26.06.2020

Sightseeing mal anders – Durch Ulm gesteppt

Neben den üblichen Langeweile-Touren durch die Metropolen des Landes gibt es einige Besonderheiten, die den Touri so richtig auf Tour bringen. Streetsteppen wäre da eine Möglichkeit.

Einen prüfenden Blick zum Himmel – die Wolken ziehen zügig vorbei, statt des vorhergesagten Regens wärmt die Sonne meinen Rücken. Der ein oder andere Ulmer Spatz zwitschert energisch aus den umliegenden Baumkronen. Insgesamt gute Voraussetzungen für meinen Tagestrip. Ein Mann in kurzen Hosen und Laufshirt mit zwei Rädern an jeweils einer Hand nähert sich zügig. Mein Pulsschlag erhöht sich. Das muss er sein, mein Coach für einen Tag auf dem Streetstepper. „Hallo, du musst die Michèle sein. Ich bin der Chris“, schallt es fröhlich. Seine strahlenden Augen lassen sofort das Eis brechen.

Der Streetstepper – vom Fitnessstudio auf die Straße

„Schau, das ist der Streetstepper – sieht aus wie ein Fahrrad, aber es fehlt einiges daran.“ Stimmt! Die Räder sind kleiner und dort, wo der Hintern Platz nehmen sollte, ist nichts. Dafür finden sich zwei große Trittflächen auf der Höhe, wo normalerweise die Pedale sind. Das Stepprad gibt es seit circa 15 Jahren und wurde aus der Not heraus erfunden, erklärt Chris: „Es wurde von einem Österreicher entwickelt, der nach einem Bandscheibenvorfall im Fitnessstudio merkte, dass Radfahren nicht mehr gut funktionierte. Beim Training auf dem Stepper im Studio kam ihm die Idee.“ In der Schreinerwerkstatt seines Vaters baute er einen Prototyp aus Eschenholz und Bauteilen eines Mountainbikes. Das war die Geburtsstunde des Streetsteppers.

Ein gesunder Spaß für jedermann

Genug Theorie, ich möchte das Teil jetzt ausprobieren. „Erst drehen wir eine Proberunde. Ich erkläre dir genau, auf was du achten musst“, bremst Chris mich und fügt belehrend hinzu: „Ein Streetstepper ist extrem gelenk- und rückenschonend, aber nur bei einer schönen aufrechten Körperhaltung.“ Zunächst das rechte Bein auf die rechte Trittfläche, dann das linke Bein auf die andere Trittfläche stellen. Und los geht’s! Streetsteppen kann jeder. „Die Technik ist wie beim Radfahren, nur der Antrieb ist anders“, höre ich Chris sagen, während er zügig an mir vorbeisteppt. Etwas ungewohnt, so ganz ohne Sattel, aber nach den ersten zaghaften Stepps hefte ich mich an meinen Coach. Je höher ich abwechselnd die Knie an den Körper ziehe, desto schneller fährt das Stepprad. Nach der ersten Runde gibt Chris endlich grünes Licht. Die Tour durch Ulm kann beginnen.

Touren für Einsteiger und Sportliche werden angeboten

Die Turmspitze des Münsters fest im Blick steppen wir entlang der Donau. Dann ein kurzer Schlenker und ab in eine der weitläufigen Parkanlagen. Über verschlungene Wege und vorbei an seelenstreichelnden Blumenbeeten. Trotz zügiger Bewegung bleibt uns genügend Luft zum Reden: „Ich suche individuell die Strecken für die Touren zusammen. Je nachdem welche Kondition mein Trainingspartner hat.“ Er erklärt mir, dass es eine sehr ambitionierte Streetstepp-Tour gibt, die über alle Berge in Ulm und um Ulm herum führt, beispielsweise auf den Esels- oder Michelsberg. Dabei legen die Stepper um die 500 Höhenmeter zurück, bei insgesamt 30 Kilometern. Eine einfache Einsteigertour mit Sightseeing-Charakter, so beschreibt Chris unsere Tour. Puh, da habe ich noch einmal Glück gehabt. Einen Berg raufsteppen – da müsste man mich wohl, oben angekommen, mit einem Sauerstoffzelt begrüßen. „Nimm die Schultern zurück und zieh die Knie mehr an“, reißt Chris mich aus meiner Gedankenblase.

Ulm kann auch mit einem schiefen Turm aufwarten

Meine Körperhaltung stets im Blick, plaudert Chris beim Passieren des schiefen Metzgerturmes aus dem Mythenkästchen. Seine Neigung von 3,3 Grad wurde, so die Sage, von den selbstsüchtigen, fett gefressenen Metzgermeistern der Stadt verursacht, die bei einem Betrug aufflogen und sich vor der Stadtwache in eine Ecke des Turmes flüchteten, woraufhin sich der Turm neigte.

Von der Markthalle zum Rathaus

Vom Metzgerturm aus steppen wir zum Alten Rathaus der Stadt und nehmen uns Zeit, um die kunstvollen Wandmalereien und die astronomische Rathausuhr aus dem 16. Jahrhundert genau zu betrachten. Der älteste Teil des Rathauses stammt aus dem 14. Jahrhundert und wurde von den Ulmern als Markt- oder Tuchhalle genutzt. Denn Ulm war seit dem Mittelalter „reich an Tuch“, insbesondere an dem begehrten Barchent, einem Mischgewebe aus Leinen und Baumwolle.

Das Fischerviertel – Fachwerk und viel Flair

Wenige Stepps weiter erreichen wir das Fischerviertel, das idyllisch eingebettet zwischen den zwei Armen der Großen Blau liegt. Vorsichtig bewegen wir uns in kleinen Gässchen – bepflastert mit Kopfstein. Eine Herausforderung für denjenigen, der auf dem Stepper steht. Gut durchgeschüttelt, steigen wir ab und lassen die bunten, unterschiedlich großen und kleinen Fachwerkhäuser im Zusammenspiel mit den vielen Brückchen und Stegen auf uns wirken. „Ulm hat einfach Flair“, sagt Chris zufrieden.

Schiefe Träume und kulinarische Genüsse

Wir machen vor dem schiefsten Hotel der Welt halt. So sehr sich das Häuschen neigt, so schief und scheps sind auch die Zimmerböden des Hotels. „Beim Schlafen fällt man aber trotzdem nicht bei offenem Fenster in die Blau“, bemerkt Chris schelmisch. Denn die Zimmermöbel seien speziell auf diese Neigung ausgerichtet worden. Rundum laden im Fischerviertel kleine Cafés und Restaurants zu Leckereien ein. Die müssen aber noch etwas auf uns warten. Denn neben dem Schiefen Haus lohnt sich ein Blick auf die gegenüberliegende Ulmer Münz. Wie der Name bereits sagt, wurden hier zeitweilig Münzen geprägt. Oder das Zunfthaus der Schiffsleute und das Schöne Haus. Letzteres war ein „schöner“ Ort für einsame Gesellen, wie sich die Ulmer augenzwinkernd erzählen.

Der (noch) höchste Kirchturm der Welt steht in Ulm

Neben all den Sehenswürdigkeiten, an denen wir vorbeisteppen, fehlt uns noch ein Wahrzeichen – das Münster natürlich. Der noch größte Kirchturm der Welt mit 161,53 Metern (Barcelona wird Ulm bald übertrumpfen) prägt seit Jahrhunderten das Stadtbild und ist der ganze Stolz der Ulmer. Denn nicht die Kirche, sondern die Ulmer selbst finanzierten diesen Bau. Zumindest bis 1543, dann ging ihnen das Geld aus und erst Mitte des 19. Jahrhunderts setzten nachfolgende Generationen die Arbeiten daran fort, bis zur Vollendung im Jahr 1870.

768 Stufen führen zum Traum-Panorama – wenn der weiße Ballon am Turm hängt

Exakt 768 Stufen führen zur Turmspitze. „Von oben siehst du an manchen Tagen bis zu den Alpen. Aber du musst dir die 768 Stufen bis zur Turmspitze nicht antun. Schau auf den Turm“, rät Chris und fügt an: „Wenn die Wetterlage es ermöglicht, hängt der Türmer des Münsters einen weißen Ballon an die Fassade. Dann weiß jeder am Boden Bescheid, wenn sich das Treppensteigen lohnt.“ Da hab ich dann wohl Pech gehabt. Trotz blauem Himmel kann ich am Turm keinen Ballon erkennen. Weniger schweißtreibend ist der Besuch des Kirchenschiffs, lichtdurchflutet mit unterschiedlich gestalteten Kirchenfenstern, allesamt von reichen Ulmer Familien gestiftet. Wer sich die Zeit nimmt und genau hinschaut, entdeckt beim Durchqueren des Münsters den berühmten Ulmer Spatz, der überall in der Stadt präsent ist.

Ein cleverer Spatz rettet den Münsterbau

Auch der Spatz, mit dem Strohhalm im Schnabel, ist Teil einer Sage, die sich auf die Gründung des Münsters bezieht. Nachdem wir uns vom Münster entfernen und unsere Tour sich dem Ende zuneigt, frage ich Chris, was es mit dem Spatzen auf sich hat. Chris holt Luft und erzählt, dass für das Dach des Münsters der Baumeister lange Stämme benötigte. Daher wurden starke Gehilfen ausgesandt, um kräftiges Holz herbeizuschaffen. Die Männer holten die Balken, konnten aber auf ihrem Rückweg nicht durch das Stadttor gelangen. Das Tor war zu eng. Das Münster konnte nicht weitergebaut werden. Ganz Ulm war verzweifelt und wusste sich nicht zu helfen.

Viele neue Eindrücke – und fitte Waden

Chris fährt fort: „Da flog ein Spatz über die Ulmer hinweg. Im Schnabel hatte er einen langen Strohhalm und flog an den Turm heran. In einem Spalt der Mauer hatte er sein Nest gebaut. Um in diese Nische zu passen, drehte der Spatz einfach den Strohhalm der Länge nach und schob ihn durch den Spalt hindurch. Bei diesem Anblick ging den Bürgern ein Licht auf – das Problem war gelöst.“ „Eigentlich nicht sehr schmeichelhaft, diese Erzählung“, merkt Chris schnell an. „Nein, das ist wohl wahr“, antworte ich lachend und steppe hinter Chris zufrieden zurück zum Hotel, wobei ich das leichte Ziehen in meinen Waden unterdrücke. Morgen habe ich bestimmt Waden wie Arnold Schwarzenegger.

Reise-Tipps: Der perfekte Kurztrip

Veranstaltungen 2020: Aufgrund der geltenden Corona-Richtlinien wurden viele der jährlich stattfindenden Veranstaltungen abgesagt. Unter anderem die Lichterserenade und das „Nabada“. Nichtsdestotrotz bietet die Stadt Highlights, bei denen sich ein Besuch lohnt. So zum Beispiel die Kunsthalle Weishaupt, die Ausstellung des Museums Ulm „Schwarz auf Weiß – Das Rätsel der Steinzeitscheiben aus dem Blautal“ oder die Ausstellung „Renée Sintenis. Pionierin der Bildhauerei“ im Edwin Scharff Museum Neu-Ulm. Mehr Infos auf www.tourismus.ulm.de

Aktives Sightseeing: Wer in Ulm mit dem Streetstepper unterwegs sein möchte, kann sich unter www.laufsport-ulm.de oder www.streetstepper.com informieren. Auch mit dem herkömmlichen Rad gibt es Stadtführungen unter www.tourismus.ulm.de

Schwaben-Tipp: Sparfüchse holen sich die UlmCard (in allen Hotels, Museen und der Tourist-Info erhältlich). Wahlweise ein oder zwei Tage gibt es dafür freie Fahrt durch die Stadt mit Bus und Bahn, eine freie Stadtführung, freie oder ermäßigte Eintritte in die Museen der Stadt sowie Ulmer Spezialitäten für umme. Weitere Infos unter: www.tourismus.ulm.de