Vergleichstest:

Kia Sportage oder VW Tiguan

01.07.2016

Wenn zwei das Gleiche tun, kommt nicht unbedingt dasselbe dabei heraus. So unterscheidet sich der Kia Sportage schon optisch deutlich vom Klassenprimus VW Tiguan. Welche Unterschiede es sonst noch zu entdecken gibt, zeigt sich auf einer ausführlichen Ausfahrt.

SUV – ein Begriff, der nach wie vor Emotionen weckt. Für die einen ist das "Sports Utility Vehicle" tatsächlich eine Art Universalauto, das Sportlichkeit mit Nützlichkeit in einem fahrbaren Untersatz vereint. So könnte man auch den englischen Fachausdruck für diese Fahrzeuggattung frei übersetzen.


Andere nennen die in der Regel eher kantigen und etwas hochbeinigeren Vehikel lieber "Suff" – und meinen damit den Inbegriff von Verschwendung. Im Einzelfall stellt sich wirklich die Frage, ob ein zwei Tonnen schweres Auto in Geländewagen-Optik tatsächlich 400 PS haben und die Fahrleistungen eines Sportwagens bieten muss. Dass dies nicht ohne ein dunkelblaues Auge beim Thema Verbrauch gehen kann, liegt in der Natur der Sache und ist ein physikalisches Grundgesetz.


In der Kategorie, in der sich der VW Tiguan und der Kia Sportage bewegen, kann jedoch von Verschwendung keine Rede sein. Sowohl beim Leergewicht (Kia: 1529, VW: 1568 kg) als auch beim Normverbrauch (Kia: 4,9, VW: 4,8 Liter Diesel auf 100 Kilometer) unterscheiden sich diese beiden SUV relativ wenig von einem normalen Auto der Kompaktklasse. Zumindest auf dem Papier und wenn man sich auf die 2,0-l-Diesel mit Leistungen von 136 PS beziehungsweise 150 PS beschränkt und auf den ebenfalls erhältlichen Allradantrieb verzichtet.

Allradantrieb, ja oder nein?

 

Vier angetriebene Räder kosten bei Kia 2000 Euro mehr, bei VW normalerweise auch. In Verbindung mit dem 2,0-l-Diesel gibt es die Allradversion aber nicht mehr handgeschaltet. Das Siebengang-DSG-Getriebe hat dann seinen Anteil an dem somit fälligen Aufpreis von 4000 Euro der Tiguan-Allrad-Version. Über die Sinnhaftigkeit von Allradantrieb in dieser Fahrzeugkategorie lässt sich ohnehin vortrefflich streiten. Schweres Gelände ist bei geringer Bodenfreiheit ohnehin tabu, doch selbst eine nasse Wiese wird mangels richtiger Bereifung zum Problem. Allradantrieb hin oder her. Fakt ist: Der zusätzliche Antrieb der Hinterräder ist schwer und erzeugt Reibung. Ein Blick auf die Werksangaben verrät, dass beide 4WD bis zu einem Liter mehr Kraftstoff konsumieren als die frontgetriebenen Versionen. Man sollte sich also gut überlegen, ob man Allradantrieb wirklich braucht.


Denn natürlich drückt der bauliche Mehraufwand auch auf das Temperament. Wobei beide Vertreter der Vernunft-SUV-Klasse mit den durchzugsstarken Dieseln eigentlich völlig ausreichend motorisiert sind: In rund 10 Sekunden geht es auf Tempo 100, auch die mögliche Spitze von 200 ist eher theoretischer Natur.


Auch die Kostenfrage gilt es im Blick zu haben: Der Einstiegspreis in die SUV-Welt beginnt bei Kia schon bei 19.990 Euro für das magerste 2WD-Modell mit 132 PS starkem Benziner. Der vorerst günstigste Tiguan kostet 25.975 Euro und hat dann einen 125 PS starken Benziner unter der Haube.


Sollen es die 2,0-l-Diesel sein, dann liegen beide fast gleichauf bei rund 30.000 Euro. Nicht gerade wenig, doch anscheinend auch nicht zu viel – vom Klassenprimus Tiguan, der grade seinen Modellwechsel erlebt und deshalb in der Übergangsphase in den Verkaufszahlen etwas schwächelte, meldet das Kraftfahrt-Bundesamt 22.354 Zulassungen von Januar bis Mai 2016. Das ist in etwa dieselbe Menge, wie an Mercedes C-Klassen, Audi A4 oder auch Ford Focus, Opel Astra oder Corsa neu zugelassen wurden. Anzumerken ist dabei, dass die Anzahl gewerblicher Halter mit knapp 60 Prozent eher unterdurchschnittlich ist.


Noch mehr privat gekauft werden die Kia Sportage: Hier sind mehr als die Hälfte aus der Haushaltskasse finanziert, 8344 Stück wurden insgesamt von Januar bis Mai neu zugelassen. Ein sattes Plus von 52,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Karosserie

 

Das ist gut nachzuvollziehen, wenn man sich das aktuelle koreanische Modell einmal genauer ansieht. Das Gesicht mit der Tigernase und den hoch angesetzten Scheinwerfern mag vielleicht noch Geschmackssache sein, das Heck und die sonstigen Proportionen halten jedoch jedem Vergleich stand. Das fand auch die Jury des renommierten Red Dot Design Award und adelte den Kia Sportage mit einer Auszeichnung.


Der Tiguan macht dagegen einen eher nüchternen Eindruck, auch wenn er nun deutlich schärfere Linien und Ecken aufweist als der Vorgänger. Das ist natürlich so gewollt und folgt der allgemeinen VW-Designlehre. Dazu ist er rund drei Zentimeter flacher und breiter sowie rund sechs Zentimeter länger geworden als der alte. Der Kofferraum hat deshalb deutlich zugelegt, am meisten spürt man die Veränderung jedoch auf der Rückbank. Hier sitzt es sich jetzt sehr bequem.


Der faktisch gleich große Kia Sportage hat im Kofferraum etwas weniger Platz, ansonsten sitzt es sich auch hier sehr kommod – auch auf der Rückbank.

Ausstattung, Garantie und Preise

 

Den kräftigen koreanischen Diesel gibt es nur in Verbindung mit den Ausstattungen Vision oder Spirit, die schon jede Menge Extras mitbringen. Der Testwagen, ein 2.0 CRDI 2WD Spirit, lässt kaum mehr Wünsche offen. Als Optionen stehen hier lediglich noch ein Technologie-Paket für 1440 Euro (Spurwechselassistent, Querverkehrwarner, sensorgesteuerte Heckklappe, digitaler Radioempfang) und ein Lederpaket für 1490 Euro (inklusive elektrischer Sitzverstellung und Sitzventilation) zur Wahl. Dazu gibt es noch Anhängerkupplung (790 Euro), Standheizung (1955 Euro) und eine induktive Ladestation für das Handy (120 Euro). Die letztgenannten Dinge werden nachträglich vom Importeur verbaut, sobald der Sportage seine Schiffsreise aus Korea erfolgreich gemeistert hat. Übrigens wird für 110 Euro auch eine Zusatzkonservierung angeboten – für alle, die der Kia-Qualität trotz sieben Jahren Garantie bis 150.000 Kilometer nicht trauen.


Das würde auch manchem Volkswagen nicht schaden, da einige Modelle in der Vergangenheit doch durch eine gewisse Neigung zum Rostbefall auffällig wurden. Zumindest sahen einige Teile beim Blick unter das Auto schon nach kurzer Zeit nicht mehr schön aus. Ob das bei der aktuellen Modellreihe auch noch ein Thema ist, sieht man erst nach Ablauf der zweijährigen Garantie.


Obenrum macht der neue Tiguan auf alle Fälle eine gute Figur. Alle Teile sitzen passgenau, die Anmutung des Innenraums wirkt nochmals hochwertiger als im Kia. Obwohl auch dort längst die Zeiten des Hartplastik-Looks vorbei sind. Hier wie dort fühlen sich die Oberflächen gut an, der Kia ist mit etwas größeren Tasten bestückt und macht von daher einen pragmatischeren Eindruck.


Das liegt natürlich auch am Auftritt des VW-Testwagens, der mit fast allem bestückt ist, was die lange Aufpreisliste hergibt. Zusätzlich zur höchsten Ausstattung Highline zum Grundpreis von 34.475 Euro addieren sich beispielsweise noch zweifarbige Komfort- Ledersitze (2590 Euro), das Fahrerassistenz-Paket plus (1480 Euro), das Navigationssystem Discover Pro (2310 Euro) und eine adaptive Fahrwerksregelung (1045 Euro) – um nur die größten Posten erwähnt zu haben. Am Ende stünden 47.945 Euro für den abgebildeten Tiguan auf der Rechnung. Eine Summe, die Kia-Käufer selbst mit dem Topmodell Platinum mit 185 PS und Allradantrieb und allen verfügbaren Extras nicht zusammenbekommen könnten. Wenn sie überhaupt wollten. Denn auch so hinterlässt die koreanische Interpretation des SUV-Themas einen einwandfreien Eindruck.


Auch wenn ein paar Kleinigkeiten im direkten Vergleich doch auffallen: Der Kia-Diesel läuft leise und kultiviert, wenn auch nicht ganz so spritzig wie der Gegenspieler im VW. Beim scharfen Anfahren hebt sich der Bug des Fronttrieblers kräftig an, was manchmal auch zu Antriebseinflüssen in der Lenkung führt. Das wird man im VW in dieser Form so nicht erleben.

Fahrverhalten

 

Das ist der relativ weich ausgelegten Grundabstimmung geschuldet, die ansonsten aber durchaus überzeugen kann. Größere Unebenheiten werden gut absorbiert. Bei kleineren tun sich die großen, aber flachen 19-Zoll-Reifen mit 45er-Querschnitt des Testwagens etwas schwer. Der Kia wankt dank dicker Stabilisatoren kaum in Kurven, wenn sich allerdings die Unebenheiten rechts und links auf der Straße abwechseln, schüttelt es die Insassen kräftig durch. Das ist dann die Kehrseite der kräftigen Kurvenstabilisatoren.


Dem Tiguan-Testwagen hilft das adaptive Fahrwerk. Wird die Straße schlecht, können die Stoßdämpfer auf Komfort gestellt werden. Auf der glatten Autobahn hingegen ist Sport vielleicht die richtige Einstellung. So liegt der Tiguan auch bei hohem Tempo oder Seitenwind satt auf der Bahn. Die verschiedenen Fahrprogramme haben auch Einfluss auf verschiedene andere Bedienelemente: zum Beispiel die Lenkung, die Gasannahme oder auch die Intensität der Klimatisierung. Das alles kann auch individuell gemischt werden.

Infotainment-Ausstattung

 

In diesem Punkt und auch beim Multimedia-System liegt VW klar vorne. Denn obwohl für diese Dinge saftige Aufpreise verlangt werden, ist es doch erstaunlich, welchen technischen Stand ein Auto dieser Größe heute erreichen kann.


In den Menüs des Multimediasystems mit dem großen Farbbildschirm kann man sich stundenlang vertiefen – so viele Möglichkeiten werden dort geboten. Hier können Inhalte des Handys dargestellt oder auch die Kopplung des Fahrlichts an die Scheibenwischer erzwungen werden. Eine praktische Sache, die das Fahren im Regen ohne Rückleuchten erübrigt. Sehr beeindruckend ist auch das Bild der Rückfahrkamera "Rear View", die das Auto zusätzlich auch aus einer errechneten Vogelperspektive zeigt.


Da kann Kia nicht ganz mithalten. Zwar wurde auch beim Sportage das Infotainment-System überarbeitet, doch wirkt die Darstellung heute schon wieder überholt. Andererseits ist das große 8-Zoll-Navigationssystem in den oberen drei Ausstattungen serienmäßig inbegriffen. Sechs Updates des Kartenmaterials sind sieben Jahre lang kostenlos zu haben. Kia gibt sich damit betont kundenfreundlich, wobei die siebenjährige Garantie und Serviceleistungen natürlich auch für eine enge Bindung an die Markenwerkstatt sorgen. Das sollte man dabei nicht vergessen.

 

Fazit

Was spricht denn noch gegen die Anschaffung eines SUV? Mit ein Grund für den anhaltenden Trend ist sicherlich die etwas erhöhte Sitzposition und das robuste Erscheinungsbild. Eine bessere Übersichtlichkeit lässt sich daraus jedoch nicht ableiten, besonders beim Kia sind die Fensterflächen eher klein geraten. Ohne Einparkpieper beziehungsweise Rückfahrkameras sind auch diese beiden Autos kaum exakt einzuparken. Wesentliche Nachteile sind jedoch auch nicht zu erkennen. Aktive und passive Sicherheit sind auf dem gleichen Stand wie bei normalen Autos. Spätestens beim Blick auf die gestochen scharfe Kartendarstellung des VW im Bereich der Instrumente (Active Info Display für 510 Euro) wird klar, dass sich die Grenzen der Fahrzeugklassen endgültig auflösen. Was früher nur in der Luxusklasse zu haben war, findet sich heute auch im kompakten SUV wieder. Nur dass diese beiden Autos sehr viel weniger verbrauchen als ein Auto der Luxusklasse.


Im gesamten Testschnitt beließen es die beiden bei 7,0 Liter Diesel auf 100 Kilometer. Bewusst sparsam auf der ACE LENKRAD-Verbrauchsrunde bewegt, genügen dem VW Tiguan auch 4,8 Liter, dem Kia Sportage 5,9 Liter für dieselbe Distanz. Spritschlucker kann man zumindest diese beiden Exemplare aus der SUV-Klasse beim besten Willen nicht nennen.