Dauertest:

VW Golf Variant – Der Ausgereifte

01.01.2016

Auf über 50.000 Kilometern begleitete uns der Kombi aus Wolfsburg. Sein Zeugnis ist tadellos: Er begeisterte als zuverlässiger Langstreckenspezialist mit reichlich Komfort und moderner Sicherheitstechnik für alle Passagiere.

Der Abgasskandal beim Volkswagenkonzern erwischte unsere Redaktion in doppelter Hinsicht. Nicht alleine in der aktuellen Berichterstattung in ACE LENKRAD und ace-online. Denn darüber hinaus gehörte just in diesem Zeitraum, in dem die Affäre ihren Lauf nahm, zu unserem Testfuhrpark ein VW Golf Variant 2.0 TDI BlueMotion. Sollte ausgerechnet dieser von Wolfsburg so gefeierte Saubermann auch Opfer von Tricksereien sein? Klare Antwort aus Wolfsburg: Nein! Das Euro-6-Modell ist weder von den Software-Manipulationen noch von Spekulationen über erhöhte Kohlendioxid-Emissionen betroffen. Freilich: In Misskredit sind Marke und Modelle der Niedersachsen geraten, das Image ist im Keller. Und das ist schade, denn der Golf Variant verdiente sich in seiner einjährigen Laufzeit in unserer Redaktion großen Respekt. Kollegen, denen ein größeres Fahrpensum bevorstand, griffen bevorzugt nach dem Zündschlüssel mit dem VW-Emblem. Der Lademeister ist dank seiner harmonisch abgestimmten Technik, seinem geringen Verbrauch und seiner großen Zuverlässigkeit zum beliebten Reisebegleiter geworden. Über 50.000 Kilometer sind so in zwölf Monaten zusammengekommen, die Touren führten kreuz und quer durch Deutschland und Europa.

Werkstattaufenthalte waren beim Golf reine "Pflichttermine"

 

Eine Werkstatt von innen sah er nur bei der Inspektion (270 Euro), die bei 30.000 Kilometern notwendig war. Zweimal schwächelte die Elektronik (bei Kilometerstand 32.667 und 41.772), der Dauerläufer stürzte in ein Leistungsloch. Bei reduzierter Kraftentfaltung leuchtete die Warnanzeige der Motorsteuerung auf und zeigte Fehlermeldungen bei der Funktion der Assistenzsysteme an. Doch es war in beiden Fällen nur ein Neustart notwendig, und der Wagen lief wieder wie geschmiert.

Der ergo-Active-Sitz von VW

 

Und wenn die Tour beendet war, stand im Fahrtenbuch reichlich Lob, etwa so: "Sitze, Motor, Lenkung – alles erstklassig. Die Langstrecke mit Massagesitzen und guter Musikanlage war trotz der 2000 Kilometer in zwei Tagen ein Vergnügen." Massage an Bord? Gegen Aufpreis in Höhe von 645 Euro offeriert VW den ergoActive-Sitz, der von der "Aktion Gesunder Rücken" mit einem Gütesiegel ausgezeichnet ist und die ohnehin komfortable erste Stuhlreihe im Golf nochmals weit übertrifft. Gerade Menschen mit malträtierten Bandscheiben sollten diese Investition nicht scheuen: Beeindruckt von 14 Verstellmöglichkeiten für eine individuelle Position, Massagefunktion und tüchtige Sitzheizung notierte ein Kollege ins Logbuch: "Nutze den Sitz für Wärmetherapie, das erspart so manche Fangopackung beim Therapeuten." Ein weiterer Tester schrieb nach einer Dienstreise ins Tagebuch: "Bin selten so entspannt nach 700 Kilometer Fahrt aus einem Auto gestiegen."

Fahrverhalten und Innendesign

 

Der Golf 7 als Variant bewährte sich in der Tat als Langstreckenfresser, der mit seinem komfortablen Fahrwerk und dem nahezu perfekten Fahrersitz auch nach mehrstündigem Marathon den Piloten unversehrt und ohne schmerzendes Kreuz aus dem Cockpit verabschiedet.

Apropos Cockpit: Hochwertig und funktional präsentiert sich der Arbeitsplatz des Fahrers. Das ist in sieben Golf-Generationen gelernt und kaum noch zu verbessern. Schalter und Tasten sind dort platziert, wo sie hingehören. Ablagen in der Mittelkonsole, im Armaturenbereich und in den Türverkleidungen nehmen eine Menge Krimskrams auf. Flaschen bis zu einem Volumen von 1,5 Litern passen in die dafür vorgesehen Flächen, die Rettungsweste ist in der Schublade unter dem Beifahrersitz am richtigen Platz. Wer hinter dem Multifunktionslenkrad und seinen 18 Wippen deren Funktionen sich schnell erschließen, Platz nimmt, reist vortrefflich und stellt sich die Sinnfrage: Ist mehr Auto notwendig? Wozu noch nach der Mittelklasse äugen?

Rückblick auf 50.000 km Laufleistung

 

Zäumen wir den Test von hinten auf und bewerten wir den Dauerläufer nach seinen zwölf Monaten Dienst: Der Motor dieselt nach wie vor rau beim Kaltstart, sobald die Betriebstemperatur erreicht ist, läuft er ruhig und kultiviert. Das Triebwerk ist jetzt richtig eingefahren und zeigt seine günstigsten Verbrauchswerte nach rund 40.000 Kilometern Laufleistung. Das kurze Ruckeln, das in den ersten 30.000 Kilometern bei konstanter Motorumdrehung immer wieder auftrat, ist verschwunden. Sitzpolster haben ihren Stresstest bestanden, sie sind straff, büßten nichts am Komfort ein und wirken nicht abgenutzt. Lenkrad und Armaturen glänzen wie neu, nichts knarrt oder knackt, keine unfreundlichen Vibrationen durch ausgeleierte Aufhängungen. Kratzer einstecken mussten lediglich die mit sehr hartem Plastik bestückten Türverkleidungen.

In Mitleidenschaft gezogen worden ist auch das Gepäckabteil, genauer gesagt der lackierte Stoßfänger am Heck zeigt Gebrauchsspuren, die auch bei größter Vorsicht kaum zu vermeiden sind. Kein Wunder, der Variant war ein begehrter Lastentransporter. Sein Volumen von bis zu 1620 Litern bei umgeklappten Rücksitzen setzt Maßstäbe bei einem Kombi in der Kompaktklasse.

Viele Varianten bietet der Laderaum

 

Bei geöffneter Heckklappe müssen selbst Großgewachsene den Buckel nicht krümmen, und dank einer niedrigen Ladekante (63 cm) artet das Beladen in keinen Kraftakt aus. Gegenstände bis zu einer Länge von 1,85 Meter lassen sich auf der nicht ganz ebenen Ladefläche ablegen, die Lehnen der Rückbank klappen nach unten, sobald die Fernentriegelung im Heck gezogen ist. Gepäckrollo und Trennnetz (175 Euro) sind, wenn nicht benötigt, in den Unterboden-fächern gut aufgeräumt.

Die üppigen Sitz- und Lademöglichkeiten des Variant punkten klar im Vergleich zur Limousine – gerade für Familienoberhäupter ist die Wahl des 30 Zentimeter längeren Kombi zu überdenken. Weit öffnende Fondtüren sind hilfreich, wenn Kleinkinder mit elterlicher Hilfe in ihre Isofix-gesicherten Sitze krabbeln. Schade nur, dass VW aus optischen Gründen (oder um Produktionskosten einzusparen?) auf Schutzleisten an den Flanken verzichtet. Gerade bei engen Parklücken und Kindern als Fondpassagiere sind schnell auch hier Lackschäden gesammelt oder verteilt. Ein Blick zum Mitbewerber könnte helfen: Ford entwickelte Kantenschoner, die sich beim Öffnen der Türen schützend ans Blech schmiegen.

Überraschend positiv fielen die Verbrauchswerte aus

 

Keine Vorbilder  indessen benötigt die BlueMotion-Technologie in unserem Testwagen. Der real gemessene Minimalverbrauch lag zwar um 15 Prozent über den Herstellerangaben, aber den Vergleich mit Dieselmodellen anderer Hersteller dieser Klasse braucht der rund 1,5 Tonnen schwere Golf Variant nicht zu scheuen: Bei vernünftiger Fahrweise entpuppte sich der 150 PS starke Zweiliter-Dieselmotor als sehr genügsam. Zwischen 4,8 und 5,4 Liter Sprit genügten, je nach Ladung und Anzahl der Insassen. Und selbst bei einer protokollierten Vollgasfahrt auf der Autobahn verbrannten maximal 6,9 Liter Diesel pro 100 Kilometer in den vier Zylindern.

Das sind passable Werte für den Zweiliter-Common-Rail-Antrieb, der mit ausreichendem Drehmoment von 340 Nm schon bei rund 1800 Umdrehungen für ordentlichen Durchzug sorgt. Das Sechs-Gang-Schaltgetriebe ist präzise zu schalten, nur der erste Gang ist gelegentlich etwas hakelig. Dafür ist das Überspringen einzelner Gänge beim Hochschalten kein Problem. Der lang übersetzte sechste Gang ist auf geringen Verbrauch ausgelegt, ihm fehlt es jedoch an Durchzugsstärke und bei niedrigen Drehzahlen meldet sich ein Dröhnen. Bei höheren Geschwindigkeiten bleibt das Geräuschniveau im Innenraum überraschend niedrig, Unterhaltungen mit Mitfahrern in moderater Tonlage sind möglich. Auch die Abrollgeräusche der Reifen und Fahrtwind dringen nicht störend in die Kabine – mit diesen Attributen sammelt der Golf enorme Pluspunkte im Urteil der Testfahrer.

Die Assistenzsysteme im Golf Variant

 

Ein wirklich angenehmer Reisebegleiter ist die adaptive Fahrwerksregelung DCC (Aufpreis: 565 Euro), die vier Profile offeriert. Ein Tastendruck auf "Komfort" und das Fahrwerk pendelt Fahrbahnunebenheiten sanft aus, quittiert Querfugen mit gleichgültiger Ignoranz und ohne großes Achsenpoltern. Allerdings: Bei voller Beladung neigt das Fahrwerk in der Komfortzone zum leichten Nachwippen. Dagegen hilft dann der etwas straffer ausgelegte Sport-Modus. Der sorgt auch für breiteres Grinsen auf Serpentinen. Der Normal-Modus sucht den Ausgleich zwischen den Extremen und im Individual-Modus kann jeder Chauffeur seine bevorzugten Einstellungen konfigurieren. Einen wertvollen Beitrag zum entspannten Reisen leistet die automatische Distanzregelung ACC, die im Aufpreis von 565 Euro zudem einen Front-Assistenten mit Notbremsfunktion beinhaltet. Selbst kritische und weniger technikaffine Menschen gewinnen schnell Vertrauen in den Tempomaten, der auto-matisch auch den Abstand regelt. Sobald sich der Fuß vom Gaspedal löst, darf sich der Fahrer in leicht lässiger Sitzposition räkeln.

Das Navigationsgerät hat Licht und Schattenseiten

 

Wer viel auf Reisen ist und dabei oft in unbekanntes Terrain vordringt, schätzt die Vorzüge eines guten Navigationssystems. "Discover pro" ist die High-End-Lösung von VW, die aber auch mit 2515 Euro extra zu Buche schlägt. Im Preis enthalten sind jedoch fünf Jahre lang kostenlose Updates der Navigationssoftware, ein DVD-Laufwerk zur Wie-dergabe von Audio- und Videodateien (nur bei stehendem Fahrzeug) sowie MP3- und WMA-Formaten. Das Display mit der großen Bildschirmdiagonalen von 20,3 Zentimetern ist mit einem Annäherungssensor ausgestattet. Sobald sich die Hand dem Bildschirm nähert, listet das Display alle Auswahlpunkte auf. Navigation und Telefon-Freisprechanlage sind per Sprachbedienung steuerbar, die in der Praxis auch tadellos funktioniert. Leider lotste uns "Discover pro", das Verkehrsdaten in Echtzeit ins Fahrzeug bringt, mehrmals in Staus, da es stark belastete Verkehrsabschnitte mit etwas
Verzögerung anzeigte. Auch bei alternativen Routenberechnungen reagiert das System träge, gelegentlich verirrt sich der Cursor, der eigentlich den Standort des Fahrzeugs anzeigt, in Wälder, Bebauung und Flüsse. Dann dauert es einige Sekunden, bis das System die Straße wieder findet. Ans Ziel lotst das System jedoch perfekt, und auch die Sprachbefehle und Piktogramme kommen zeitnah zu den Abbiegepunkten.

Wenn´s von hinten piept

 

Fürs Stirnrunzeln im Alltag sorgten die übersensiblen Sensoren des Parkpiloten. Sie meldeten sich – völlig überflüssig – bei Kolonnenfahrten oder im Stillstand, wenn ein anderes Fahrzeug seitlich zu dicht passierte. Dagegen ist die Rückfahrkamera (290 Euro) eine wertvolle Einparkhilfe, auch weil die Sicht nach hinten durch die breiten Dachsäulen etwas eingeschränkt ist. Sie ist im VW-Emblem in der Heckklappe integriert und sehr gut vor Schmutz geschützt. Aber das Einfahren der Kamera klingt wie eine billige Zentralverriegelung der ersten Generation.

Kein Wort zu den Stickoxid-Werten? – mag der kritische Leser jetzt einwenden. Stickoxid-Messungen im Fahrbetrieb waren uns nicht möglich. Noch ist dieses Verfahren teuer und das Angebot entsprechender Dienstleister zu gering.

 

Fazit

Der Golf ist weiterhin Maßstab in der Kompaktklasse. Mögen Mitbewerber inzwischen auch nahe an das Referenz-Modell herangerückt sein – in puncto Fahrverhalten, Verarbeitungsqualität und Zuverlässigkeit setzt der Wolfsburger deutliche und positive Akzente. Das spiegelt sich in den Noten, die unsere Leser ihrem Golf geben.


Der VW Golf Variant im Leserurteil
Das Fazit der Leserzuschriften:"Teuer, aber sein Geld wert"