25.03.2021

Sommerreifen im Härtetest 2021

Die Kompaktklasse wird immer leistungsfähiger, nie mussten Reifen so viel können wie heute. Und noch nie war das Angebot für Golf & Co. so groß. Nicht einmal auf den Preis ist Verlass: Wir vergleichen neun Sommerreifen des Formats 225/45 R 17 – und stellen fest, dass die teuersten nicht immer die besten sind.

Es gibt keine schlechten Autos mehr, behaupten sie am Stammtisch. Das mag stimmen, doch es gibt noch immer Neuwagen, die mit einzelnen Eigenschaften nerven. Und wie ist das mit
den Reifen? Die waren noch nie so gut wie heute, was auch an den unabhängig durchgeführten Reifentests liegt. Denn für die Ergebnisse interessieren sich nicht nur die Reifenentwickler, sondern auch ihre Chefs – und machen Druck, wenn ihre Produkte in den Wertungstabellen abrutschen.

Die Ansprüche an Reifen sind gestiegen

Das ist gut so, weil Reifen heute viel mehr können müssen als früher. Ein Blick auf die Kompaktklasse zeigt es: Deren Anführer, der VW Golf, ist bei seiner Premiere im Jahr 1974 ein federleichtes Auto, das gerade mal 850 Kilogramm wiegt und maximal 70 PS leistet. Dafür reichen Reifen des Regenwurm-Formats 155 R 13. Und heute? Selbst der leichteste Golf der achten Generation wiegt fast 1,3 Tonnen. Eine Motorleistung von 130 oder 150 PS ist mehr Regel als Ausnahme, damit ist der Golf fast so schnell wie in den Siebzigern die Cheflimousine Mercedes 450 SE. Auch beim Reifenformat übertrifft der VW den Mercedes (205/70 R 14) locker: Ein gut motorisierter Golf VIII ist heute häufig auf Reifen der Dimension 225/45 R 17 unterwegs, ebenso wie viele andere Modelle der Kompaktklasse. Was sie können, zeigen die Ergebnisse dieses Reifentests.

Neue Marken erobern die (Reifen-)Welt

Sie fallen fast durchweg erfreulich aus, so viel vorweg, doch sie zeigen auch eines: Der Null-Fehler-Reifen liegt noch immer nicht in den Lagern der Händler. Also muss sich der Kunde die Reifenmarken merken? Es ist nicht notwendig, doch es kann bei der Auswahl helfen – auch deshalb, weil zu den bekannten Branchengrößen wie Continental, Goodyear oder Michelin auch Aufsteiger-Marken kommen. Dazu zählen etwa Nexen aus Südkorea oder Maxxis, die taiwanesische Marke, die den ACE-Sommerreifentest des vergangenen Jahres gewonnen hat. Auch das restliche Testfeld zeigt, wie global die Reifenindustrie heute agiert: Die frühere
US-Marke BF Goodrich gehört zu Michelin, Laufenn ist eine Tochtermarke von Hankook aus Südkorea. Die finnische Marke Nokian führt auf den skandinavischen Märkten, Falken gehört zu den Marktführern in Japan.

Unser Testprogramm auf dem Contidrom

Spätestens in Jeversen, einem Dorf in Niedersachsen, sind sie alle gleich. Denn hier, nicht weit von Celle, liegt das Contidrom, eine der großen Reifenteststrecken Europas. Auf dem vom Reifenhersteller Continental betriebenen Testareal finden regelmäßig unabhängige Reifentests der Automobilclubs statt. ACE, ARBÖ und GTÜ schicken dafür ihre eigenen Experten und Reifentester Marco Lucke und Henning Renner. Das Testprogramm mit zwei VW Golf VIII dauert eine volle Woche, weil alle Versuche mehrfach gefahren werden, um zu möglichst präzisen Werten zu kommen. Beim Bremsen etwa wird der Testwagen mindestens zehn Mal auf 100 km/h beschleunigt und dann voll verzögert – eine Belastungsprobe für den Reifen, das Auto und den Tester.

Beim Bremsen auf trockener Strecke liegt das Feld eng beieinander

Wenn die Fahrbahn trocken ist, gibt es hier keine großen Unterschiede – zumindest auf den ersten Blick. Die besten Bremswerte liefert der Continental, mit ihm kommt der Golf schon nach 34,5 Metern zum Stehen. Doch selbst bei den Schlusslichtern Goodyear und Maxxis sind es nur 36 bzw. 36,1 Meter, das reicht immer noch für 26 von 30 Punkten in der Wertungstabelle.

Die Restgeschwindigkeit macht den Unterschied

Für sich gesehen sind das sehr gute Werte; in den späten Neunzigern stehen Modelle der Golf-Klasse erst nach 40 Metern, ohne dass sich Autotester aufregen. Doch was schon anderthalb Meter im Alltag bedeuten, zeigt sich beim Blick auf die Restgeschwindigkeit: Während der Test-Golf mit den Continental-Reifen schon steht, hat er mit den Wettbewerbern von Goodyear oder Maxxis noch etwas mehr als 20 km/h drauf. „Auf dem Trockenkurs sind heute fast alle Reifen gut“, kommentiert Tester Henning Renner. Dreimal umfährt er mit jedem Testreifen-Satz den 3,8 Kilometer langen großen Handlingkurs, das GPS-Gerät hält die Rundenzeiten fest: Sie liegen mit allen Testreifen ganz knapp unter zwei Minuten – mit Abweichungen von weniger als einer Sekunde.

Das Feingefühl der Tester

Wenn sich hier Unterschiede abzeichnen, dann in jener Disziplin, die kein Messgerät abbilden kann: in der subjektiven Wahrnehmung des Fahrdynamik-Experten. So zeichnet sich der Maxxis durch besonders gutes Ansprechen auf Lenkbefehle aus, während der Nokian eine leichte, aber völlig unkritische Übersteuerneigung zeigt. „Alle haben ein gutes Lenkverhalten und guten Grip, zeigen nur  leichtes Untersteuern in Kurven und kaum Lastwechselreaktionen in Kurven“, lobt Henning Renner. Wahrscheinlich bekämen sie am Ende alle das Prädikat „sehr empfehlenswert“ – wenn es nicht öfter mal regnen würde. Denn Kenner wissen, dass sich Reifentests auf nassem Asphalt entscheiden.

Michelin punktet beim Bremsen auf nasser Strecke

Es beginnt beim Bremsen: Hier stemmt sich der Test-Golf am entschiedensten in den Asphalt, wenn Michelin-Reifen montiert sind. Er steht, voll verzögert aus 100 km/h, schon nach 48 Metern. Damit sammelt er in der Ergebnistabelle die 30 maximalen Punkte, doch schon der Zweitbeste von Continental braucht zwei Meter länger. Es folgt ein großes Mittelfeld mit Bremswegen zwischen 52,1 und 53,9 Metern. Und ein klarer Verlierer: Mit dem Maxxis steht der Golf erst nach 56,9 Metern. Oder anders gerechnet: Wenn der Golf mit den Michelin-Reifen schon steht, ist er mit dem Maxxis noch fast 40 km/h schnell.

Aquaplaning und Kurvenfahrt meistert der Maxxis am besten

Bei den Aquaplaning-Eigenschaften verändert sich das Bild. Hier wird bei einer Wasserhöhe von neun Millimetern gemessen, wann der Reifen bei Geradeausfahrt aufschwimmt. Hier bleibt der Test-Golf mit Maxxis-Reifen am längsten lenk- und beherrschbar, während der Grip des Laufenn bereits bei 70,5 km/h abreißt. Und auch bei der Kurvenfahrt auf nasser Strecke schneidet der Maxxis besonders gut ab. Am Ende bringt ihn das schwache Nassbremsen sogar um den Gesamtsieg.

Den perfekten Regenreifen gibt es nicht

Die Handling-Fahrversuche auf nasser Strecke bestätigen den Eindruck, dass es den perfekten Regenreifen in diesem Vergleich nicht gibt. In zwei Durchgängen befährt Henning Renner den 1.800 Meter langen Nasshandling-Kurs, beide Male dokumentiert das GPS-Messgerät Unterschiede von bis zu fünf Sekunden – das ist ein Wort.

Continental und Michelin führen bei Nässe – vor einem breiten Mittelfeld

Am besten schneiden Continental und Michelin ab: Sie bieten guten Grip, untersteuern nur leicht und sprechen fein auf Lenkbewegungen an. Weniger einverstanden ist Fahrdynamik-Spezialist Henning Renner mit dem BF Goodrich und dem Laufenn: Sie zeigen eine zu markante Untersteuerneigung und enttäuschen mit schwacher Seitenführung. Auch bei der Lenkpräzision halten sie nicht mit den Besten mit. Natürlich bremst das ESP den Golf zuverlässig ein, bevor es haarig wird. Und doch lassen sich heikle Situationen besser meistern, wenn das Auto ganz genau so reagiert, wie es der Fahrer erwartet.

„Die restlichen Testkandidaten liegen dazwischen“, sagt Henning Renner: Sie sind bei Nässe nicht brillant, aber auch nicht wirklich schlecht, vor allem bieten sie dem Fahrer eine ausreichende Sicherheit – selbst ohne ESP, auch wenn dieser Fall kaum noch vorkommen wird.

Goodyear ist auf leisen Sohlen unterwegs

Ein guter Reifen fällt nicht auf, erst recht nicht in der Umwelt-Wertung. Weil lautes Abrollen nervt, gehört zum Testprogramm auch das Messen des Vorbeifahrgeräuschs. Bei Tempo 50 liegen zwei db(A) zwischen dem Goodyear, dem leisesten, und dem Continental als lautestem Reifen im Test. Bei 80 sind es jedoch schon 3,3 db(A).

Ein höherer Verbrauch ist beim Maxxis der Preis für gute Haftung

Und dann ist da noch ein typischer Zielkonflikt, der in fast jedem Reifentest auffällt: je höher der Rollwiderstand, desto höher der Verbrauch. Gerade Reifen mit guter Nasshaftung schwächeln bei der Wirtschaftlichkeit, weil der bessere Grip den Rollwiderstand erhöht. Tatsächlich schneidet der Aquaplaning-Meister von Maxxis hier nur mittelmäßig ab. Und ganz vorne in der Rollwiderstands-Wertung liegt der Michelin, der in der Aquaplaning-Wertung weiter hinten landet.

Testsieger Nexen verbindet gute Qualität und günstigen Preis

Am Ende zählt natürlich auch der Preis. Und der zeigt, dass ein richtig guter Reifen für Golf & Co. nicht teuer sein muss: Denn den Gesamtsieg nach Punkten fährt mit dem Nexen Nfera Sport SU2 der zweitgünstigste Reifen des Vergleichs ein. Er ist der Beste unter den Guten, doch auch seine Wettbewerber blamieren sich nicht: Selbst der Letztplatzierte verdient sich noch das Prädikat „empfehlenswert“.

Auf diese Autos passen die getesteten Reifen:

Wir sind die Tests mit dem neuen VW Golf VIII gefahren, die Reifen passen aber u. a. auch auf:

  • Alfa Romeo Giulietta
  • Audi A3, und A4
  • BMW 1er, 2er und 3er
  • Honda Civic
  • Mercedes A-Klasse, B-Klasse und C-Klasse
  • Opel Astra und Zafira
  • Peugeot 308
  • Renault Mégane
  • Seat Leon
  • Škoda Octavia
  • Toyota Corolla
  • VW Golf, Tiguan und Passat

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