E-Mobilität:

Tesla Model 3 – iPad auf Rädern

27.09.2019

Das Tesla Model 3 bietet Fahrleistungen eines Sportwagens zum Mittelklasse-Preis und obendrein eine alltagstaugliche Reichweite. Wir sind 1500 Kilometer mit dem „Gamechanger“ gefahren.

Das Model 3 könnte die erfolgsverwöhnte deutsche Autobranche das Fürchten lehren. Jahrelang sang sie bei den E-Autos das Mantra von langen Ladezeiten, hohen Batteriekosten und kurzen Reichweiten. Dass dies nicht so sein muss, hat Tesla schon mit den beiden Luxusmodellen S und X unter Beweis gestellt. Doch der Einstieg in die Tesla-Welt kostete mindestens 87.000 Euro. Nicht so beim Model 3. Mit Einstiegspreisen ab 43.390 Euro (abzüglich 4000 Euro Umweltprämie) ist die Mittelklasse-Limousine günstiger als Dreier-BMW oder C-Klasse in Buchhalter-Ausstattung, bietet aber schon heute den Blick in die Zukunft.

Handy statt Schlüssel, Glas- statt Stahldach, Gepäckfach statt Motorraum

Das fängt zum Beispiel beim Schlüssel an: Den gibt es nämlich gar nicht mehr. Ins Auto kommt, wer eine entsprechende Chipkarte hat oder, noch einfacher, das Auto per Handy entriegelt. Konventionelle Türgriffe? Gibt es nicht! Stattdessen aerodynamisch optimierte Hebel, die auf Druck herausklappen. Stahldach? Auch Fehlanzeige! Alle Model 3 haben ein Panorama-Glasdach. Das sieht nicht nur schick aus, sondern ist auch stabiler. Dünner ist es ohnehin und bietet dadurch mehr Kopffreiheit. Und eine Motorhaube gibt es natürlich auch nicht. Stattdessen findet sich vorne ein kleines Gepäckfach – zusätzlich zum großen Kofferraum (425 Liter) im Heck.

Im futuristischen Cockpit hat man mit dem Touchscreen alles im Griff

Was Tesla noch weggelassen hat: das klassische Armaturenbrett mit Rundinstrumenten und Lüftungsdüsen. Stattdessen gibt es einen riesigen Touchscreen, über den quasi alle Funktionen gesteuert werden. Selbst das Handschuhfach hat keinen Griff mehr, sondern öffnet nur nach Druck auf die entsprechende Fläche auf dem Touchscreen. So wirkt das Cockpit sehr futuristisch, einziges Manko: Die eher günstig anmutende Materialauswahl lässt es auch etwas steril wirken.

Viele Spielereien, aber kein Head-up-Display

Tesla hat also viel mehr als nur den Antrieb neu gedacht. Das wird den ein oder anderen Autofahrer überrumpeln. Doch gerade die Generation Smartphone wird darauf stehen. Denn bei der Bedienung haben sich die Kalifornier an Apple orientiert: Keine Schalter, kaum Tasten, einfache Menüstruktur und Platz für ein paar Spielereien war auch noch. So lässt sich in den Ladepausen zum Beispiel mit dem Lenkrad ein Rennspiel zocken und auf Wunsch furzt (sic!) der Blinker in verschiedenen Varianten. Noch besser als solche Spielereien würde ihm ein Head-up-Display stehen. Das gibt es allerdings nicht in der Aufpreisliste, die ohnehin sehr kurz ist. Das soll die Produktion und Auslieferung beschleunigen, bei der es bis heute mächtig knirscht. Von Lackmängeln und Defekten berichten zahllose Model-3-Besitzer.

Das Model 3 ist sparsam, aber dynamisch unterwegs

Fahrerisch ist das Fahrzeug dagegen über jeden Zweifel erhaben. Das von uns gefahrene Performance-Modell bietet 483 PS und beschleunigt damit in 3,4 Sekunden auf 100 km/h. Selbst die schwächeren Einstiegsmodelle brauchen dafür nur 5,6 Sekunden. Werte, wie sie sonst nur von reinrassigen Sportwagen erzielt werden. Doch das Model 3 kann auch sparsam, rekuperiert bei jeder Verzögerung und bringt es in unserem Test auf knapp 20 kWh auf 100 Kilometern, was dem Energiegehalt von etwa zwei Litern Diesel entspricht und an der Haushaltssteckdose ungefähr sechs Euro kostet.

Laden einfach während dem Wocheneinkauf

Günstiger geht es zum Beispiel an den vielen kostenlosen Ladesäulen bei Discountern und Supermärkten, denn das Model 3 lässt sich erstmals bei Tesla auch am CCS-Schnelllader laden. Während einem dreiviertelstündigen Einkauf wäre da eine Reichweite von ca. 150 Kilometern geladen. Noch schneller gehtʼs am Tesla-Supercharger. Dort steigt die Reichweite in fünf Minuten um 120 Kilometer. Weil die sich in Europa mittlerweile fast überall finden, sollte damit die Reichweiten-Angst ein Thema von gestern sein! Sind die 75-kWh-Akkus voll, kommt das Model 3 problemlos 400 Kilometer weit, mit Klimaanlage auf niedrigster Stufe und wenig Gepäck waren es auch 450.

Kunststoffsitzbezüge machen das Model 3 zum veganen Auto

Allzu groß dürfen die Beifahrer hinten allerdings nicht sein. Denn obwohl das Model 3 auch auf der Rücksitzbank ordentlich Platz bietet: Die Sitzposition ist leider so niedrig, dass große Menschen nur noch mit dem Hintern Kontakt mit den Kunststoffsitzen haben, die Unterstützung durch die Oberschenkelauflage fehlt leider völlig. Vorne sitzt es sich dagegen gut. Kunststoff als hochwertigster Sitzbezug ist in der Mittelklasse allerdings eher ungewöhnlich. Tesla verkauft das als Fortschritt, das Model 3 sei nun komplett vegan.

Bei Fahrassistenten und Konnektivität ist noch Luft nach oben

Man merkt, das Klappern versteht Elon Musk, seines Zeichens Vorstand bei Tesla. Doch nicht immer reicht das: Die großspurig „Autopilot“ genannte Funktionalität (6300 Euro Aufpreis) reagiert in vielen Belangen schlechter als die Spurerkennung und Abstandsautomatik der Konkurrenz. Und auch beim Thema Connectivity ist Tesla bei weitem nicht der Vorreiter wie beim Antrieb: Zwar bietet das Model 3 vielerlei Funktionen direkt ab Werk, zum Beispiel die Google-Navigation mit aktuellen Verkehrsinfos, Spotify- und TuneIn-Integration. Doch auf der anderen Seite lässt sich nur ein einziges Routenziel eingeben, die Spracherkennung ist fehleranfällig und viele Wünsche kann sie noch nicht in Befehle ummünzen. Das können Mercedes und BMW wesentlich besser. Doch wer Tesla kennt, weiß auch, dass dies nicht so bleiben muss. Denn im Gegensatz zur Abgasnachbehandlung lassen sich eine verbesserte Spracherkennung und zusätzliche Features jederzeit per Update „over the Air“ nachrüsten.

Technische Daten Tesla Model 3 (pdf)