhaupt nicht abgenommen. Doch die Koreaner hatten einen Plan: Zunächst das Design auf Europa-Niveau bringen, dann bei Qualität und Technik gleichziehen. Und schließlich der Angriff auf dem Sportplatz. Phase drei hat kürzlich mit der Einführung des Golf-GTI-Konkurrenten Ceed GT begonnen. Durchaus als Achtungserfolg.

 Design statt purer Motorleistung

Nun geht es mit dem Ceed GT Line weiter. Mit ihm folgt Kia einem Trend, den aktuell vor allem die europäischen Hersteller vorantreiben. Wer immer die optisch hochgerüstete, aber leistungsmäßig abgespeckten Varianten auch anbietet, die Namensgebung erfolgt meist nach gleichem Muster. So findet man sportliches Design bei VW unter der Submarke R-Line, bei Audi unter S-Line, bei Mercedes heißt es AMG-Line, bei Renault GT-Line... die Liste ließe sich fortsetzen. Je nach Marke umfasst das Angebot rein optische Änderungen oder Design plus Funktionsteile.

 Anleihen bei den Topmodellen

Kia beschränkt sich beim Ceed auf Make-up – tut das aber sehr konsequent und geschmackvoll. So gibt es eine spezielle Front und hübsche Schweller außen und Alupedale sowie einen schwarzen Dachhimmel innen. Besonders gefällt die Rückansicht mit den LED-Leuchten und dem markanten Doppelauspuff. Das ganze kommt standardmäßig in der Farbe „Trackrot“ daher, die den sportlichen Anspruch weithin sichtbar unterstreicht. Insgesamt ein flottes Outfit ohne dem gefährlichen Bereich von Prollig oder „Möchtegern“ auch nur nahezukommen.

 Nur zwei Motoren in der GT-Line zur Wahl

Das wäre wohl auch ein Fehler, denn motorseitig kann der Ceed das karosserieseitige Versprechen natürlich nicht halten. Gerade einmal 88 kW/120 PS liefert die Benzinerversion, immerhin 100kW/136 PS der Diesel an die Räder. Die Koreaner haben dem Design-Modell ihre wenn auch nicht stärksten, so immerhin modernsten Motoren verpasst: Der Diesel läuft seidenweich und lässt höchstens bei Kaltstart Rückschlüsse auf sein Verbrennungsverfahren zu. Aber auch dann ist es eher ein leises Rasseln als ein lautes Nageln.

Homogener Antrieb, aber kein Sportler

Wer die Leistungsangabe im Fahrzeugschein ernst nimmt und sich vom Äußeren nicht aufs Glatteis führen lässt, kann mit dem Ceed-GT-Verschnitt durchaus leben. Denn zumindest im mittleren Drehzahlbereich geht der Diesel beherzt zu Werke. Die 300 Newtonmeter Drehmoment der Version mit dem Siebengang-Direktschaltgetriebe (beim Schalter sind es nur 280 Nm) reichen für flotte Fortbewegung allemal aus. Wer auf der Kraftwelle reiten will, muss allerdings fleißig das Sechsganggetriebe bemühen oder die Schaltarbeit dem DCT Getriebe (Aufpreis 1800 Euro) überlassen. Das wechselt die Gänge flink und ruckfrei, einzig beim Anfahren hapert es zuweilen. Vor allem in Verbindung mit der Start-Stopp-Automatik dauert es lange bis der Ceed in die Gänge kommt.

Hohe Qualitätsanmutung

Komplett gefallen kann hingegen das restliche Auto um den Motor herum. Die kürzlich erfolgte Modellpflege hat das eh schon hohe Qualitätsniveau im Innenraum noch einmal geliftet. Auch Platzangebot und Bedienbarkeit können sich mit den Besten im Segment messen. Das Fahrwerk weiß ebenfalls zu gefallen, bietet sogar einen ordentlichen Schuss Fahrspaß. Die Lenkung lässt sich in Komfort, Normal oder Sport auf den jeweiligen Geschmack anpassen und gehört mit zu den besten elektrisch unterstützten Lenkungen die es derzeit gibt. Jedenfalls zieht der Ceed ruhig und souverän seine Bahn. Allerdings ist speziell die Hinterachse schon sehr straff gedämpft, was auf schlechten Straßen und bei langsamer Fahrt zu viel Bewegung bei den Insassen führt..

 Assistenzsysteme noch ausbaufähig

Dafür kostet das Einstiegsmodell mit bloßer Sportoptik deutlich weniger als der günstigste „echte“ Ceed GT. 23.990 Euro will der Händler für den Dreizylinder-Benziner, 24.890 Euro für den 136 PS starken Diesel. Dafür wird neben dem Design-Paket ordentlich Gegenwert in Form von Klimaanlage, Tempomat, Parksensoren am Heck und LED-Tagfahrlicht geboten. Insgesamt beschränkt sich Kia aber bei der Ausstattung auf die gängigsten Posten; das Angebot an modernen Fahrerassistenten bleibt beim GT-Line noch lückenhaft: Totwinkelwarner und Querverkehrwarner gibt es erst im Topmodell Platinum, Spurhaltewarnung und Verkehrszeichenerkennung erst im Performance-Paket für weitere 990 Euro. Auch in Sachen Konnektivität besteht weiterhin Nachholbedarf. Es geht halt nicht alles auf einmal. Die Strategiepunkte Sport und Design immerhin kann man nun zunächst abhaken. Alles andere dauert wohl bis zum nächsten Modellwechsel in drei bis vier Jahren.

Kurzcharakteristik

  • Warum: weil er gut aussieht und günstiger ist als ein Ceed GT
  • Warum nicht: weil Fahrleistungen und Optik auseinanderklaffen
  • Was sonst: Renault Mégane GT Line, VW Golf R-Line, Ford Focus Sport

Technische Daten – Kia Ceed 1.6 CRDI 136 DCT GT-Line:

 Fünftüriger, fünfsitziger Kompaktwagen, Länge: 4,31 bis 4,51 Meter, Breite: 1,78 Meter, Höhe: 1,43 bis 1,49 Meter, Radstand: 2,65 Meter, Kofferraumvolumen: 380 – 1.318 Liter

1,6 Liter-Vierzylinder-Turbodiesel, 100 kW/136 PS, maximales Drehmoment: 300 Nm zwischen 1750 und 2500 U/Min, Vmax 200 km/h, 0-100 km/h: 10,6 s, Durchschnittsverbrauch: 4,2 l/100 km, CO2-Ausstoß: 109 g/km, Effizienzklasse A, Testverbrauch: 4,9 Liter/100 km, ab 26.690 Euro

Alternativ:1,0-l-Dreizylinder-Turbobenziner mit Direkteinspritzung, 88 kW/120 PS, maximales Drehmoment: 171 Nm zwischen 1.500 und 4.000 U/Min, Vmax 190 km/h, 0–100 km/h: 11,1s, Durchschnittsverbrauch: 4,9 l/100 km, CO2-Ausstoß: 115 g/km, Effizienzklasse A, ab 22.390 Euro.