Reifentest:

Ganzjahresreifen im Test – Guter Kompromiss?

24.09.2019

Weil die Winter immer milder werden und der Wechsel nervt, verkaufen sich Ganzjahresreifen immer besser. Doch sind sie auch eine gute Wahl? Wir haben acht der „Alleskönner“ antreten lassen.

Erst klirrende Kälte, dann brütende Hitze: Wir wollten es in diesem Jahr wissen und haben die Ganzjahresreifen hart rangenommen. Schon auf dem Weg ins nordfinnische Ivalo zeigte das Thermometer mehrfach minus 39 Grad Celsius an; der Motor stotterte und sogar einige Assistenzsysteme quittierten wegen Unterkühlung ihren Dienst. Zwangspause also auch für die Techniker und Tester – denn bei solch extremen Bedingungen ändert sich der Schnee: Ein Reifen, der bei 40 Grad minus funktioniert, muss das nicht bei Temperaturen rund um den Gefrierpunkt.

Im Test: Reifen für Hochdachkombis, Vans und Mittelklasse-Limousinen

Zwei Tage später dann die gewünschten Bedingungen: Knapp 10 Grad unter null, bewölkt, aber nicht windig und nur leichter Schneefall – so sind die Messreihen vergleichbar und die Mannschaft kann sich ganz auf ihre Arbeit konzentrieren. Diesmal dabei: acht Ganzjahresreifen der Größe 205/60 R16, wie sie auf viele Hochdachkombis wie Citroën Berlingo, Vans wie VW Sharan und Renault Scénic oder Mittelklasse-Limousinen wie BMW 3er und Audi A4 passen.

Ganzjahresreifen erfreuen sich wachsender Beliebtheit

Außerdem wollten wir wissen, wie sich die Reifen an einem warmen Sommertag verhalten, und haben die Nass- und Trockenversuche diesmal im August in der Nähe von Wien durchgeführt. Denn dass sie herbstliche und winterliche Bedingungen ganz gut meistern, haben die „All Seasons“ schon im Vorjahres-Test bewiesen.
Damals hatten wir jedoch zu Vergleichszwecken nur eine geringe Zahl dabei. Doch weil sie sich immer besser verkaufen – allein im vergangenen Jahr wurden zehn Prozent mehr Ganzjahresreifen verkauft – haben wir in diesem Jahr die Verteilung umgedreht und nur jeweils einen Referenzreifen für Sommer und Winter mitgenommen.

Sommerreifen können auf Schnee und Eis zur tödlichen Gefahr werden

Nicht überraschend scheitert der Sommerreifen schon am Handlingtest, weil er eine kleine Steigung auf der Teststrecke gar nicht erst hochkommt. Der Berlingo dreht sich um die eigene Achse und rutscht dann bergab. Selbst beim Beschleunigen und Bremsen auf topfebener Strecke sind die Werte so schlecht, dass der Reifen exakt null Punkte erzielt. Deshalb an dieser Stelle noch einmal die eindringliche Warnung: Wird es plötzlich kalt, fällt Schnee oder droht überfrierende Nässe, sind Sommerreifen lebensgefährlich. Selbst die kürzeste Strecke innerorts kann bei winterlich nasser oder matschiger Fahrbahn zum Todesrisiko werden.

Fehlender Grip macht die Bremswege bedrohlich lang

So miserabel wie der Sommerspezialist performt jedoch keiner der Ganzjahresreifen im Test! Doch die Reifen von Michelin, Nexen und Bridgestone enttäuschen auf schneeglatter Fahrbahn auf voller Länge. Beim Beschleunigen und Bremsen können die Gummis trotz ihrer Vielzahl an Lamellen keinen richtigen Grip aufbauen. Im Alltag bedeutet das im besten Fall, dass das ESP pausenlos eingreift und an halbwegs flüssiges Vorwärtskommen nicht mehr zu denken ist; oder es bedeutet eben, dass trotz ABS die Bremswege bedrohlich lange werden. Plastisch ausgedrückt: Steht der beste Reifen bereits nach 31 Metern, brauchen Michelin und Nexen eine halbe Wagenlänge mehr.

Bereits kleine Steigungen werden zum Problem und Kurven zur Gefahr

Sie kennen das Bild vom plötzlichen Wintereinbruch und den Lastern, die an den Kasseler Bergen scheitern? Genauso quält sich der Bridgestone-bereifte Berlingo eine kleine Steigung auf der Teststrecke herauf. Deutlich werden die Defizite auch im technischen Teil des Handlingparcours. Bei allen drei Reifen bemängeln die Testfahrer ein unpräzises Lenkverhalten: Weil die Reifen jegliche Rückmeldung vermissen lassen, ist allzeit vorsichtiges „Fahren wie auf Eiern“ angesagt. Die schwache Seitenführung führt dazu, dass entsprechend bereifte Fahrzeuge auf einer kurvigen Landstraße schnell von der Straße abkommen und in den Gegenverkehr rutschen können.

Zwischenbilanz: Die Ganzjahresreifen von Bridgestone, Michelin und Nexen können auf Schnee nicht überzeugen

Fazit: Bridgestone, Michelin und Nexen bieten auf Schnee höchstens Notlaufeigenschaften, der Grenzbereich ist so schmal, dass weniger geübte Fahrer schnell die Kontrolle verlieren würden. Ganz klar: Finger weg, zumindest wenn Schnee und Eis drohen. Und auch wenn die letzten Winter mild waren – im Schnitt mehr als zwanzig Schneetage gibt es in Deutschland fast überall, Tage mit Minustemperaturen und Bodenfrost ohnehin. Mit solchen Einschränkungen eignen sich die besagten Möchtegern-Alleskönner höchstens für das nordwestdeutsche Tiefland.

Fulda, Nokian und Continental zeigen fast Winterreifen-Qualitäten

Doch dass die Generalisten nicht unbedingt das Nachsehen auf Schnee haben müssen, zeigt die Spitzengruppe um Fulda, Nokian und Conti – alle drei sind auf schneebedeckter Fahrbahn in Schlagdistanz zum Winter-Referenzreifen und Vorjahressieger von Conti. Und auch das gibt es: Der Ganzjahresreifen von Fulda ist auf Schnee dem Winterreifen hinsichtlich Beschleunigung und Bremsen sogar überlegen, allerdings nicht ganz so leicht zu beherrschen wie der Winter-Spezialist.

Bei sommerlichen Bedingungen wendet sich das Blatt

Als Ganzjahresreifen im eigentlichen Sinne ist der Fulda trotzdem nicht perfekt geeignet. Dafür schneidet er bei unserem Sommerpart nicht gut genug ab. Sowohl auf nasser als auch auf trockener Strecke liegt er hinten. Die Kritik: Er bietet wenig Seitenführung und lässt sich nur unpräzise durch den Parcours zirkeln. Insgesamt drehen sich bei sommerlichen Temperaturen um die 25 Grad einige Ergebnisse: Der auf Schnee so gescholtene Bridgestone überzeugt mit Bestwerten auf dem Niveau eines Sommerreifens. Auch Michelin und Hankook mögen trockenen Asphalt, liegen auf Nässe jedoch nicht in der Spitzengruppe. Dort ist der Goodyear ebenfalls vorne mit dabei, doch seine Schwächen auf Schnee verhindern eine bessere Gesamtplatzierung.

Testsieger AllSeasonContact von Continental macht seinem Namen alle Ehre

Dem AllSeasonContact von Conti gelingt der Dreiklang „Schnee-nass-trocken“ am besten. Er bremst und lenkt sich auf Nässe eher wie ein Winterreifen und auf trockenem Asphalt wie eine Mischung aus Sommer- und Winterreifen, was in diesem Fall eher positiv zu werten ist. Beim Aquaplaning ist nur der Winterreifen besser. Ein Lob auch von der Handling-Crew: Insgesamt ist jederzeit gut vorhersehbar, wie der Reifen reagieren wird. Beim Bremsen auf trockener Fahrbahn oder bei plötzlichen Lastwechseln gibt es allerdings noch Potenzial.

Wer sich für Ganzjahresreifen entscheidet, muss Kompromisse eingehen

Fazit: Nicht nur für unsere Bewertung wäre eine Mischung aus drei verschiedenen Reifen ideal: Dem Fulda für die paar Tage im Jahr, an denen es eiskalt ist und schneit, dem Conti bei Regen – ganz egal zu welcher Jahreszeit. Und dem Michelin für die trockene Strecke. Drei verschiedene Profile: Das wäre zwar erlaubt, doch das Handling sicher unterirdisch. Der Kompromiss kann also nur sein: Sich für einen entscheiden und die Einschränkungen kennen, denn mit guten Sommer- und Winterreifen können die meisten Ganzjahresreifen mittlerweile mit- halten – bloß den einen, der alles kann, den haben wir auch in diesem Jahr nicht gefunden.

Unsere Testergebnisse haben wir in einer Tabelle (pdf) für Sie zusammengefasst.

So haben wir getestet

Der aktuelle Reifentest wurde von ACE, ARBÖ und GTÜ gemeinsam in zwei Abschnitten durchgeführt: die Winterversuche auf dem Nokian-Testgelände „White Hell“ im Norden Finnlands bei Temperaturen von etwa –15 °C, die Nass- und Trockenversuche bei 22–26 °C auf einer Teststrecke in der Nähe von Wien. Als Testfahrzeuge dienten vier Citroën Berlingo (Bj. 18/19). Die Bremswegmessung fand jeweils als „Fensterbremsung“ statt, also nicht bis zum Stillstand, um Messungenauigkeiten beim Übergang von Haft- in Gleitreibung zu vermeiden. Auch die Beschleunigung auf Schnee findet aus diesem Grund nicht aus dem Stillstand statt. Die Traktionskontrolle ist dabei aktiviert, um möglichst alltagsnahe Situationen nachzustellen. Beim Handlingtest werden die Fahrzeit bewertet sowie subjektive
Eigenschaften. Außengeräusch und Rollwiderstand werden nach standardisierten Testabläufen gemessen: das Vorbeirollgeräusch bei 80 km/h in db(A) nach 2001/43/EC, der Rollwiderstand in einem Maschinenversuch. Nach Möglichkeit werden alle Tests mehrfach wiederholt. Die Reifen wurden verdeckt im Dezember 2018 gekauft und sind laut den Herstellern unverändert weiter auf dem Markt erhältlich. Die Preise wurden vom Bundesverband Reifenhandel und Vulkaniseur-Handwerk (BRV) e.V., Stand August 2019, ermittelt.

Weitere Informationen

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