Fahrbericht:

Lada Kalina – Russisch für Einsteiger

01.05.2016

In der Klasse unter 10.000 Euro mischt auch Lada mit dem renovierten Kalina Kombi mit.

Einen Lada zu kaufen erfordert nicht viel Geld, einen Lada zu besitzen allerdings ein wenig Gleichmut und Selbstbewusstsein. Vor allem gegenüber der vorgefertigten Meinung des vielleicht sogar Mercedes-fahrenden Nachbarn. Ähnliches kennen vielleicht auch Dacia-Besitzer, wobei der Erfolg dieser rumänischen Marke dem Ansatz recht gibt: Preiswerte Autos ohne modischen Schnick-Schnack finden immer ihre Käufer.

Preise und Ausstattung

 

In diesem Segment bewegt sich auch Lada. Bisher allerdings mit weniger Erfolg. Das könnte sich aber ändern. Ab 6950 Euro ist der kürzlich überarbeitete Lada Kalina II zu haben, als Kombi ab 7750 Euro. Die Luxusversion, die zum Test bereit steht, kostet 11.650 Euro und bietet neben einem 1,6 Liter mit 98 PS, der an ein Viergang-Automatik-Getriebe gekoppelt ist, fast alles was das Autofahrerherz begehrt: Elektrische Fensterheber, Zentralverriegelung, Nebelscheinwerfer und Klimaautomatik sowieso, aber auch Lichtautomatik, Frontscheibenheizung und ein Multimediasystem mit sieben Zoll Touch-Screen.

Infotainment hat seine Tücken

 

Aber da fängt es auch schon an mit dem Gleichmut: Wer des russischen nicht mächtig ist, kann die Anzeigen des Infotainment-Systems auf Englisch umstellen. Aber nicht auf Deutsch. Dafür kann aber auch auf einer Weltumrundung im Kalina fast überall Radio gehört werden, den das Frequenzband beginnt, wie in Osteuropa und Russland üblich, schon bei 65,9 MHz. In Deutschland gibt es allerdings nur von 87,5 bis 108 MHz etwas zu hören. Macht ja nichts.

Weitere Ausstattungen beim Lada

 

Auch das die Tasten der Funkfernbedienung sehr klein sind und auch in der Hosentasche gern mal gedrückt werden, woraufhin sich der abgestellte Kalina manchmal zu einem unmotivierten Hupen hinreißen lässt, ist ja eher Sache der Besitzers. Etwas Fingerfertigkeit und bequeme Hosen, schon ist das kein Thema mehr.


Sehr schön ist die Sache mit der elektrisch beheizten Frontscheibe und einer im Modell "Luxus" serienmäßigen Sitzheizung. Beides ist absolut Sibirien-tauglich und auch hier zu Lande beim winterlichen Start in den Tag sehr hilfreich. Auch wenn die nicht regelbare Sitzheizung manchmal vielleicht etwas übertreibt. Im Sommer sorgt die Klimaautomatik lautstark aber effektiv für ein angenehmes Raumklima. Wenn jetzt noch die Fenster ganz in der Tür verschwinden könnten und die Regler an den Ausströmdüsen nicht so sehr klemmen würden, wäre zumindest klimatisch alles in bester Ordnung.

Die Servolenkung tut sich schwer

 

Klemmen tut auch die Lenkung. Nicht wirklich schlimm, aber immerhin so das von einem entspannten Geradeauslauf nicht die Rede sein kann. Weil die Lenkung in der Mittellage etwas "klebt" sind viele Korrekturen nötig. Dieses grundsätzliche Problem des erhöhten "Losbrechmoments" bei elektrischen Servolenkungen haben die mitteleuropäischen Autobauer inzwischen überwunden, Lada aber offensichtlich noch nicht. Das ist erstaunlich, denn seit 2008 ist Renault Anteilseigner bei Avtovaz, dem Hersteller der Marke Lada.


Zusammen mit Nissan und dem russischen Konzern Rostec. Zumindest die beiden Autofirmen wissen eigentlich längst, wie es besser geht. Auf Grund der anhaltenden Absatzkrise auf dem russischen Mark sind die Investitionen in die Technik aber wohl eher zurückhaltend ausgefallen. Der Nettoverlust bei Avtovaz soll 2015 umgerechnet 817 Millionen Euro betragen haben. Lada soll eigentlich auch gar nicht auf dem deutschen Markt wildern, da hat Renault neben seiner eigenen Modellpalette ja schon Dacia plaziert. Der tiefe Osten ist traditionell das bevorzugte Jagdgebiet von Lada. Oder auch Finnland. Dortbedeutet "Kalina" allerdings so etwas wie "klapprig", weshalb der tapfere Bursche dort auch schlicht "2194" heißt.

Verbrauch, Fahrverhalten und Komfort

 

Zurück auf die deutschen Straßen - auch die Dosierbarkeit der Bremse ist so eine Sache: Das Pedal fühlt sich tatsächlich eher an wie ein Kupplungspedal. Erst passiert nichts, dann, nach einem gewissen Punkt aber plötzlich ganz viel. Die Dosierbarkeit lässt sehr zu wünschen übrig. Das erfordert vornehm ausgedrückt etwas Gewöhnung, eine leichte Unsicherheit bezüglich der Bremsen fährt jedoch immer mit. ABS und ESP sind übrigens serienmäßig an Bord, dazu zwei Frontairbags.


Der 16 Ventiler unter der Haube ist ein munterer Geselle und hat mit dem Leergewicht von rund einer Tonne leichtes Spiel. Die Viergang-Automatik zeigt weiche Schaltvorgänge, agiert allerdings zuweilen etwas übereifrig. Wird das Gaspedal was zu schnell getreten, jault sofort der Motor auf. Was eine imponierende Geräuschkulisse mit sich bringt. Im Grunde hätte der Motor auch genug Kraft um nur im Notfall, beim Kickdown etwa, einen niedrigen Gang zu brauchen. Auch hier scheint der Lada Kalina irgendwie nicht richtig durchentwickelt – der letzte Gang ist viel zu lang, der dritte eigentlich zu kurz. So geht es bei Autobahn-Richtgeschwindigkeit ständig zwischen diesen beiden hin und her.


In der Stadt spielt das weniger eine Rolle, hier kann die Automatik sogar "segeln". Das bedeutet: Im Schubbetrieb sinkt die Drehzahl auf den Leerlauf, während das Auto quasi widerstandslos weiterrollt. Das spart Nerven und Sprit – beides im Fall des Kalina nicht unbedeutend. Der Praxisverbrauch pendelt sich dann doch bei über acht Liter ein. Auf der Habenseite steht die gute Übersichtlichkeit dank großer Fenster und eine praxisgerechte Einrichtung. Die vorderen Sitze sind allerdings etwas klein und sehr weich gepolstert. Seitenhalt ist nicht so ihr Ding. Die hinteren Sitze lassen sich selbstverständlich umklappen, der so entstehende Laderaum ist für ein Auto dieser Größe sehr anständig. Die Heckklappe lässt sich übrigens nur von innen mit einer Taste oder mittels der Fernbedienung öffnen. Einen Öffner sucht man an der Klappe selbst vergeblich – wollen Gauner an der roten Ampel etwas aus dem Kofferraum stehlen, gibt es für die Langfinger nicht mehr zu holen als ein verdutztes Gesicht.

Fazit

Neben einem etwas hohen Testverbrauch sind es die vielen nervigen Kleinigkeiten, die bei einer im Grunde guten Veranlagung den Alltag zeitweilig vermiesen. Es sei denn man verfügt über ein gerütteltes Maß an Gleichmut oder schätzt das leicht exotische Wesen eines Lada Kalina. Der wird nämlich nach wie vor nicht an jeder Ecke stehen.