Fahrbericht:

Lada 4x4 Urban – Das Kantholz

17.11.2017

Warum Verzicht glücklich machen kann. Und warum ein Lada Niva immer Lada Niva heißen wird – Fußgängerschutz hin oder her.

83 PS und eine Karosserie wie ein Kantholz (so breit wie hoch und doppelt so lang) im Kampf gegen die Naturgewalten: Die enorme Hangabtriebskraft einer Autobahnsteigung und der böige Gegenwind einer heranziehenden Gewitterfront bremsen die Fahrt. Na, da wollen wir doch mal sehen, wer hier am Ende den Kürzeren zieht.

Der Niva dröhnt und heult und macht trotzdem Spaß

Der Auspuff dröhnt, der Wind pfeift um die steil stehende Frontscheibe – Gesprächsfetzen dringen aus den Lautsprechern in den Türpappen bis ans Ohr. Zu verstehen ist der Inhalt der Radiosendung leider nicht. Das liegt zum einen am schlechten Empfang der Scheibenantenne. Zum anderen aber am Getriebe. Das tönt wie eine Brotschneidemaschine bei der Akkordarbeit. Die Tachonadel steht eisern bei 110, der Bursche unter der Motorhaube lässt sich nicht zu Mehrarbeit bewegen, egal wie fest der rechte Fuß das Pedal massiert. Der Drehzahlmesser verharrt bei 3500 Touren, das scheint ihm zu gefallen. Reicht ja auch.

Unbeirrbar und „Made in Russia“

Schon wieder überholt einer dieser drehmomentüberhöhten- und verbrauchsoptimierten Vertreter-Kombis. Schon wieder streckt ein Lenker eines Turbodiesel-Kombis mit acht Airbags den Daumen nach oben. Vielleicht weil ich so brav auf der rechten Spur fahre und nicht im Weg herum stehe? Oder ist es ein Putin-Sympathisant, dem der Aufkleber „Made in Russia“ auf der Heckscheibe besonders gut gefällt? Oder einfach das ungewöhnliche, korianderfarbene Gesamtpaket mit orangenen Akzenten, das in der Weltuntergangsstimmung dieses ordinären Dienstag nachmittags unbeirrbar auf dünnen Reifelchen seine Bahn zieht?

Wasser von oben oder unten ist dem Lada Niva egal

Durch die Fenster, seit 2016 optional auch elektrisch betätigt, weht der Wind. Übrigens auch im Regen. Der Niva hat nämlich eine Regenrinne die ihren Namen verdient und dafür sorgt, das es innen trocken bleibt. Die ersten Blitze zerteilen den Horizont. Angst vor einem Gewitter mit Platzregen? Ach was, so ein Auto wirkt als faradayscher Käfig. Das weiß doch jedes Kind. Und selbst wenn das Wasser einen halben Meter hoch steht - die Bodenfreiheit von 22 Zentimetern und die grobstolligen Reifen lassen sich davon sicher nicht beindrucken. Da hinten: Meine Ausfahrt! Zeit den Bremsvorgang einzuleiten. Dabei sind die Reifen mit Vorsicht zu genießen, obwohl der deutsche Importeur doch schon extra andere montiert hat. Herrlich wie das riecht, wenn der Sommerregen auf den warmen Asphalt trifft!

Entschleuniger mit Baujahr 2017

Gelassenheit macht sich breit im spartanischen Innenraum. Irgendwie ist die Welt hier drin in Ordnung. Das hier ist Auto fahren, sonst nichts. Radio hören kann man ja auch zu Hause. Ganz in Ruhe. Es muss ja auch nicht immer alles gleichzeitig passieren in unserer, vom Multitasking und Ablenkung auf allen Kanälen verseuchten Neuzeit. Wer Langeweile hat, der kann ja versuchen den Instrumententräger zurechtzubiegen, so dass er besser zum Rest des Armaturenbretts passt. Links steht er über, rechts unter der Kante. Das mit der Verarbeitung war schon immer so eine Sache. Weder das erste Facelift 1995, noch die zweite größere Modellpflege für das Modelljahr 2010 haben daran etwas Grundlegendes geändert. Es knirscht, es knackt und es bleibt die Erkenntnis, dass sich in Sachen Verarbeitung und Kunststoff die letzten 40 Jahre doch so einiges geändert hat. Nicht aber beim 4x4 Urban, der trotzdem von jedem einfach Lada Niva genannt wird.

Auf einem Niveau mit Porsche und Ferrari

Dabei darf der erstmals 1976 verkaufte, kantige Typ vom Hersteller AwtoWAS gar nicht mehr so heißen. Aus Gründen des Fußgängerschutzes. Als ob es einen Unterschied machen würde, wenn jemand ruft: „Achtung da kommt ein 4x4, an Stelle von: Achtung, Niva auf 13.00 Uhr!“ In Wirklichkeit ist die Sache natürlich viel ernster und hat auch schon dem zweiten verbliebenen, noch größeren Kantholz auf dem Markt das Leben gekostet. Dem Land Rover Defender. Doch die Lada-Mannen sind pfiffig: Als Kleinstserienhersteller braucht Lada in Deutschland einige der strengen Anforderungen nicht zu erfüllen, um das Modell in Europa weiterhin anbieten zu können. Der Herstellercode wurde flugs von XTA in WLX umgeändert, das Kantholz umgetauft und schon spielt der 4x4 in der selben Liga wie diverse Ferraris und Porsche GT3. Die halten sich ja auch nicht an alle Vorgaben. Vor allem, was die Lautstärke angeht.

1,7 Liter mit 82 PS und Euro 6

So ganz nackt und wehrlos kommt der Lada längst nicht mehr daher. Eine Servolenkung gibt es seit 2006, ein ABS seit 2013. Auch die Euro-6-Norm schafft der 1,7 Liter Benziner dank Bosch Komponenten in der Einspritzanlage mit links. Vermutlich sogar ohne jede Schummelei. Ein CO2-Wert von 216 Gramm pro Kilometer sorgt allerdings bei der Kfz-Steuer für einen kleinen Extra-Zuschlag. Sensationell günstig ist dagegen die Versicherung: Typklasse XX bedeutet, dass ein Lada 4x4 Urban so gut wie nie jemand anderem Schaden zufügt. Komisch eigentlich, bei einem Auto, dem auf Grund der Sicherheitsbestimmungen eigentlich die Zulassung entzogen werden sollte.

Von der Taiga bis zur Eisdiele

Endlich zu Hause. Endlich? Eigentlich könnte man ja noch einen kleinen Abstecher machen. Vielleicht zur Eisdiele, mal sehen, wer mehr auffällt: Ein Lada oder einer der vielen Mattlack-AMG-Mercedes. Nein, genug für heute, die Straßenverkehrsordnung untersagt ja genau genommen auch sinnlose Fahrten. Das wissen die Jungs vor der Eisdiele offensichtlich nicht. Einmal kräftig strecken und die teils zu harte, teils zu weiche Polsterung der Sitze ist schon vergessen. Ein letzter Blick zurück, nur zur Sicherheit. Nicht dass das Licht noch an ist. Kein Piepser, keine Lichtautomatik erinnert daran, die Beleuchtung auszuschalten. Da muss man schon selber darauf achten, sonst ist die Batterie am nächsten Morgen leer. Doch was ist das? Die Innenbeleuchtung erlischt langsam. Ein letztes Tribut an den Fortschritt. Werden die doch noch weich bei AwtoWAS? Zu ernsthafter Sorge besteht kein Anlass, solange die Frage aller Fragen unbeantwortet bleibt : Warum der Beifahrersitz total schief eingebaut ist. Keiner weiß es. Aber es ist bei allen Niva so. Und das seit 40 Jahren.

Technische Daten:

Dreitüriger SUV, Länge/Breite/Höhe: 3720/1680/1640; Leergewicht 1285 kg, Zuladung: 325 kg, Anhängelast ungebremst/gebremst 400/1900 kg

Motor: 1,7 Liter-Vierzylinder-Ottomotor; 61 kW(83 PS) bei 4000 U /min; Drehmoment: 129 Nm bei 4000 U/min, Höchstgeschwindigkeit 137 km/h, 0-100 Km/h: 19,0 s; Verbrauch (kombiniert) 9,0 L/100 Km, Co2: 216 g/km