Fahrbericht:

Mercedes B-Klasse – Ein Auto nicht nur für die Silver Surfer

05.09.2019

Wer A sagt, muss auch B sagen und so ist es nicht ganz überraschend, dass Mercedes nach der A-Klasse auch die B-Klasse komplett überarbeitet hat. Seit Februar steht die dritte Generation bei den Händlern. Der kompakte Van ist deutlich sportlicher als bisher, hat das moderne Innenleben der verwandten A-Klasse (W177). Ob das ausreicht, um auch junge Familien anzusprechen?

Wer Spaß an digitaler Technik, hochauflösenden Monitoren statt klassischer Armaturen oder einer langen Liste an elektronischen Beifahrern hat, kann bei Mercedes jetzt auch bei der B-Klasse zugreifen. Die dritte Auflage will endgültig das Image des bevorzugten Fortbewegungsmittels der Generation „55 plus“ hinter sich lassen. Ob das klappen wird, darf freilich bezweifelt werden. Denn laut dem Vergleichsportal Verivox liegt der gerade eingestellte W 246 ganz weit vorne in der Gunst der ältesten Versicherungsnehmer, nämlich auf Platz 2. Und viele Käufer bleiben Marke und Modell nach einem Generationswechsel treu. Sehr wahrscheinlich also, dass auch die nächste Generation eher wieder silbergraue Haare trägt und damit zu den Silver Surfern zählt, also der Generation, die älter als 50 Jahre ist. Deshalb bleibt sich auch die B-Klasse in vielen Punkten treu – beispielsweise beim Raumkonzept und dem bequemen, weil hohen Einstieg. Ganze neun Zentimeter höher als bei der A-Klasse sind die Sitze montiert.

Praktisches Raumkonzept, bequemer Platz für mindestens vier

Doch das finden einerseits nicht nur Ältere praktisch, sondern auch Familien – wenn beispielsweise die (Klein-)Kinder ganz bequem in die Kindersitze gehievt werden können, weil neben den hohen Türen auch der Türausschnitt entsprechende Bewegungsfreiheit bietet. Andererseits darf die Internetaffinität der Silver Surfer nicht unterschätzt werden: Laut dem Statistischen Bundesamt waren 2018 schon knapp 80 Prozent der 60- bis 69-Jährigen Internetnutzer, kennen und schätzen also die Möglichkeiten der Vernetzung im Alltag.

Digitale Helferlein an allen Ecken und Enden

Einfache, intuitive Bedienung, große Schrift und Zoomfunktionen sollen dafür sorgen, dass Online-Funktionen auch von Älteren genutzt werden. Bei der B-Klasse trifft das jedoch nur teilweise zu. Große Digitaldisplays (Serie sind zwei Mal 7 Zoll) ersetzen wie in der A-Klasse das konventionelle Kombiinstrument. Wer das große MBUX-Paket (Mercedes Benz User Experience) bestellt, bekommt ein riesiges Multimediadisplay (10,25 Zoll). Damit der Autofahrer nicht von der Informations- und Einstellungsdichte erschlagen wird, sind die Funktionen in drei Ebenen gegliedert. Das ist in der Tat hilfreich, doch einfach reinsetzen und ohne Vorkenntnisse losfahren wird selbst durch diese digitale Reduzierung nicht funktionieren. Für viele geht es schon beim Motorstart los, für einige Käufer wird es der erste Kontakt mit einem Fahrzeug ohne konventionellen Schlüssel und Zündung sein. Denn die gibt es gar nicht mehr – schon im Serienumfang ist der Start schlüssellos. Digital Natives, also die Generation, die mit dem Internet aufgewachsen ist, wird vielleicht gleich noch beim Code 896 in der Ausstattungsliste den Haken setzen. Dann lässt sich das Auto mit dem Handy auf- und zuschließen und natürlich auch der Motor starten. Sprich: Der Schlüssel wird überflüssig, zumindest so lange das Handy genug Strom hat. Wer erst mal drin sitzt, kann kabellos nachladen, weitere Sicherheit gibt vielleicht doch der Funkschlüssel in der Handtasche.

Ein bisschen Mut ist gefragt

Im Alltag viel hilfreicher ist allerdings ohnehin die Sprachbedienung, die wirklich intuitiv und ohne große Vorbereitung funktioniert. Wer sich traut, kann einfach „Hey Mercedes, mir ist kalt!“ sagen und schon wird die Temperatur hochgedreht. Das klappt für eine Fülle von Funktionen, nur sicherheitsrelevante Aspekte sind ausgenommen – die Fenster senken sich beispielsweise nicht per Sprachkommando. Ansonsten funktioniert das System wirklich gut. Wer sich auf MBUX einlässt, wird überrascht sein, was der Van aufs Kommando „Hey Mercedes“ alles versteht und umsetzt.

Große Auswahl an Motoren und Getrieben, Plug-Ins folgen

Nach der digitalen Rundumversorgung geht es an die klassischen Auto-Tugenden: Wir sind das Modell B 200 gefahren, das ab 31.475 Euro erhältlich ist. Dort leistet ein 1,3-Liter-Dieselmotor 163 PS. Den gleichen Hubraum (exakt sind es 1332 cm³) haben auch die auf dem Papier etwas schwächeren Modelle B 160 und B 180 (109/136 PS), nach oben hin gibt es noch zwei Varianten mit etwa 2,0 Liter Hubraum und 190 beziehungsweise 224 PS. Ähnlich ist auch das Angebot an Dieseln mit ca. 1,5 Liter und 2,0 Liter Hubraum und 95, 116, 150 und 190 PS. Bereits in wenigen Monaten soll außerdem eine Plug-In-Variante mit bis zu 75 Kilometern rein elektrischer Reichweite folgen, sie wird B 250 e heißen und einen Akku mit 15,6 kWh Kapazität mitbringen. Ihr Preis: ab 37.664 Euro und damit sogar 12000 Euro günstiger als das vergleichbare Modell B 250.

Erstes Modell mit Euro 6d

Die Einstiegsmodelle gibt es jeweils mit 6-Gang-Handschaltung, die stärkeren Diesel mit 8-Gang-Automatik – für alle anderen Varianten steht die 7-Gang-Automatik (7G-DCT) zur Verfügung. Die arbeitete in unserem Test akzeptabel, sucht und findet meist den richtigen Gang, vollkommen unabhängig davon ob es sich um einen zügigen Ampelstart oder um eine geruhsame Überlandrunde handelt. Die liegt ihr zugegebenermaßen aber besser, was nicht nur am hohen Schwerpunkt liegt. In Kombinationen mit der guten Geräuschdämmung und dem Fahrwerk, das jegliche Unebenheiten schluckt, fühlt man sich fast schon abgekapselt oder wie auf einer Wolke. Dass die Abgaswolke aus dem Auspuff möglichst klein bleibt, dafür hat Mercedes ebenfalls gesorgt. Die Dieselmodelle waren immerhin die ersten Euro-6d-Modelle überhaupt. Die Benziner, wie unser Testwagen, erfüllen zumindest Euro 6d-TEMP.

Die B-Klasse sitzt zwischen den Stühlen

Für weitere Wellness sorgt ein System, das von größeren Modellen bekannt ist. Es nutzt Funktionen von Klimaanlage oder Sitzsteuerung und erzeugt je nach Laune der Mitfahrer spezielle Licht- und Musikstimmung. Wird das Programm „Freude“ gewählt, beginnt der Sitz mit einer gezielten Massage und wählt eine im Rhythmus passende Musik. Ist sich der Fahrer nicht über seine momentane Laune sicher, werden Verkehrslage, Wetter oder Fahrtdauer analysiert und eine Stimmung vorgeschlagen. Ein weiteres Programm soll Rückenschmerzen bei längeren Fahrten vorbeugen. Sitzkissen und -lehnen werden dabei in bestimmten Zeitabständen um wenige Millimeter oder Grad verstellt. Diese Sitzkinetik überrascht, ob sie tatsächlich zur „Revitalisierung“ beiträgt, konnten wir nicht endgültig klären – vier Fahrer hatten immerhin vier verschiedene Meinungen – hier gilt ganz klar: selbst ausprobieren und dann entscheiden, was ohnehin für die ganze B-Klasse gilt. Denn nach knapp zweiwöchigem Test ist klar: Die B-Klasse hat sich ganz neu erfunden, ob es die dafür richtige Zielgruppe schon gibt und diese auch den Weg zu Mercedes findet, wird sich in den nächsten Monaten erst zeigen.